#Lesestoff

Jannis Palavos, Witz

04.05.2015

Eine alte Frau stürzt im Schnee und bricht sich ihr Becken, ein Jahr später sitzt sie als Zwanzigjährige auf einer Bank und unterhält sich mit ihrem Enkel. In den knappen sechs Seiten der Erzählung „Alte Menschen“ von Jannis Palavos werden die immer dagewesene Armut der griechischen Provinz, eine desolate medizinische Versorgung und eine zukunftslose junge Generation dargestellt. Doch nur beiläufig; denn die Erzählungen von Jannis Palavos, für die er die zwei wichtigsten Preise in Griechenland 2013 erhalten hat, den Preis der Zeitschrift Anagnostis und den Staatspreis, zeichnen sich nicht als Wut- oder Anklageschriften aus, sie sind vielmehr mit leichter Hand geschrieben, poetisch, surreal und überaus zärtlich. Die Erzählung, die hier in der Übersetzung von Nikolaos Kaissas erscheint, ist die erste seines sehr positiv aufgenommenen Erzählbandes Witz (Nefeli Publishing, 2012).

Erzählung: Alte Menschen

Meine Oma hat sich letztes Jahr an Epiphanias die Hüfte gebrochen. Sie ist morgens zum Gottesdienst losgelaufen. Es schneite. Das Kopfsteinpflaster war gefroren. Sie ging dicht an den Hauswänden entlang. Beim Dorfplatz, vor der Plastikkrippe, ist sie an einem kleinen Graben gestürzt. Man hat sie zehn Minuten später gefunden, sie zitterte vor Schmerzen und vor Kälte. Das warme Blut hatte duftende Löchlein im Schnee gebildet.

Die Ärzte sagten, sie würde wohl nicht mehr Laufen können. Sie musste in einem schlecht beleuchteten Zimmer bleiben, einen Monat lang. In den Ecken schälte sich der Putz von der Wand und man sah die Farbschichten, wie bei einem Ausgrabungsquerschnitt. In der ersten Woche fragte ich nach Diensturlaub, um sie zu besuchen. Sie weinte. Meine Mutter hielt ihr die Hand und beugte sich zum Terrazzo, zur Seite der Krankenschwester.

Zurück ins Haus vom Onkel ist sie an Karneval heimgekehrt. Mein Onkel war Witwer. Er war andauernd auf Dienstreise. Meine Mutter kümmerte sich um Oma, sie wechselte ihr die Unterwäsche, fütterte sie, strich ihr die Haare glatt. Ein halbes Jahrhundert zuvor passierte das Gleiche umgekehrt. Inzwischen kam der Beginn der Fastenzeit, draußen stiegen die Drachen, und dann war Ostern. Gegen Sommeranfang ertrank ein kleiner Junge vom Zigeunerviertel in einer Zisterne, es kamen Streifenwagen, die Cafés brummten. Doch für Oma war das Leben nunmehr bloß ein Fenster neben dem Bett. Ein Fenster von vierzehn Zoll, kleiner als der Bildschirm vom Fernseher auf der anderen Seite, auf dem Nachttisch.

Im Oktober nahm ich meinen Dienstaustrittsurlaub. Ich kehrte zurück ins Dorf. Meine Freunde waren nicht da - einer hatte Klausuren, andere waren im Masterstudium, wieder andere waren eingeschüchterte Rekruten. Ich stand mittags auf und wartete. Ich sperrte mich mit ausgeliehenen Filmen im Zimmer ein. An den Nachmittagen spazierte ich die Hügel entlang. Die Zedern warfen lange Schatten, von den Pinien tropfte die kühle Frische. Die Landschaft am Horizont dampfte. Vertane Zeit.

Nach und nach verbesserte sich Omas Gesundheitszustand. Irgendwie haben es ihre Füße geschafft, ihren Körper zu tragen. Der Arzt gab ihr eine Gehhilfe. Sie wanderte im Zimmer umher, ein Schritt pro Minute. „Schau, Tasso, schau!“, sagte sie mir als ich sie besuchen ging. Sie neigte sich nach vorne und umklammerte die Griffe. Für ein paar Sekunden verharrte sie in derselben Stellung. Sie glich einem Gewichtheber, der sich konzentrierte, um die Hantel hochzubekommen. Sie beugte das Knie und ging vierzig Zentimeter. Ein Lächeln wie ein Blitz.

Einen Sonntagnachmittag, Ende November, klopfte meine Mutter bei mir. Sie hielt eine Tupperdose in den Händen.

„Galatopita für deinen Onkel. Bring sie ihm bitte, ich bin kaputt.“

Ich lag mit angezogenen Schuhen zusammengerollt auf meinem Bett, las in der gestrigen Zeitung. Ich meckerte, aber sie ließ nicht mit sich reden. Ich lief bergab zu Oma. Der Onkel schleifte zwei rote Pantoffeln bis zum Treppenabsatz.

„Willst du Oma guten Tag sagen?“, fragte er.

„Ein anderes Mal.“

Ich drehte mich um zum Gehen und erblickte ihr Gesicht im Fenster. Es war reglos, zentriert wie ein Foto. „Komm mal kurz“, sagte sie.

Das Erdgeschoss, in dem sie lebte, war früher ein Stall. Neunundsiebzig und achtzig wurden meine Cousins geboren. Die Familie brauchte Platz. Die Tiere wurden geschlachtet, der Stall gesäubert und sie wurde dorthin abgesetzt. Ich erinnere mich noch daran, wie ein dickliches Schweinchen an dieser Stelle grunzte, an der jetzt die Schlafcouch steht. Ich zog mir einen Hocker ran.

„Läuft die Schule?“

Ich antwortete nicht. Tabletten auf dem Tisch zwischen uns. Sie schnappte sich die Gehhilfe.

„Ich laufe“, sagte sie. „Ich kann's.“

„Ich weiß, Oma. Brauchst du nicht.“

„Schau!“

Sie stützte sich auf und schritt los. Ich wollte ihr helfen.

„Bleib sitzen“, sagte sie. „Ich gehe nur zum Klosett.“

Sie durchquerte die vier Meter bis zur Toilette. Beim Reingehen deutete sie auf den Hocker. Kaum hatte ich mich gesetzt, war ein Krach zu hören – Glas, das auf Fliesen zerbrach. Ich sprang auf, um nachzusehen, aber Oma rief von drinnen, dass alles in Ordnung sei. Eine Minute später kam eine junge Frau aus der Toilette, die höchstens zwanzig war. Sie trug eine Strickjacke und einen schwarzen Rock, der bis zum Knöchel ging. Ihre Haare waren zu einem Dutt gebunden.

„Wer bist du denn?“

Sie zeigte auf die Schrankwand. In einem Bilderrahmen posierte Opa in einem Hochzeitsanzug. Das Mädchen, das aus dem Bad gekommen war, lehnte sich leicht an seine Schulter. Ich war verwirrt. Ich ging in die Toilette. Niemand. Nicht eine Flasche zerbrochen. Die junge Frau nahm einen Mantel vom Haken und öffnete die Tür.

Ich nahm meine Jacke und folgte ihr. Wir sind aus dem Dorf raus und hoch zur St. Ilias Kirche gelaufen. Auf dem Weg wechselten wir kein Wort. Wir setzten uns auf eine kleine Bank am Rand vom Hügel. Es schneite sanft. Wolken verdeckten den Bergkamm. Sie holte eine Schachtel filterlose Assos aus der Tasche. Sie bot mir eine an.

„Ich wusste nicht, dass du geraucht hast.“

Lachend nahm sie die Zigarette zwischen ihre Lippen.

„Keiner hat es gewusst.“

Sie kramte in ihren Taschen nach einem Feuerzeug. Ich betrachtete sie.

„Ich bin im Bad ausgerutscht und bin mit der Stirn aufgeschlagen“, sagte sie. „Frag nicht – ich bin tot. So wie du rein kamst, bist du gestolpert und neben mir hingefallen.“

„Bin ich auch tot?“

„Ach was. Nur Kratzer. Du bist bewusstlos. Hast du Feuer?“

Ich zündete ihr die Zigarette an. Einen halben Kilometer weiter fuhr ein Traktor im Zickzack die Gräben lang. Ich rauchte und betrachtete dabei die Spuren im verschlammten Feldweg. Es wurde kühl. Die Jacke hatte ich seit dem Gymnasium, sie hatte keine Knöpfe. Sie blickte mich an.

„Ich möchte etwas beichten.“

Pause. Sie wägte meine Stimmung ab.

„In der Besatzungszeit, ich war verheiratet, bin ich mit einem Italiener ins Bett.“ Noch eine Pause. Sie fuhr fort: „Er hieß Enzo. Leutnant der Artillerie. Ein Bild von einem Mann.“

Ich zog die Schultern hoch.

„Wieso erzählst du mir das? Wieso mir?“

„Ich wollte mein Gewissen erleichtern. Zufällig bist du der letzte Mensch, den ich sehe.“

Drumherum fiel leise der Schnee, als hätte jemand eine Glaskugel voll Wasser und weißer Flocken umgedreht. Es dämmerte.

„Hat es dir gefallen?“, fragte ich sie.

Sie lächelte:

„Der beste Moment meines Lebens.“

Wir kicherten fünf Minuten lang. Sie zündete sich eine zweite Zigarette an.

„Und du?“

„Was ich?“

„Ich gehe zu Ende. Was willst du von jetzt an machen?“

„Verschiedenes.“ Ich redete übers Studium, über Jobs, einen Roman, den ich schreiben würde. Über Bekannte in der Hauptstadt, bei denen ich wohnen könne. Ich erzählte, dass ich meine Papiere für ein Auslandsstipendium vorbereitete. Ich schreibe mit einem französischen Maler, eventuell werde ich mich um sein Archiv kümmern. „Viele Optionen.“

Sie nahm den letzten Zug, trat die Kippe mit ihrem Absatz aus. Sie seufzte.

„Nichts, hm? Und du weißt es…“

Ich nickte zustimmend: „Und ich weiß es…“

Der Schnee fiel immer noch.

„Und was wirst du tun?“

„Was weiß ich… Ich werde mich auf die Gutmütigkeit der Fremden verlassen. Ich werde auf die Umstände hoffen. Ich werde in Gebete investieren. Wie du. Wie alle Leute.“

„Einundachtzig Jahre lang habe ich versucht zu verstehen, was alle Leute machen.“

„Hast du es verstanden?“

„Machst du Witze?“

Es wurde langsam dunkler. Es war, als würden wir schweben.

„Bist du wirklich tot?“

„Ja. Wir liegen jetzt auf dem Boden. Schau mal in die Schachtel, ist noch eine Zigarette übrig?“

Sie war leer. Ich zeigte sie ihr.

„Das war’s“, sagte sie. „Du kommst jeden Moment zu dir.“

Es wehte eine leichte Brise. Ich öffnete meine Lider und spürte die kalten Fliesen, etwas weiter lag Oma zusammengebrochen zwischen Scherben, ihre Augen geöffnet, sie sahen zur Decke, aber sahen sie nicht an.

Aus: Γιάννης Παλαβός, «Γέροι άνθρωποι»,
Αστείο. Διηγήματα, Αθήνα, Νεφέλη, 2012.

Übersetzt von Nikolaos Kaissas