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Stratis Tsirkas (1911-1980)
Stratis Tsirkas (1911-1980)

25.05.2016

Warum erst jetzt? Wie ein physischer Tod den vorläufigen ‚Tod‘ eines literarischen Projekts bedeutete, erklärt der Übersetzer, Autor und ehemalige Diplomat Ulf-Dieter Klemm in seinem Bericht zu Stratis Tsirkas‘ Romantrilogie Steuerlose Städte, die durch die Edition Romiosini erstmals in deutscher Übersetzung erschienen ist. Bei dieser Gelegenheit unternimmt er einen kleinen Exkurs in die griechisch-deutschen Literaturbeziehungen und die verlegerische Rezeption eines der bedeutendsten Autoren der griechischen Nachkriegsliteratur.

„Eine schwierige Geburt“: Stratis Tsirkas’ Trilogie Steuerlose Städte auf Deutsch

Die Edition Romiosini des Centrum Modernes Griechenland an der FU Berlin beginnt ihr Werk mit einer editorischen Großtat: der Publikation der drei Bände des wohl wichtigsten griechischen Romanzyklus der Nachkriegszeit in der Übersetzung von Gerhard Blümlein. Die in den Jahren 1960 bis 1965 in Athen erschienenen Bücher I Leschi (Der Club), Ariagni und I Nichterida (Die Fledermaus) erschienen bereits 1971 auf Französisch unter dem Titel Cités à la dérive, wurden mit dem „Prix du meilleur livre étranger“ ausgezeichnet und von Jean Paul Sartre besprochen. Die englische Übersetzung folgte 1974 unter dem Titel Drifting cities. Warum musste das deutschsprachige Lesepublikum fünfzig Jahre auf die deutsche Fassung warten?

Um diese Frage zu beantworten, muss man etwas ausholen. Zum einen gab (und gibt) es keinen etablierten Dialog zwischen griechischen und deutschsprachigen Verlagen und keine auf griechische Literatur spezialisierten Literaturagenten. Die deutschen Übersetzungen griechischer literarischer Texte waren und sind das Ergebnis einzelner Initiativen, abhängig von geschichtlichen Konjunkturen wie etwa der Zeit der Militärdiktatur (1967 – 1974), der Vorbereitung auf die Frankfurter Buchmesse 2001 oder der Finanz- und Wirtschaftskrise (seit 2010). Versuche verschiedener auf griechische Literatur spezialisierter Kleinst- und Nischenverlage, daran etwas zu ändern, waren und sind wenig erfolgreich. Den dauerhaftesten und mit Abstand umfangreichsten hat in den Jahren 1983 bis 2011 der Kölner Romiosini Verlag mit über 180 Veröffentlichungen unternommen, dem es gleichwohl nicht gelang, ein breiteres Publikum und die Feuilletons der großen Medien zu erreichen. Der Auftritt Griechenlands als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse im Jahre 2001 hat zwar zu einem punktuellen Interesse an der griechischen literarischen Produktion geführt, erwies sich aber im Ergebnis als Strohfeuer. Und jeder, der sich bemüht, einen griechischen Text bei einem deutschsprachigen Verlag unterzubringen, kennt die enormen Schwierigkeiten eines solchen Unterfangens.

Im Falle der Tsirkas-Trilogie stand am Anfang eine engagierte Übersetzerin, Gisela von der Trenck, eine deutsche Juristin, die bis zu ihrem Tod im Jahre 1989 viele Jahre in Griechenland lebte. Sie unterrichtete Deutsch für Juristen an der Universität Thessaloniki, arbeitete im Goethe Institut Thessaloniki, war Leiterin von dessen Zweigstelle in Kavalla, übersiedelte später nach Athen und widmete sich ganz der Übersetzung griechischer Literatur ins Deutsche. Sie hat zwei Bücher des kretischen Autors Pandelis Prevelakis (Der Engel im Brunnen, 1974; Die Chronik einer Stadt, 1981) sowie die Logbücher I und Logbücher II von Georgios Seferis (1981) übersetzt. Ferner hat sie zahlreiche kunsthistorische und archäologische Werke griechischer Autoren beim Athener Verlag Ekdotiki Athinon ins Deutsche übersetzt und lektoriert. Ende der 1980er Jahre konnte sie einen renommierten deutschen Verlag gewinnen, der die Trilogie publizieren wollte. Leider verstarb sie, kurz nachdem sie die Übersetzung des zweiten Bandes nahezu abgeschlossen hatte. Der Verlag verfolgte daraufhin dieses Projekt nicht weiter.

In der Folgezeit gab es immer wieder Versuche von Kennern der griechischen Literatur, für die deutsche Ausgabe der Trilogie einen Verlag zu finden. Keiner jedoch wollte das Wagnis auf sich nehmen, Übersetzungskosten für einen Text von über 1.000 Seiten eines im deutschsprachigen Raum nahezu unbekannten Autors zu übernehmen und das Werk erfolgreich auf dem Markt zu platzieren. Von Tsirkas waren und sind bislang lediglich drei Erzählungen auf Deutsch erschienen: „Schwere Wege“ in dem 1960 bei Volk und Welt erschienenen Sammelband Antigone lebt, „Wetterwechsel“ in der im selben Verlag 1977 veröffentlichten Anthologie Erkundungen sowie in dem 1984 von Danae Coulmas herausgegebenen Band mit Texten aus Griechenland Die Exekution des Mythos fand am frühen Morgen statt – und schließlich „Der Schlaf des Schnitters“ in der ebenso von Danae Coulmas besorgten Anthologie Griechische Erzählungen, Insel Verlag 2001, der einzigen der genannten Publikationen, die noch im Buchhandel erhältlich ist.

Eine geläufige griechische Redensart lautet: „Besser spät als nie!“ Dieses Motto passt hervorragend auf die erste Publikation der Edition Romiosini des CeMoG, die nun endlich Tsirkas’ Hauptwerk dem deutschsprachigen Publikum zugänglich macht und dies sogar kostenlos im Internet, falls man gewillt ist, 1000 Seiten auf einem PC-Bildschirm zu lesen. Alternativ kann man den Text als E-Book oder ausgedruckt als Book on Demand erwerben.

Da der ursprünglich interessierte Verlag die von Gisela von der Trenck begonnene Übersetzung nicht freigab, war es notwendig, das gesamte Werk erneut zu übersetzen. Die neue Übersetzung übernahm Gerhard Blümlein. Im Interesse der Einheitlichkeit der Übertragung aller drei Bände ist die Neuübersetzung sicherlich kein Nachteil. Gleichwohl ist es ein Kuriosum, dass die ersten beiden Bände nunmehr gleich zweimal auf Deutsch vorliegen. Man darf hier ausreichend Stoff für vergleichende philologische und übersetzungswissenschaftliche Seminararbeiten und, wer weiß, Doktorarbeiten vermuten.

Ulf-Dieter Klemm