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Aris Fioretos
Aris Fioretos — © Heike Bogenberger, Erlangen 2016

09.05.2017

In seinem jüngsten Roman Mary erzählt Aris Fioretos, der Festredner der diesjährigen CeMoG Lecture ("Der Mittelpunkt der Welt ist überall", 16. Juni), von der Festnahme und Deportation einer jungen Studentin in der Zeit zwischen dem Studentenaufstand im November 1973 in Athen und kurz vor dem Fall der Militärdiktatur. Durch Rückblenden aus der Zeit vor dem Militärputsch vermittelt der Roman ein plastisches Bild des erdrückenden Klimas während der Junta, aber auch der gesellschaftlichen Spannungen und der Visionen der Jugend kurz vor der Wiederherstellung der Demokratie. Im folgenden Essay stellt Kostas Kosmas, der griechische Übersetzer von Fioretos' letzten Romanen, Überlegungen zum "griechischen Triptychon" an, das mit Mary seinen Abschluss findet.

Ο Κώστας Κοσμάς, μεταφραστής των τριών τελευταίων μυθιστορημάτων του Άρη Φιορέτου, καταθέτει μερικές σκέψεις για το «ελληνικό τρίπτυχο» του Σουηδού συγγραφέα με τις ελληνικές ρίζες. Ο Άρης Φιορέτος θα είναι ο ομιλητής στη φετινή CeMoG Lecture με τίτλο "Der Mittelpunkt der Welt ist überall", στις 16 Ιουνίου.

Kostas Kosmas: Heiligenbilder

Er ist ein Bild von einem Mann: Er steht, sein strahlend weißes Hemd steckt in der Hose. Die Ärmel hat er bis zum Bizeps hochgekrempelt. Seine Taille ist rank und schlank, und es fällt nicht weiter schwer, sich die Muskulatur unter dem Baumwollstoff vorzustellen. Unter der Hose trägt er eine Badehose. Über der geöffneten Hand sieht man das Armband einer Uhr. Auf dem anderen Arm schlängeln sich die Adern prall und wurmartig, ehe sie in der Armbeuge verschwinden. Jannis ist übrigens der letzte Grieche und lebt in Schweden, im Kopf hat er seine Oma aus Smyrna und sonst Mücken, die ihm seltsame Fragen zuflüstern (»Kann man die Zeit anfassen? Wie weit in einem anderen Menschen ende ich? Exakt wie groß ist ein Herz?«), er hat sich einen Universitätsabschluss einer nichtexistierenden Universität angedichtet, er kann fast alles und was er nicht kann, lernt er schnell: Autofahren, Schwedisch sprechen, Kricket spielen. Eine Familie gründen und sein Leben sowie das Leben seines Engels zerstören.

Ein weiterer Mann: Er ist adrett angezogen. Der Anzug ist wohl neu und sitzt wie angegossen, darunter ein Pullunder, dunkle Krawatte. Er läuft zielstrebig, den Blick nach vorne gerichtet, der Gesichtsausdruck lässt keine Zweifel daran, dass er sich etwas fest vorgenommen hat und dass er es packen wird, genauso wie das Bündel Kleider, das er in der rechten Hand und dicht an seinem Körper hält. Sein bisheriges Leben? Das Bündel ist klein, das bedeutet, das meiste liegt noch vor ihm. Sein ganzes Leben ist auch in ein Bündel Wörter gepackt, zusammenhanglos und ohne verbindendes Verb auf einer Romanseite aneinandergereiht: Agóri, jiós, adelfós, fílos, Freiheitskämpfer, Gymnasiast, Bluthustender, Flüchtling, étudiant, Untermieter, ordentlicher Hörer der Wiener Universität, Freund, griechisches Schwein etc., Liebling, Zugreisender, der erste Grieche, Spüler, Untermieter bei Karin Boyes Witwer, Student, cand. med., Ehemann, Schwiegersohn, Schwager, Übersetzer, Dichter, Aushilfsprovinzialarzt, Vater, Dr. med., Chirurg, Bauherr, Schuldner, svensk medborgare, Sozialmediziner, OA, Kredithai-Geldempfänger, Prof., Dekan, Rektor, politisch unabhängig, Großvater, Mr. Parkinson, Rentner, Emeritus, afendikó, Herr Demenz, Schwedenbesucher, Unfall, Bett 4, Zimmer 5, der Gesterbte

Und eine Frau: Sie wurde Maria getauft, studiert bereits im letzten Studienjahr Architektur und ist laut Pass dreiundzwanzig Jahre alt. Auf dem letzten Foto vom November 1973 trägt sie eine Jeansjacke, ein Polohemd und eine Schlaghose, Halbschuhe und über der Schulter eine Filztasche. Sie wiegt nur etwas über fünfzig Kilo, aber sie fühlt sich aufgeschwemmt, auch ihr Hals erscheint voller. Die Augenbrauen sind zwei breite Pinselstriche, die Lippen geschlossen. Der Mund lässt sie beherrscht aussehen – oder »reserviert«, wie ihr Freund sagt. Auf dem Foto schreibt sie in ein Heft, das sie auf ihren Oberschenkel presst. Der Körper dreht sich zur Seite, es gibt viele und eigenartige Schatten, weil das Licht aus verschiedenen Quellen kommt – Straßenlaternen und Schaufenster, vielleicht ein Scheinwerfer. Unter der Aufnahme hat jemand notiert: gehbehindert.

Aris Fioretos hat mit seinen Romanen Der letzte Grieche, Die halbe Sonne und Mary eine „griechische Trilogie“ geschrieben, die ein knappes Jahrhundert griechischer (und europäischer) Geschichte umfasst. Seine Protagonisten sind ein Mädchen mit abenteuerlichem Herz, das verliebt und weißgekleidet im Smyrna von vor 1922 promeniert; ein junger Mann, der sein armseliges Hab und Gut in einen Koffer packt und in den europäischen Norden emigriert; ein Mann, der an seinem Alter zerbricht und sein Leben in Bildern zurückverfolgt; eine junge Frau, die den Schergen und Schlägern einer brutalen Diktatur die Stirn bietet. Allesamt Helden: Der Vater wirft einen solchen Schatten, dass dieser die halbe Sonne verdunkeln kann; Jannis kann als die Fortsetzung des Herkules eines schwedischen Epos gelesen werden; Mary trägt den heiligsten Namen, wird von sakralen Elementen orniert und soll ein Kind retten, das im Juli 1974 geboren werden soll (und vielleicht selbst zum Retter werden könnte?)

Als Einleitung für seine „Liebesgeschichte an ein Genre“, seinen Essay Wasser, Gänsehaut, benutzt Fioretos das Bild einer Qualle in einer Wasserlache am Strand. Die Qualle ist eines der ältesten Lebewesen auf Erden und ziemlich primitiv: ein minimales Wesen ohne Rückgrat und Nervensystem, ohne Muskeln und Glieder, fast wie das Wasser, das es umgibt. Und dennoch ist es ein vollkommenes Wesen. Versucht man, es in die Hand zu nehmen, dann ändert sich seine Form, man kann es nirgends festhalten, denn es flutscht weg. Es ist transparent, beinahe durchsichtig, doch die Welt erscheint verzerrt. Diese Eigenschaften, die Vielfalt, Ambivalenz, Dehnbarkeit und Formlosigkeit, gleichzeitig die Zärtlichkeit und Gebrechlichkeit, und schließlich die Anmut einer Qualle (auf Griechisch: Medousa) dienen als Vorbild für eine literarische Methode und als Sinnbild für die populärste literarische Gattung, die mit dem antiken Heldenepos begann. Man könnte denken, dieses schleimige Wesen mit den bunten Tentakeln sei wenig geeignet für die Beschreibung von Helden, die üblicherweise in einer handfesten Handlung eingerahmt werden und das Rückgrat von Erzählungen bilden, oft sogar das Rückgrat von großen Narrativen.

Fioretos kreiert vieldimensionale Figuren und stellt ihnen keinen narrativen Sockel zur Verfügung, der sie hervorheben könnte. Er zeigt sie bruchstückhaft und elliptisch, zerteilt in verschiedene Partikel – »aus wie vielen Menschen bestehe ich?«, fragt sich Jannis, der letzte Grieche – und wie versteckt hinter einer dünnen Schicht aus Eis – wie die Flaschen, die im Kühlschrank des Kafenio in Jannis‘ Dorf aufbewahrt werden, oder die berühmte Eis-Szene aus Doktor Schiwago, die im Buch über einen Vater so ausführlich zitiert wird. Der Vater besteht aus einem Konglomerat von sozialen, politischen und persönlichen Eigenschaften, die kein eindeutiges Ich ergeben. Auch Marys Wesen ist ein Vielfaches, bestehend aus ihrem Freund, dem Kind in ihrem Bauch, ihrer Vorgeschichte und den Frauen, die mit ihr auf die Gefängnisinsel deportiert wurden.

In Brüchen wird auch ihre Geschichte erzählt. Jannis‘ Kindheit in der griechischen und seine Jugend in der schwedischen Provinz sind auf Karteikarten festgehalten worden, ein unvollendetes Lemma für eine unvollendete „Enzyklopädie der Auslandsgriechen“, deren letzter Band nie erschienen ist. Der Vater wird noch gebrochener dargestellt: Die Erzähllinie beginnt mit seinem Tod und durch kaleidoskopisch verstreute Erzählstückchen, wie die Steinchen eines Mosaiks, und mit jedem Steinchen (manchmal ein kleines Prosagedicht, manchmal eine kleine Abhandlung, manchmal ein imaginäres Interview) werden wir in die Vergangenheit zurückversetzt, bis sich der Kreis mit einer Geburt schließt – oder einer Neugeburt: die Lust, immer wieder anzufangen, die Angst, nie Schluss machen und den Kreis nie schließen zu wollen? In jedem Fall handelt es sich um einen Vater, der in eine Vielzahl von verschiedenen Identitäten zerlegt erscheint. Und schließlich, Mary: Schon von Beginn an erfahren wir, dass sie die einzige sei, die erzählen könne, wie sie endete. Sie sammelt die verschiedensten Papierschnipsel, Zeitungsseiten, Konservenetiketten, Schokoladenverpackungen. Und sie schreibt über die Geschichte ihres Schweigens, basierend auf sieben fragenden Worten, aus sieben Kapiteln über Schmerz, wie der Roman ursprünglich heißen sollte.

Fioretos erzählt dezentral, – oder polyzentrisch –, und versieht seine Geschichten mit Bildern, die das multiplizierte Ich verdinglichen: eine Polykatikia, das typisch griechische Mehrfamilienhaus, wie sie Mary später, als Architektin, bauen will, hat viele Zentren, wie auch der Granatapfel, der nicht nur einen Kern hat. Jannis‘ Gedankenwelt besteht aus wirren Ideen und Ahnungen – das Bild dafür ist ein Schwarm von Mücken, die in seinem Kopf herumschwirren –, ein später Freund des Vaters sieht aus, als würde er aus den vielen Vögeln bestehen, die auf ihm sitzen.

Anmut, Ambivalenz, Dehnbarkeit, Gebrechlichkeit, Formlosigkeit, Vielfalt, Zärtlichkeit. Ein kleines Lexikon (freilich nur ein Teil), mit dem Fioretos die Gattung Roman beschreibt, aber auch seine Helden dekonstruiert, bis sie keine mehr sind. Vielmehr erzählt er von gebrochenen Menschen, die in einer Aura der Würde und Beständigkeit zerteilt werden – und ausnahmslos sterben. Von sonderbaren Heiligen, die sich opfern, opfern lassen oder geopfert werden, zerrissen zwischen der Geschichte, dem Kairos und ihrer Würde. Keine Helden, sondern Heilige. Daher wäre es angemessen, auch den Begriff Trilogie für die drei Romane zurückzunehmen, die einen Vollständigkeitsanspruch und das Panorama einer Zeit, eines Ortes oder eines historischen Moments suggeriert, und stattdessen das Wort Triptychon vorzuziehen. Eine Konstruktion, die zwar partiell und dennoch vollkommen ist; die man, je nach Bedarf, öffnen und aus ihnen eine Geschichte ablesen, oder schließen, und nur als Ornament betrachten kann; eine Geschichte, die Jahrhunderte alt aber auch zeitgenössisch sein mag, sakral oder weltlich. Jannis, der Vater, Mary, drei Heiligenbilder im griechischen Triptychon, das Bruchstücke von Schicksalen, Ideen, Ereignissen und Phänomenen wiedergibt, inspiriert aus hundert Jahren griechisch-europäischer Geschichte.

Kostas Kosmas

Im Text sind Passagen, Wörter und Ideen eingearbeitet aus den Romanen Der letzte Grieche, Die halbe Sonne und Mary sowie aus dem Essay Wasser, Gänsehaut, alle bei Carl Hanser Verlag, München, erschienen.