Das Projekt

Übersetzerporträts – Ein soziologischer Ansatz

Das Projekt "Übersetzerporträts – Ein soziologischer Ansatz" von Prof. Dr. Anthi Wiedenmayer, das vom CeMoG gefördert wird, erforscht die Landschaft, welche die literarische Übersetzung in den deutschsprachigen Ländern gestaltet. Durch Interviews mit fünf renommierten Übersetzerinnen und Übersetzern, die in den letzten 30 Jahren griechische Literatur ins Deutsche übertragen haben, soll die Soziologie der literarischen Übersetzung umreißen: die Auswahl und die Annäherung an die Texte, die Kunst und das Handwerk der Übersetzung, das Verhältnis zu den Lektoren, den Verlegern, den Literaturagenten und –kritikern, die Auswirkungen der Übersetzungen auf den deutschsprachigen Raum.

Die in der Übersetzungswissenschaft bereits Ende der 1970er Jahre erfolgte Kulturwende bedeutete einen Paradigmenwechsel für die Forschungstätigkeit, die sich bis dahin auf komparatistische Studien des Originals und seiner Übersetzung sowie auf sprachliche bzw. sprachwissenschaftliche Themen (Snell-Hornby, 2006) konzentrierte. Diese Wende ließ einerseits die kulturellen Besonderheiten der Texte und die diesbezüglichen Schwierigkeiten ihres Transfers aus einer Sprache in die andere und andererseits den Übersetzer bzw. die Übersetzerin als die handelnde und Entscheidungen treffende Person ins Licht rücken. Da jedoch diese Entscheidungen vom Skopos (Zweck) der Übersetzung abhängen (Reiss und Vermeer, 1984), und er wiederum vom Auftraggeber der anzufertigenden Übersetzung festgelegt wird und sich nach den Erwartungen des Lesers richtet, lässt sich weiterhin ein neues Gebilde von Akteuren erkennen. Folglich beschäftigt sich die Forschung mit der Identität des Auftraggebers und des Lesers und mit ihrem Einfluss sowohl auf den Übersetzer als auch auf das Ergebnis der Übersetzung.

Mit dieser Wende zu den kulturellen und letztlich soziologischen Faktoren beginnt Ende der 1990er Jahre die Etablierung einer Soziologie der Übersetzung, die ihrerseits zu einer Reihe von Forschungen hinsichtlich nicht nur der ÜbersetzerInnen sondern auch generell des Buchmarktes führt (Wolf, 2007). Dabei haben Theo Hermans (1997), Daniel Simeoni (1998) und Michaela Wolf (1999) eine Pionierrolle gespielt, indem sie eine forschungsadäquate Methode forderten, die ihr Instrumentarium aus der Soziologie übernimmt und u.a. als Hauptbegriff den Habitus von Pierre Bourdieu verwendet, der den bis heute dominierenden Begriff der Norm (Toury, 1995) ersetzen soll.

In diesem Rahmen beschäftigen sich gegenwärtige Studien mit Übersetzerporträts, wie u.a. die Studien von Michaela Wolf und Norbert Bachleitner (2004, 2010) an der Wiener Universität, von Jean Delisle und Judith Woodsworth (1995, 1999, 2002) in Kanada und von Moira Inghilleri (2003) in Großbritannien. Inzwischen liegen uns Studien aus mehreren Ländern vor, wobei jedoch keine einzige Studie hinsichtlich der griechischen Realität bis heute stattgefunden hat. Das Projekt "Übersetzerporträts – Ein soziologischer Ansatz" ermöglicht die Konstruktion von Porträts zeitgenössischer deutschsprachiger ÜbersetzerInnen griechischer Literatur und beleuchtet somit die Landschaft, welche die literarische Übersetzung in den deutschsprachigen Ländern gestaltet: die Auswahl der zu übersetzenden Werke und die Art ihrer Übersetzung sowie die Auswirkung der Übersetzungen auf den deutschsprachigen Raum.

Das Projekt wird mit den Interviews von fünf renommierten Übersetzern und Übersetzerinnen initiiert, die in den letzten 30 Jahren griechische Literatur ins Deutsche übertragen: Hans und Niki Eideneier, Michaela Prinzinger, Birgit Hildebrand und Doris Wille. Die Interviews lassen sich in drei größere Themenbereiche einteilen:

  • der eine Bereich betrifft die Identität der ÜbersetzerInnen selbst, ihre Persönlichkeiten, die Gründe, aus denen sie sich mit der Übersetzung beschäftigen und ihre Einstellung zu ihrem Werk sowie zur Übersetzung allgemein.
  • Der zweite Themenbereich betrifft das Prozedere der Übersetzung, die Art und Weise der Annäherung der Texte sowie die Kunst und das Handwerk der Übersetzung.
  • Der dritte Themenbereich betrifft den Buchmarkt, das Verhältnis der ÜbersetzerInnen zu den Lektoren, den Verlegern, den Literaturagenten, den Literaturkritikern und den Lesern.

Die vollständigen Video-Interviews (Dauer ca. 45 Minuten jeweils) werden in deutscher Sprache auf der Projektwebseite frei zugänglich gemacht und transkribiert, sodass man die Möglichkeit hat, sie zu lesen. Die Videoclips werden mit griechischen Untertiteln versehen. Darüber hinaus wird bei jedem Übersetzer sein kurzer Lebenslauf sowie ein Link auf seine persönliche Webseite (soweit vorhanden), und Links zu Informationen und Rezensionen zu jedem Literaturwerk in griechischer und deutscher Sprache, so wie sie im Internet verfügbar sind, geliefert.

ProjektmitarbeiterInnen

Design und Gestaltung