#Lesestoff

Die Legende des Andreas Kordopatis
Die Legende des Andreas Kordopatis

12.10.2017

„Der Abend kam, die Sonne ging unter.“ Mit lapidaren, biblisch anmutenden Bildern beschreibt Thanassis Valtinos sieben Jahre aus dem Leben des Andreas Kordopatis, der sich 1903 als junger Mann dazu entschließt, sein ärmliches Dorf auf der Peloponnes zu verlassen und in die USA zu emigrieren. Ein Augenproblem könnte ihn daran hindern, er fährt trotzdem und bleibt für einige Jahre illegal, reist quer durch das unbekannte Land, arbeitet und versteckt sich vor der Polizei. Die Figur des Andreas Kordopatis ist zwar sehr anschaulich gezeichnet, doch eher als kollektives denn als individuelles Ich angelegt.
Der folgende Abschnitt, übersetzt von Hans Eideneier, beschreibt, wie sich Kordopatis aus dem Schiff schleicht und als illegaler Einwanderer seine ersten Bekanntschaften macht. Die komplette Erzählung und viele weitere Texte von Thanassis Valtinos können Sie in der jüngst erschienenen Werkauswahl Abstieg, Flussaufwärts der Edition Romiosini nachlesen.

Από την Edition Romiosini κυκλοφόρησε ο τόμος Abstieg, Flussaufwärts με επιλογή κειμένων του συγγραφέα και ακαδημαϊκού Θανάση Βαλτινού. Παράλληλα μ' αυτή την έκδοση, η Edition Romiosini εξέδωσε μια συλλογή μελετών που σχετίζονται με τον συγγραφέα σε μια προσπάθεια να φωτιστούν σημαντικές όψεις του έργου του καθώς και οι βασικότεροι σταθμοί της πορείας του.

Thanassis Valtinos: Die Legende des Andreas Kordopatis (Auszug)

Das Schiff legte im Hafen an, der Hafen ausgebaggert, das Zollamt auf dem Wasser.
Die Austroamerikana hatte offenbar viele Illegale ungehindert an Land gehen lassen, so konnte jeder reisen, wohin er nur wollte, und die anderen Gesellschaften hatten sich beschwert.
Daher schickte die amerikanische Regierung eine Kommission, um die Leute nochmals zu überprüfen. Ein Arzt kam und begann, einen nach dem anderen zu untersuchen.
Denen, die in Ordnung waren, gab er eine Karte, darauf schrieb er mit blauem Bleistift »allright«, Amerikanisch. Wer nicht in Ordnung war, dem gab er mit rot ein »skart«.
Jeder, der mit blau durchkam, ging zur Kommission, gab die Karte ab, die lasen sie gründlich durch und ließen ihn gehen.
Die anderen verfrachtete man nach unten in die Laderäume. Unsere Gruppe kam dran, vom Ersten angefangen bis zum Letzten, das war ich. Mir gab der Arzt rot, den anderen blau.
Das war ’ s, jetzt geht es zurück, dachte ich.
Meine Kameraden sahen mich stumm an. Ich muss zurück, »skart« heißt Rückkehr, »allright« nicht. Alle kamen durch die Kontrolle, man entließ sie.
Ich komme an die Reihe, sie holen mich, bringen mich nach unten. Aber vorher konnte ich noch meinen Bruder rufen, er hatte zwanzig Dollar bei sich. Ich sagte ihm, er solle mir die Hälfte lassen, ich würde sie noch brauchen.
Der Abend kam, die Sonne ging unter.
Ich sagte ihm, wenn du morgen früh noch da bist, komm, damit wir uns noch einmal sehen, und bring mir was Gutes mit.
Er kam nicht. Ich blieb zusammen mit den anderen.
Auf dem Schiff waren auch zwei Jungs aus Vrachati bei Korinthos. Sie warteten auf ihren Vater, der persönlich kommen und sie abholen sollte. Aber die waren schon durch. Es war dort noch einer aus Vocha, ziemlich untersetzt, dem fehlten drei Finger. Er war Feldhüter gewesen und hatte nachts, wie er uns erzählte, die Weinberge bewacht.
Eines Nachts war so eine Art Marder aufgetaucht, kam immer näher heran, er schoss, um das Tier zu töten, und das Gewehr explodierte und zerfetzte ihm die Hand.
Er quatschte einen Matrosen an, Thomas, der etwas Griechisch konnte, und dieser sprach mit dem Arzt, der ihn am Ende tauglich schrieb.
Am nächsten Tag kam die Kommission erneut, man untersuchte uns noch einmal, erklärte uns ein zweites Mal für untauglich. Nach drei Tagen eine neue Kommission, eine höhere. Man holte uns vor und untersuchte uns aufs Neue. Sie schworen uns, dass die Regierung es Kranken, Dieben und Verbrechern niemals erlauben werde, amerikanischen Boden zu betreten.
Da wurde uns klar, dass man uns zurückschicken würde.
Es war hart für mich, an die Küste Amerikas gelangt zu sein, aber nur bis dahin und nicht weiter.
Sie sperrten mich in das Unterdeck, zusammen mit sechzig anderen aus aller Herren Länder. Es waren auch Juden unter uns. Einer von ihnen stürmte immer vor, sobald man uns Wasser brachte, um als Erster dran zu kommen. Einmal, zweimal, beim dritten Mal zog einer ein Klappmesser, wie man es aus dem Gefängnis kennt, stieß es ihm rein, er purzelte um.
Der würde seine Hand nicht noch einmal danach ausstrecken. Fleisch essen die Juden nicht, außer ihr Pope hat es geschlachtet.
Am dreißigsten November, einem Sonntag, kam der Schiffsdolmetscher, ein Mann namens Kostas Pylias.
»Jungs, wie geht es euch?«
»Hier drinnen kriegen wir noch die Schwindsucht«, sagen wir.
»Ich werde dafür sorgen, dass sie euch heute noch rauslassen.«
Mittags, wir hatten gut gegessen, schlossen sie uns die Türen auf, damit wir an Deck gehen konnten.
Ich hatte meinen Geschwistern geschrieben, ich kehre wieder zurück nach Griechenland, aber schreibt mir über Kostas Pylias, und falls ich noch hier bin, bekomme ich es.
Sie schrieben mir auch, aber der Brief erreichte mich nicht mehr.
Kaum hatten sie uns nach oben gebracht, begann mein Kopf zu arbeiten.
Ich wollte abhauen.
Ich hatte dreißig Dollar zusammen mit dem, was mir Panos gegeben hatte. Fünf hatte ich ausgegeben, den Rest trug ich unter dem Hemd.
Die Mütze auf dem Kopf, die Schuhe lose, den Mantel über der Schulter, so klettere ich in ein Beiboot, dachte ich mir, und verstecke mich, nachts krieche ich im Schatten des Schiffes hinaus und lasse mich ins Wasser fallen.
Aber ich hatte Angst zu ertrinken, die ganze Sache gefiel mir nicht. So beschloss ich, mich dumm zu stellen und einfach die Treppe hinunterzugehen.
Ich verschränke die Arme lässig hinter dem Rücken, gehe hinunter, vorbei am Wachpersonal. Ich tue so, als ob ich austreten will, klopfe an eine Tür, drinnen andere Beamte, keiner nimmt Notiz von mir. Ich wende mich nach rechts, gehe ein paar Gänge entlang, sehe eine Glasscheibe und draußen Leute, die vorbeigehen.
Ich trete hinaus und kann es immer noch nicht fassen.
Ich biege in eine unbelebte Gasse ein, jemand folgt mir.
Ich wechsle die Straße, er hinterher. Das Herz rutscht mir in die Hose.
An einer Ecke halte ich an, der Mann geht an mir vorbei, dreht sich nicht einmal nach mir um.

Ich ging langsam weiter, immer geradeaus, der Weg führte mich wieder zum Fluss. Hier hatte das Schiff am ersten Tag angelegt, später war es weitergefahren, flussaufwärts.
Ich sah einen, der wie ein Wachmann aussah, frage ihn: griik sala, keine Antwort. Ich frage noch mal, er zeigt mit der Hand nach der anderen Seite.

Ich ging in diese Richtung, bis zu einem kleinen Haus, etwas tiefer gelegen, mit einem Mäuerchen drum herum. Ich gehe rein.
Hallo, sage ich. Zwei Männer und ein paar Frauen schauten her, sie sagten kein Wort. Ich verdrückte mich, damit ich nicht noch Prügel bezog, ich hatte kapiert, es war ein Puff.
Ich lief herum. Ich hatte eine kleine Broschüre, ein Englischlexikon. Ich ging auf und ab und tat so, als ob ich lesen würde, aus Angst, dass man mich suchte.
Die Zeit verging, es fing an dunkel zu werden. Ich hatte keine Ahnung, wie ich ein griechisches Hotel finden sollte. Wieder frage ich den Wachmann von vorhin, er deutet auf die Straße, in der er stand.
Verzweifelt eile ich geradeaus. Es dämmerte, die Lichter gingen an.
Ich konnte kein Wort. Während ich so gehe, erblicke ich einen Obstladen, es brannte Licht. Von drinnen sah mich der Mann.
»Italiano?«, fragt er mich.
»No, Greco«, sage ich.
»Buono Greco.«
»Italiano?«, frage ich.
»Yes«, antwortet er.
»Buono Italiano«, sage nun ich.
Dann frage ich ihn: »griik sala«, ein Zimmer zum Schlafen? Mir standen die Tränen in den Augen. Wir konnten uns nicht verständigen.
Da lässt er einen anderen im Laden zurück und winkt mir, ich solle ihm folgen.
Wir suchten Stunden, um ein griechisches Hotel oder Geschäft ausfindig zu machen. Niemand kannte eins.
Um zehn Uhr nachts landeten wir bei einem anderen Italiener. Er war ein Flickschuster und arbeitete mit seiner Frau zu Hause. Zusammen mit uns trat auch ein Polizist ein. Ich bekam es mit der Angst, aber sie wussten ja nichts über mich.
Ich hatte Durst, mittags hatte ich gut gegessen, bat um Wasser, auf Italienisch: acqua. Die Frau brachte mir ein Glas, ich bat um ein zweites, sie brachte mir auch das. Ich hatte sieben Tage in Neapel verbracht und kannte ein paar Worte.

Aus: Thanassis Valtinos, "Die Legende des Andreas Kordopatis",
in: Abstieg, Flussaufwärts: Ausgewählte Prosa, Edition Romiosini, 2017.

Originaltitel: "Συναξάρι Ανδρέα Κορδοπάτη" (1964).
Übersetzung: Hans Eideneier.