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Mimika Cranaki: Contre-Temps
Mimika Cranaki: Contre-Temps

11.01.2016

Unter den jüngsten Publikationen der Edition Romiosini ist die revidierte und ergänzte Fassung des Romans Contre-Temps von Mimika Cranaki, in der Übersetzung von Birgit Hildebrand. Cranaki war 23, als sie aus politischen Gründen nach Paris emigrieren musste; zwei Jahre später entstand ihr Debüt, deutlich im esprit des Existenzialismus: Kyveli, eine musikalische und intelligente junge Frau, lebt in Athen, als die deutsche Besatzung und der Bürgerkrieg Hungersnot und Tod mit sich bringen. Doch die äußeren Umstände existieren in ihrer Geschichte nicht; Kyveli bleibt in ihrer Welt stets eine Fremde, schon seit sie als kleines Kind ihre Mutter verlor. Wie in Distanz zu sich selbst und in einem widrigen Umstand, verliebt sie sich als junge Musikstudentin in Spiros, mit dessen verletzlicher Intelligenz und Fürsorge sie nichts anfangen kann. Nach dem Krieg geht sie nach Paris und heiratet ihre erste Liebe Aris, einen virilen Draufgänger. Doch die Umstände sind wieder nicht günstig, denn nun, im Paris der Nachkriegszeit, fehlt ihr die Sensibilität von Spiros. Wieder geht sie fort und sucht anderswo nach Glück und Freiheit.

Neu in dieser Ausgabe der Übersetzung ist das Vorwort, das Cranaki für die zweite Ausgabe 1975 verfasst hat. Ein kurzer, poetischer Text über Migration und Fremdsein, über die Frauenbewegung, Nationalismen und Fremdenfeindlichkeit.

Mimika Cranaki: Vorwort zur zweiten Auflage des Romans Contre-Temps (1975)

Nun ist also der Abend, die Stunde der Wahrheit gekommen. Und jetzt? Jetzt sind wir die alten Leute, meinte ein Freund, dessen Alte gestorben waren. Es ist Nacht geworden. Brechen wir langsam auf? Die letzte Fahrt. Und der Tod, das erste weiße Haar und der Tod auf Raten, Maria ist nun schon Großmutter geworden – und wir waren doch erst gestern zusammen in der Grundschule. Nun ist es also Zeit, euch gute Nacht zu sagen. Über „mein erstes Buch“ zu sprechen, es zu beurteilen wie eine Prozessakte, weil, weil, weil, und daher auch die lfd. Nr. 30 Jahre, es auf die Waage zu legen ist wie eine Ware, Volumen soundso, Titel soundso, Gewicht plus etwas mehr, doch für mich ist weder ein Erstes ist noch ein Buch, sondern etwas Namenloses, Gegenwärtiges, Fortwährendes und Ununterbrochenes wie das Leben selbst. Es handelt sich also mehr oder weniger um eine Grabrede, eine Exekution und Totengräberarbeit.

Wie ist es möglich? In jener Zeit war ich weder willens noch imstande, „ein Buch zu schreiben“. Ich hatte das Bedürfnis, etwas zu sagen, und so sah ich mich um, wie denn die Spezialisten, die Professionellen so schreiben – ihnen alles Gute – nicht viel anders, als wenn man in frühester Kindheit mit Messer und Gabel zu essen lernt und sich abschaut, wie es die anderen machen, dabei notfalls auch mit den Fingern nachhilft, so etwa. Nun, wie und warum diese private Angelegenheit zur öffentlichen wurde und gelesen, beurteilt, verurteilt, gepriesen und für einen Preis vorgeschlagen wurde, Eingang in Anthologien und Geschichten fand und schließlich so sehr ins Vergessen geriet, dass für die meisten, ob sie nun jünger sind oder nicht, diese zweite Auflage die erste sein wird - diesen Sprung, ja, das Mysterium des Plurals, des Wir, der Begegnung mit dem anderen, das habe ich bis heute nicht begriffen. Ich finde eine Erklärung, doch sie folgt erst später.

„Na, wenn du schon mal angefangen hast, sag sie doch auch gleich.“

„Nein, weil zuerst das andere Märchen von der Fremde und Zweisprachigkeit an der Reihe ist. Das übliche: Derselbe Verkehrspolizist regelt, kontrolliert und säubert den nationalen Raum ebenso von der Arbeitslosigkeit wie von gewissen neuen, dir nicht unbekannten Dämonen, mit derselben automatischen Geste: der Auswanderung.

Ich gehöre nämlich zum ältesten und zum aktuellsten Volk der Welt: Der Vierten Person Plural, einer unauflöslichen Mischung, einer Kontraktion der ersten und dritten Person. Die Griechen nennen wir in gleichzeitiger Identifikation und Differenzierung „Wir-und-Sie“. In meinem Land, dem Anderland, tragen alle Bürger denselben Namen: Niemand – Millionen von Einwohnern, ein bedeutender Staat, wie die größten Europas, und in jedem Niemand verbirgt sich, wie gesagt, ein doppelter Kern, er ist er selbst und ein anderer – ein uraltes Rätsel und eine Rezeptur der Alchimisten von Anderland. Nimm einen Tropfen Wasser. Was ist einfacher und transparenter. Und dennoch enthält er zwei chemische Elemente: Wasserstoff und Sauerstoff. Genauso ist jede unserer Zellen aus der ersten und dritten Person zusammengesetzt. Das erste „Wir-und-Sie“ nennen wir „Herkunftsland“. Wenn wir etwas Witziges, Heiteres sagen wollen, nennen wir das zweite „Gastland“ (Wenn es euch nicht passt, geht doch zurück). Richtig geraten. Bei einigen von uns ist es tatsächlich passiert, dass sie ins Herkunftsland zurückkehrten, einer mit abgeschlagenen Füßen, ein anderer ohne Hände, andere hatten nicht einmal einen Kopf. Was war geschehen, was meinst du? Man konnte folgendes Phänomen beobachten: Keiner hatte bemerkt, dass sie verkrüppelt waren, all diese Wunden, all die kopflosen Körper, all das befand sich wohl in der dunklen Seite, wie bei den Mondphasen, in der dunklen Seite des Anderlandes.

Sei es darum, die Geschichten aus tausendundeiner Nacht der Heimatlosigkeit  und der Schlaflosigkeit erzählen wir ein anderes Mal. Heute habe ich nur eine Frage: Darf ich? Also: Der Grieche, der die Fremdenfeindlichkeit hasst, und zwar so sehr, dass er, wenn er extrem nationalistisch ist, will sagen, zum Militär gehört, nie nachgefragt hat, welche fremde Schutzmacht eigentlich die Mittel für seine nationale Unabhängigkeit produziert hat – die Waffen -, der Grieche, der jeder ausländischen Intervention unverzüglich eine andere entgegensetzt, so sehr, dass wir zum Beispiel im Dezember 1944, als Churchill endgültig begonnen hatte, wie ein Schlächter zu wirken, auf dem Syntagmaplatz ‚Roose-velt, Roose-velt‘ brüllten - und da der Selige noch lebte, beeilte er sich natürlich, „Hier bin ich“ zu sagen wie der Tod im Märchen mit dem Holzfäller - der Grieche, dem, als Griechenland sich letztes Jahr um diese Zeit anschickte, aus der Nato auszutreten, nichts Besseres einfiel als zu schreien: ‚Hellas und Frankreich – Bündnispartner‘, was hat er sich jetzt ausgedacht, um es dem griechischen ‚Teile und Herrsche‘ hinzuzufügen (aber wer hat genaugenommen geherrscht?): Den Gegensatz zwischen Innen und Außen, der weit über den Raum der Kommunistischen Partei hinausgeht. Also fängt die alte Leier von neuem an:

‚Du kennst die griechische Realität nicht.‘ (Als hätte die Erde einen Metallreifen, damit jeder sie sich auf die Schulter laden kann, schönen Gruß an Makrijannis. Aber so befreit sich auch Penelopes Freier von den Unbequemen und Widerspenstigen und ihrer zu erwartenden Rivalität. Es ist allerdings auch nicht so, dass der Emigrant etwa nicht koloniale Tendenzen und die Haltung eines Ratgebers und Volksretters hätte, ganz im Gegenteil.)

Und es folgt das ewige Gedudel von der Sprache, ebenfalls unser Privileg und Besitztum. Denn es war mein Schicksal, dass ich auch das in Griechenland erleben musste: ‚Ach, sie sprechen aber gut Griechisch‘ nach der unvermeidlichen Eröffnungsphrase ‚yes please‘, rein nach dem Äußeren. Angeblich kann man das Schwimmen nicht verlernen. Wie soll man aber die Atmung verlernen? Ich frage mich, wieso jener alte Mensch – und ein Dichter noch dazu – unbedingt Erde von der weißblauen Heimat mitnehmen wollte, um in der Fremde zu überleben – die im Übrigen wie alle anderen aussieht – statt einer Handvoll griechischer Sprache, die keiner anderen gleicht. Nun habe ich zwar vergessen, was ‚TV-Serie‘ auf Griechisch heißt. Aber irgendwann fing ich in Frankreich nach der Narkose bei einer schwierigen Operation stundenlang zu delirieren an. Und angeblich stieß ich nur ein einziges Wort aus, auf Griechisch: Nero – Wasser, nur das direkte Lebensbedürfnis, der Durst.“

„Und warum hast du dann keinen weiteren Roman geschrieben?“ („Ein kleiner Dolch blitzt aus ihren Augen ...“)

„Genauer gesagt, habe ich keinen mehr veröffentlicht (Lieber Gott, bewahre uns vor den Freunden usw. Die besagte Geschichte mit den Kopflosen im Anderland.) Ich habe geschrieben, ich schreibe – auf Griechisch oder Französisch, je nachdem – und ich habe auch keine andere Art, mich auszudrücken (außer in Tönen, dann und wann). Warum das? Weil man eben bis zum letzten Moment verwirft, zerreißt, korrigiert, kontrolliert, bis etwas herauskommt, was einem iiirgendwie entspricht. Es wäre ja zu schön, wenn wir alle eine Rohschrift unseres Lebens verfassen und sie dann ins Reine schreiben könnten, ins Perfekte, so wie wir es wollen, nicht einfach schwupp und hinaus damit, so wie jetzt.

Nun brachten es aber die Umstände mit sich, dass sich meine Erwerbsarbeit hauptsächlich auf die mündliche Rede stützt, in der Lehre, in der, ja, genau, der Aufschub leider keinen Platz hat und jedes Versehen auf frischer Tat ertappt wird. Und da geschah das Unerwartete: Der unmittelbare, lebendige Kontakt und die Beziehung zum Anderen, die stumme Kritik seiner Gegenwart, der Dialog, der einen nolens volens dazu bringt, den Panzer abzulegen, einen zwingt, die Rohschrift augenblicklich zu korrigieren, in aller Eile. Von niemandem habe ich so viel über mich selbst gelernt wie von den Studenten, und zwar noch mehr aus dem, was sie nicht sagten, worin ich ein eigenes Schweigen hörte, als aus dem, was sie sagten. Eine wechselseitige Pädagogik, wie die Politik.

Was den ‚Wechsel in ein anderes Genre‘ betrifft, das sogenannte theoretische, speziell in der Philosophie, so war er für mich weder essentiell noch unwiderruflich. Ich schaue, was ich zu sagen habe und wie ich es sagen soll, und nicht, ob es zu diesem oder jenem konventionellen Sprachstil gehört. Es ist ja auch nicht so, dass es ausreicht, nur ein paar Verse aneinanderzureihen, um ein Dichter zu sein. Siehst du einen qualitativen Unterschied zwischen dem Gedanken und dem Ausdruck, dem Tastsinn und dem Gehörsinn? Erscheinen sie dir nicht miteinander verbunden? Gerade die Arbeitsteilung, der Berufsfetischismus, die Spezialisierung (vgl. Kap. „Über die Entfremdung“) ist sowohl ideologisch verdächtig als auch in der Praxis gefährlich. Hinaus mit den Unreinen! Aber gerade wenn man die Allgemeinheit, das vulgum pecus, aus dem Raum ausschließt, der ihm zusteht, sind Sprache und Wort allmählich nicht mehr Spezialgebiete, sondern Privilegien von Leuten mit Amt und Würden, Oligarchien und Instrumente von Macht und Unterdrückung. Schau dir doch an, in welchem Babel wir leben. Wer versteht denn, welche Sprache die heute lebenden Menschen sprechen, und wer ist in der Lage, unsere Geschichte zu entkodifizieren?  Und welches Leben soll man ohne sie führen, ohne Bewusstsein, was mit einem geschieht? Das Wort ist kein Kleidungsstück, um die Nackten zu kleiden, kein Schmuck, den man fremdem, totem Material anlegt, es ist ein unmittelbarer Alltagsbestandteil, eine Art Grundbedürfnis wie Wasser und Luft. Vom täglichen Gruß bis zu den abstraktesten mathematischen Formeln ist es überall vorhanden. Wenn es ausschließlich Gegenstand der Literatur bleibt, wie das Schöne in der Ästhetik, wenn man die Phantasie, die Dichtung den Sonn- und Feiertagen vorbehält, eine Ikonostase der Kunst, als wäre es eine Weihe, mit der man zu Neujahr das Haus segnet, dann wird das Wort, der Logos, anstatt zu Fleisch und zu täglichem Brot zu werden, zum Leben, das die tägliche Arbeit durchtränkt, die Liebe, die Straße, dann wird es zur akademischen Beschäftigung per se, zur Philo-logie, wie man auch Nekro-philie sagt, etwas wie eine Abartigkeit, eine Perversion. Wir sind alle ohne eigene Opfer fortschrittlich geworden. Wir lesen, schreiben feurige Bücher, auf der Bühne fließt das Blut in Strömen, die Revolution ist im Fernsehen höchst erfolgreich, das Volk hat die Macht ergriffen. Vorhang. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch. Und der echte Schrecken bleibt draußen, unabänderlich.“

„Und ist das alles etwa keine Philologie? Und es hat auch nichts mit dem Thema zu tun, denn du hast uns ja immer noch nicht gesagt, wie du dein erstes Buch jetzt siehst, welchen Bezug du heute dazu hast, was für dich davon bleibt.“

„Was davon bleibt? Du erinnerst dich, ich hatte zu Anfang gemeint, dass ich eine Interpreation habe für den Sprung vom Ich zum Wir, die erklärt, wie der individuelle Fall im Buch auch für andere gültig sein kann. Ich denke, in dem, was erst wie ein persönliches Schicksal und wie eine Ausnahme wirkte, lag möglicherweise etwas Gemeinsames und Allgemeineres verborgen, eben das Element, das überdauert. Nimm etwa die Retromode in letzter Zeit. Was läuft dort ab? Es ist, als wollten die heutigen Menschen herausfinden, wie wir dahin geraten sind, wo wir jetzt stehen, als suchten sie ihre Genealogie, etwas Eigenes, einen Bezug zur Vergangenheit, die Wurzel der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts, die an einem Sommertag bei Hiroshima das Licht erblickt hat, wenn mir der Ausdruck erlaubt ist, vor ungefähr 30 Jahren. Was ist seitdem geschehen? Darf ich es in wenigen Worten zusammenfassen: Der Massenmord des Krieges hat sich in die Peripherie verlagert, auf andere Kontinente, als ob etwas heraufdämmern würde, wie ein Versprechen des Sonnenaufgangs. Die wunderbare Reise von der Erde zum Mond hat einen Aschengeschmack hinterlassen, die Höhe befand sich nicht dort, wo wir sie vermutet hatten, im Weltall. In Griechenland, wo nun weniger Blut und Schweiß fließt, sind allerdings Straßengewalt und Staatsgewalt dabei, zu verschmelzen, Hochstapler  und Schwarzhändler sind im Aufwind und wollen essen: Auf zum großen Fressen und Saufen. Und überall dieser Fettfilm, die Abgase der Seele, die Luft der Neureichen. Das Lachen ist verkümmert, und auch die schönen alten Lieder sagen uns mehr und mehr gute Nacht. Was bleibt? Dass die Schöne täglich ihr uraltes Silber poliert und ihre Wäsche mit Indigo wieder weiß bleicht, der große Feigenbaum übersät mit Pailletten und Posamenten, Grillen und Zikaden in Schwarzweiß-Version und riesige leuchtende Scheinwerfer der Ewigkeit, die den Palast des Alkinoos bewachen. Das, ja.

Was bleibt heute von diesem Buch? Was die anderen betrifft, so weiß ich es nicht. Was ich selbst wiederfinde, ist das Thema der Zeit und die Angst vor ihr, ausgedrückt in der musikalischen Idee des Rhythmus, die sich ja auch im Titel manifestiert. Die Wut auf das Jenseits, die nicht vom Winde Verwehten, es bleibt dieses Kind, das dem Kronos und dem väterlichen Heißhunger entronnen ist, nicht du oder ich, seine schäbigen Ausgaben. Es bleibt, wie soll ich es sagen, seine utopische, kritische Dimension und die doppelte Wurzel: Kind und Frau. Seine unangepasste Seite, die weder kämpferisch ist noch organisiert und die nur in einem Eigensinn besteht, einer Weigerung, die Welt ohne die Wohltat einer Klassifizierung zu akzeptieren, ein Verweigern der Mogelei, des Unechten, der Fälschung  bei der Selbstzensur (ich wiederhole es noch einmal: Was ist die Kunst anderes als eine riesige Selbstzensur?), hier ein paar versprengte Parolen: Nein zum Bequemen, zum Mach-dir-nichts-draus, zur Hölle damit, oder: Nieder mit der Kapitulation und dem Epos der Hässlichkeit, oder: Raus mit den Erwachsenen. Dass die Geschichte aufhört, wenn die Personen im Alter von zwanzig Jahren endgültig ins Leben treten, ist alles andere als zufällig. Nur ein Kind konnte bei Andersens neuen Kleidern des Kaisers, die es ja gar nicht gibt, rufen: ‚Der Kaiser ist nackt‘. Nun, auch hier ist ein Kind die Hauptfigur des Werks, das heißt, jener Teil von unserem Ich, der die älteste Unterdrückung erlebt hat, die fundamentale.

In jener Zeit - hierzulande herrschte der Bürgerkrieg, dort der Kalte Krieg – hatte doch keiner die Muße für Wilhelm Reich und seine „Massenpsychologie des Faschismus“. Heute weiß jeder, dass die Strukturen der autoritären Macht, egal ob von Hitler oder einer anderen, ihre Wurzeln und ihre Verfestigung in der Psyche des Kindes haben, die sich vom Schrecken, der Angst und der Lebensnotwendigkeit einer starken väterlichen Macht nährt. Gewalt = Sicherheit.

In jener Zeit war alles Kindliche auch pathologisch. Ach was, keine Sorge, nichts Ernstes. Wenn du dich gut in Acht nimmst, wirst du schon wieder gesund. Du passt dich an. Aber was erlebe ich eines Tages, dort, im Mai 68? Frankreichs Straßen, Stadtviertel, Wände, Fabriken und Universitäten füllten sich mit Parolen, Träumen, Kümmernissen, die sie alle nur so hinausschrien, ein Volk von Kindern, konnte man meinen. Der Kaiser war splitternackt, und nun sahen es Tausende, Abertausende von Menschen. Sie ließen die Arbeit wochenlang Arbeit sein und gingen hinaus auf die Gassen und Straßen und stürmten los, nicht nur, um dreizehn Prozent mehr Lohn zu bekommen, was ihnen schließlich gelang, sondern auch eine Welt nach ihren Träumen, etwas ganz Einfaches, nämlich das Glück, ja, diese berühmte „Lebensqualität“, die die Systeme von Quantität und Profit im Handumdrehen für sich eroberten. Anti-Schule, Anti-Familie, eine Menge weiterer ‚Anti‘ wurden nun öffentliches Thema und Gegenstand politischer Kämpfe.

‚Ich war zwanzig Jahre alt. Ich werde niemals zulassen, dass jemand sagt, es sei das schönste Lebensalter‘, schreibt Nizan, einer der Unseren, im ersten Satz von Aden-Arabie.

Ich kann dem nur zustimmen, speziell wenn es sich um eine zwanzigjährige Frau handelt, und genau das ist ein zweites Element des Buches, in dem ich mein heutiges Ich erkenne. Etwas in der Art wollte ich damals ausdrücken, glaube ich, das ungünstige Machtverhältnis selbst in der Liebe, denn auch dort ist das geltende Recht das des Stärkeren, letztlich also das Recht der Männer.

Ach, wie sehr haben sich die Zeiten seit damals verändert. In jener Zeit war ein solcher Protest eine ‚individuelle‘ Angelegenheit und natürlich undankbar und unsympathisch. Jetzt ist die Unterdrückung im Bewusstsein des weiblichen Volkes selbst verankert und allmählich auf die politische Bühne, in die Praxis übergegangen.“

„Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand diese hysterischen Übertreibungen der Women‘s Lib ernst nimmt. Es haben sich nur die alten Weiber, die Hässlichen, die Unbefriedigten und die Lesben versammelt und wollen ihre Probleme den Männern aufhalsen.“

„Moooment mal. Cool. Viele dieser ‚Engagierten‘ aus der Frauenbewegung sind sowohl jung als auch bekannte Schönheiten. Sie halsen ihre persönlichen Probleme den Männern auf wie die Verdammten dieser Erde, millionenfach auf der gesamten Welt, sie laden sie ab in einem radikalen gesellschaftlichen Wandel, gerade weil in einer derartigen Expansion das Private und Alltägliche gesellschaftlich wird. Ob sie nun unbefriedigt sind – das weißt du wohl besser als sie und als ich. Aber warum stellst du nicht dieselben Ansprüche an Schönheit und sexuelle Effizienz bei den Männern, bei diesem Wanderzirkus von Monstern und Eunuchen, die dich schon von jeher regieren und deren Lachen längst erstorben wäre, wenn sie nicht von der Macht gerettet würden, die sie vertreten – dem miserabelsten Ersatz für die Liebe – Geld, Militär, Politik, Presse. Erinnere dich zum Beispiel an

den

             den         Selbstzensur

den

Zum Teufel damit. Übertreibungen? Ja, in der Frauenbewegung gibt es sie sicherlich, ebenso wie bei den Bolschewiken von 1917 und heutzutage bei den Vietnamesen und Palästinensern. Wie kommt man auch ohne Gewalt und Übertreibungen voran, so wie die Welt beschaffen ist? Ich selbst habe von den ‚Maximalisten‘ viel gelernt, sogar wenn ich anderer Meinung bin. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass die Unterdrückung der Frau sich zwar einerseits mit der anderen, der klassenbezogenen  und der ökonomischen Unterdrückung überlagert, dass sie aber tiefgreifender ist, ursprünglicher, weil die Welt von Schwerarbeit, Kampf und Gewalt männlich geprägt ist und andere Werte dort keinen Platz finden. Die Frau ist den Strukturen ausgesetzt, die sie bestimmen, den sexuellen, gesetzlichen, wirtschaftlichen und sprachlichen, sie hat sie nicht selbst gewählt. Was kann sie tun? Sie kann anfangen, nach und nach unbedingt ihre eigene Sprache zu sprechen, ihre Welt, die utopische, auf ihre Weise auszudrücken und sie auch Stein um Stein zu errichten. Nun, etwas Derartiges, scheint mir, wollte ich in jenem ersten Text ganz unbewusst stammeln, aufs Geratewohl, wie man Blindekuh spielt.

Zumindest das kann ich heute sehen und dauerhaft finden. Dass das Leben nicht mit Blüten bestreut ist für solche Störenfriede, das habt ihr für uns schon vom Tag unserer Geburt an festgelegt. Und ihr habt Wort gehalten. Im Überfluss. Verdächtig ist die Person aus Fleisch und Blut und ihr Glück und einheitlich das System, die Anklageschrift, die sie für ungesetzlich erklärt. Es beginnt mit den Methoden der sogenannten Sozialwissenschaften, die denen der Sicherheitspolizei entsprechen (Verfolgung, Beobachtung, Überwachung, Pathologie, Therapie, Statistik, städtische und politische Psychiatrien), wo das Maß allen Geldes das Establishment ist, und geht bis hin zum … Züchtigungssystem (jawohl) und den Folterkammern. Der Folterer will das Fleisch und die Knochen zermalmen, nicht einen Inhalt, nicht die Revolution, sondern das, was ihr Leben, Seele und Wahrheit verleiht, den Revolutionär.“

„Aber so eine destruktive Kritik bringt einen doch nirgendwohin.“

„Wer sagt das? Wer so etwas sagt, will ja gerade jede Möglichkeit eines Wandels schon an der Wurzel ausmerzen. Destruktiv und fruchtlos ist eine Ablehnung von Kritik. Wer kann denn im Vorhinein sagen, welche Kritik konstruktiv ist und welche nicht? Das Kapital selbst ist so lange schlicht eine theoretische Analyse geblieben, bis es in die Tat umgesetzt wurde. Und was ist der klassische Mechanismus des ‚für sich Einnehmens‘ anderes als ein schweigendes Eingeständnis und eine Anerkennung  dessen, dass die Antithese ernsthaft und berücksichtigenswert ist? Man küsst die Hand, die man nicht beißen kann, sagt das Sprichwort. Die Kritik loswerden wollen diejenigen, die viel zu verlieren haben, in bar oder unbar, aus Angst vor der Unsicherheit. Die zumindest glauben, sie hätten viel zu verlieren.“

***

Wieder habe ich in großer Hast geschrieben, ein Jagen, Keuchen und Rennen, wieder ist da die Zeit mit ihrer Sense, was man zu fassen bekommt, was man erbeutet, gerade noch sagen kann, ein regelrechter Raubzug. Die Sanduhr, genau wie damals.

Ja, zu jener Zeit war ich weder imstande noch willens, „ein Buch zu schreiben“. Ich hatte das Bedürfnis, etwas zu sagen, deshalb habe ich nichts verändert, nichts korrigiert in dieser zweiten Auflage außer den unzähligen orthographischen und typographischen Fehlern und den Versehen. Andernfalls hätte ich es neuschreiben müssen, und das hätte, glaube ich, zur Fälschung einer Aussage, eines Zeugnisses geführt. Die entgegengesetzte Erfahrung hatte ich bei meinem Buch Grèce. Seit seiner Ersterscheinung 1955 habe ich es um die zehnmal korrigiert und teilweise neu geschrieben, bei fast jeder neuen Auflage. Verschiedene  Maßstäbe? Und warum nicht? Es ist auch eine andere Sprache und ein ganz anderes Thema. Dort geht es sich nicht um mich, sondern um die Aktualität, die jeweilige griechische Gegenwart, und ihr muss ich nachjagen, um sie einzuholen und zu verstehen.

Etwas Wichtiges habe ich für den Schluss zurückbehalten: Was ich zum Mysterium des Plurals gesagt habe, dem des Anderen, der Kommunikation, hat unmittelbar mit Kostas Varnalis zu tun. In jener Zeit, im Jahr 1948, als es nicht Tag werden wollte, war es sehr schwer, sich im Rizospastis ohne Umschweife auszudrücken. Ich erinnere mich noch gut an das Herzklopfen, die Verwirrung, als ich seinen Artikel las. Zum ersten Mal – es ist mir in meinem Leben nur sehr selten geschehen – hatte mich jemand verstanden, aber wie konnte das sein? Es war so etwas wie ein Wunder, wie eine Auferstehung, weil der Text plötzlich aus einer toten Schrift zu etwas Lebendigem wurde, die Worte bekamen Leben und sprachen, weil sie endlich jemanden betrafen, ich war kein Robinson mehr, eine Stimme hatte geantwortet. Ob sie aus diesem ersten Taumel etwas Allgemeineres herausgehört hatte, vage, verschwommen und linkisch, wie ich schon sagte, das zu sprechen, sichtbar zu werden begann? Wer weiß. Und vielleicht würde er heute die Grenzen zwischen dem Öffentlichen und Privaten, dem Persönlichen und Politischen ganz anders ziehen. Ihm jedenfalls, dieser Redlichkeit, die vom Angesicht der Erde zu verschwinden beginnt, möchte ich diese zweite Auflage des ‚Kontr-tä‘ widmen. Seinem Gedächtnis? Nein, absolut nicht. Wie schon gesagt: Für uns, das Volk der Vierten Person, die wir unser halbes Leben mit Abwesenden verbringen, entfernt sie der Tod nicht so weit von uns. Sie bleiben präsent und lebendig, so wie wir sie in die Fremde mitgenommen haben. Und so werden sie bleiben, solange wir leben. Nichts Schlimmes, seht ihr, und so weiter.

Es ist genug. Ich rede und rede. Mit wem? Ich weiß es gar nicht. Zu jener Zeit, nun dreißig Jahre her, zwei Generationen. Jetzt bist du an der Reihe. Also.

Mimika Cranaki
Kythnos, Serifos, Sifnos, Kos, im Sommer 1975


Aus: Mimika Cranaki, Contre-Temps,
Erschienen bei: Edition Romiosini, 2016.

Übersetzt von Birgit Hildebrand