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Griechischer Soldat im Schützengraben
Griechischer Soldat im Schützengraben
Bildquelle: http://fa-elia-miet.blogspot.gr

11.01.2016

Kälte und Schlamm, Zynismus und Antiheroismus, Brutalität und Tod: das sind einige der Mittel, die der Autor und Soldat im Ersten Weltkrieg Stratis Myrivilis in seinem Klassiker Das Leben im Grabe einsetzt. Doch der Schrecken des Krieges stellt er genauso erfolgreich ex negativo dar, durch lyrische Beschreibungen und Erinnerungen an das Leben auf Lesbos, seiner Heimatinsel. Einen solchen Moment haben wir aus der neuesten Veröffentlichung der Edition Romiosini ausgesucht: Der Vollmond scheint über die Schützengräben und das Schlachtfeld, der Kontrast der lieblichen Bilder eines brutalen Ortes erzeugt eine Ironie, die den Leser emotional packt und nicht loslassen will. Die deutsche Übersetzung von Ulf-Dieter Klemm, die 1986 bei dem Romiosini-Verlag erschienen war, wurde überarbeitet, mit einer Einleitung von Niki Lykourgou sowie mit Anmerkungen versehen und wurde nun bei der Edition Romiosini wieder veröffentlicht.

Auszug aus Das Leben im Grabe: Mondschein im Graben

Heute Abend scheint ein Mond, einfach prächtig. Ich bin ganz alleine im Unterstand, zusammen mit meinem hässlichen Schatten, den die Flamme des Ölleuchters unablässig an den Wänden hin und herschaukelt. Alle Männer sind draußen im Einsatz, und kein einziges Geräusch dringt aus dem Graben zu mir herein. Am Morgen hatte mein Bein übermäßig weh getan, aber jetzt hat sich der Schmerz ein wenig gelegt.

Ich konnte sogar ein wenig meine Sachen putzen. Ich habe den Tornister zu mir herangezogen, der mir als Kopfkissen dient, und habe entdeckt, dass das ganze Lederzeug von Fäulnis überzogen war wie mit einer feinen schimmligen Behaarung, mit einer grünlichen Asche, die sich mit dem Finger wegwischen ließ und eine feuchte Spur hinter ließ. Den ganzen Nachmittag lang habe ich die Sachen dann mit Fett eingerieben. Mein Gewehr hatte im Lauf schon begonnen zu rosten. Das Bajonett konnte ich nur mit Mühe aus der Scheide ziehen.

Ich zog mich bis an den Eingang und betrachtete den Augustmond, dessen Schein in den Graben floß wie in ein Strom aus Licht. Ich dachte an die Legende von dem Inselmädchen, das im Augustmondschein seine Aussteuer bestickt und erwartungsvoll Ausschau hält nach dem Segel des Geliebten auf dem Meer. Ich löschte das Licht in der Konservendose, die mir als Leuchter dient, und kroch hinaus in den Graben. Ich kauerte mich in einen leeren Beobachtungsposten, um die Mondnacht zu genießen.

Welcher Friede!

Alles ruht, in Mondlicht getaucht. Die Linien, die Konturen verwischen sich sanft, gebadet in dem Lichtstrom, der lautlos vom Himmel herabfällt und die Erde in matten durchsichtigen Staub von bläulichem Licht taucht. Kein Geräusch, nicht einmal ein Maschinengewehr. Kein Schuß, keine Rakete.

Heute Abend liegt alles verzückt und entspannt unter dem Himmel voller Güte. Alles atmet ruhig das heitere Licht, das sich in der unbeweglichen Luft auflöst. Die Rücken der nahen Hügel sind in allen Einzelheiten zu erkennen. Es sind gelbliche Buckel voller Dornen und Steine, die den ganzen Tag lang von der flammenden Sonne bestrahlt werden. Man könnte meinen, dieses Dornengestrüpp und dieses scharfkantige Steingeröll seien verdorrte Skelette, gesäuberte Knochen irgendwelcher Blumen, irgendwelcher Wesen, deren Körper die Sonnenglut aufgezehrt hat, und die als vertrocknete Reste ihrer Kadaver übriggeblieben sind.

Alle Schritte weit klaffen Löcher wie Mulden, die unbekannte Tiere mit Schnauzen und Klauen gegraben haben, um sich in ihnen fortzupflanzen. An einigen Stellen sind sie so dicht, dass das Gelände wie ein abgeerntetes Kartoffelfeld aussieht. Die Granaten, die hier schon seit Monaten fallen, haben diese Löcher gegraben. Sie liegen offen da unter dem Geheimnis des Himmels, und auch sie füllen sich mit Mondlicht, große irdene Kelche, die vor durchsichtigem Honig überfließen. Die Mulden, in die das Mondlicht nicht direkt fällt, sind angefüllt mit Scheiben schwarzer Schatten. Mit der gleichen Güte träufelt der Mond seinen Frieden auch auf die Drahtverhaue, die sich endlos dahinziehen und sich in der Ferne, ein stählernes Geflecht, im perlgrauen Dunkel verlieren. Auch sie werden in seinem Licht gebadet, als seien sie Weinreben und wilde Ranken, an deren eiserne, wie Nägel und Zähne lauernde Spitzen er gutmütig seine Lichttropfen gehängt hat. In der Ferne die tief dunkle Schlucht mit dem breiten Dragor, den man nicht sieht. Aber wenn man angestrengt lauscht, wenn man die Backe auf den Grabenrand legt, hört man ihn triumphierend dahinschießen. Mit seinen Wassermäulern bejubelt er seine ungezügelte Freiheit. Er jauchzt herausfordernd und kündet mit ernstem, langgezogenem Lied von der Freude der Bewegung. Es hat mich immer wehmütig gestimmt, Wasser in Zisternen gefangen zu sehen. Gott hat es als freies Element geschaffen, das nicht aufhören soll zu fließen. Im Hintergrund erhebt sich Peristeris dunkle Pyramide, rätselhaft und stumm. Alles in der Runde spitzt schweigend die Ohren, um auf das ferne Rauschen des glücklichen Flusses zu lauschen. Dieser schwingt sich frei durch die Felder, fällt in weißen gewundenen Strähnen von den Stromschnellen und strömt ins Tal, hüpft über Steine, die seit Jahrhunderten umspült werden, lässt ihre grünlich samtene Bewachsung wie Schwämme anschwellen. Er schäumt rund um gestürzte Baumstämme und springt über sie hinweg wie ein starkes ungezügeltes Fohlen, das sich über seine Wildheit freut und mit geblähten Nüstern das Lied seiner vollkommenen Freiheit zum Himmel wiehert. Aber dieses Ungetüm beruhigt sich auch wieder und hängt Brillanttropfen an alle Steinrauten.

Ich überlege: Nach einiger Zeit werden die Menschen es leid sein, sich gegenseitig umzubringen, und der Krieg wird aufhören, die Gräben werden sich leeren. Bären werden in den Unterständen hausen und ihre Jungen kriegen und auf den vergessenen Drahtverhauen werden Wildpflanzen sorglos ihre blühenden Ranken ausspannen. Nach einiger Zeit wird hier, wo ich jetzt stehe, ein Wildtier in der Augustmondnacht stehen. Mit leuchtenden Zähnen und gespannten Lauschern wird es in der verklärten Nacht stehen, auf das ferne Lied des Flusses lauschen und mit hängender Zunge zufrieden den Mondstaub einatmen. Und diese Berge werden, wenn wir und unser Krieg, den wir bis in ihre Eingeweide getragen haben, einmal weitergezogen sind, wieder fest auf dem großen Erdenrücken stehen, zufrieden in der Ruhe und Gleichgültigkeit der Ewigkeit. Ich überlege ferner, dass es der Natur, dieser tausendäugigen, tausendmündigen, die in abweisendem Stolz und in harter Indifferenz das menschliche Drama betrachtet, gleichgültig ist, ob an dieser Stelle ein Tier mit hängender Zunge steht und die Sommernacht einatmet oder ein Mensch, der mit seinem Verstand die Nacht und all seine Mitmenschen begreifen kann und dessen Herz vor Liebe und Schmerz überfließt.

In wenigen Jahren werden diese Berge weiß sein von den gebleichten Knochen all der Menschen, die aus allen Himmelsrichtungen hierherkamen, um für die »Freiheit der Völker« zu sterben. (Für uns Griechen, die wir Millionen von Landsleuten haben, die sich in den Händen grausamer Eroberer befinden, ist dieser Begriff mitreißend, auch wenn er im Mund von Diplomaten und Journalisten aller Parteien bedeutungslos sein mag.)

In den heroischen, auch dann noch vor Erstaunen weit aufgesperrten Schädeln werden sich allerlei Insekten, Ungeziefer und Tausendfüßler eingenistet haben, und diese ganze Tierwelt wird sich sehr wohl fühlen, wo vorher Ideen und Ideale schwärmten. Der Mond wird mit himmlischer Gelassenheit in die leeren Augenhöhlen hineinleuchten, und Schnecken werden auf den ruhmreichen Schädelvorsprüngen Siesta halten. Sämtliche Berge werden wieder ungerührt in demselben Rund stehen wie heute Abend. Und sie werden geduldig und teilnahmslos die nächsten Jahrhunderte erwarten und ihre Rücken im Mondlicht baden.

Hosianna!

Aus: Stratis Myrivilis, Das Leben im Grabe,
Erschienen bei: Edition Romiosini, 2015.

Übersetzt von Ulf-Dieter Klemm