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Edition Romiosini / CeMoG

20.10.2015

Noch vor wenigen Monaten dominierte die Griechenlandkrise die europäische Öffentlichkeit. Obwohl es selbstverständlich ist, dass Griechenland nicht mit der Wirtschaftskrise gleichzusetzen ist, war es nicht immer einfach, kompetente Meinungen und fundiertes Wissen darüber zu vermitteln – die Dauergäste der Talkshows aus der deutschen und griechischen Politszene trugen mit ihren Mantra-Thesen bloß zum Verdruss bei. Die Edition Romiosini/CeMoG beteiligt sich am öffentlichen Dialog mit einer gekürzten, für Deutschland angepassten Ausgabe des Buches vom Politikwissenschaftler Jannis Voulgaris über die politische Geschichte Griechenlands vom Ende der Militärdiktatur bis zum Beginn der Krise (Η μεταπολιτευτική Ελλάδα 1974-2009, Verlag Polis, Athen 2013). Als Vorgeschmack auf die deutschsprachige Publikation, die für das Jahresende geplant ist, möchten wir an dieser Stelle einen Auszug aus der Einleitung und dem zweiten Kapitel des Buches in der Übersetzung von Gerhard Blümlein präsentieren.

Jannis Voulgaris: Griechenland seit dem Fall der Diktatur: 1974-2009. Auszug

[…] Die Übersetzung eines Buches zur Geschichte eines Landes ist schon an sich ein Akt des Kennenlernens, und seine Lektüre drückt den Wunsch aus, etwas Verschiedenartiges zu verstehen. Etwas Verschiedenartiges, was einem mehr oder weniger nahe, mehr oder weniger fern liegen mag. In der gegenwärtigen Krisenlage der Eurozone und den sich häufenden Schwierigkeiten der Europäischen Union ist das tiefere Verständnis der modernen griechischen Politik seitens der deutschen Öffentlichkeit von besonderer Bedeutung. Sowohl für die Deutschen als auch –vielleicht sogar noch mehr- für die Griechen. […]

Nach dem Ausbruch der Eurozonenkrise 2010 versorgte Griechenland unentwegt die internationale und europäische Aktualität mit meist negativen Nachrichten. […] Gleichwohl ist Griechenland nicht mit Bankrott gleichzusetzen. Dagegen sind die Kenntnisse über die Vergangenheit des Landes, sogar über die jüngste, beschränkter. Seine moderne Geschichte ist komplizierter und schrumpft nicht zur dramatischen Erfahrung der gegenwärtigen Krise zusammen. […] Dazu hofft dieses Buch beizutragen. Es zeigt den politischen Weg, auf dem Griechenland versuchte und weiterhin versucht, eine moderne Demokratie im Rahmen des gemeinsamen europäischen Regelwerks zu errichten. Es analysiert das politische Leben Griechenlands, seine Institutionen, Parteien, die gesellschaftlichen Organisationen und die politische Kultur des „modernen“ Griechenlands. Es verzeichnet Erfolge und Misserfolge und ist bemüht, die Ursachen dafür zu interpretieren. Der von uns behandelte Zeitraum umfasst beinahe vierzig Jahre; die systematischere Untersuchung erstreckt sich vom Sturz der „Obristendiktatur“ vom Juli 1974 bis zur gegenwärtigen nationalen Krise und dem kontrollierten Bankrott, der sich seit 2010 im Rahmen der Eurozone entwickelt. Von dieser Periode können wir zu Recht behaupten, dass die Geschichte und das politische Leben Griechenlands einen gewissen Zyklus durchlaufen haben, was wenigstens unsere Untersuchung angeht, und dass der sich mittlerweile gebildete Fluss an Fakten und Phänomen die Möglichkeit einer abgerundeteren Analyse und Interpretation bietet. Diesem fast vierzigjährigen Weg fügen wir zwei Verlängerungen hinzu: Die eine betrifft das „Vorher“, die andere das „Danach“. Indem wir, wenn auch nur kurz, die autoritäre Vergangenheit untersuchen, welcher das demokratische Griechenland entsprang oder besser: von der es sich losgesagt hat, verstehen wir durch den Vergleich klarer die neuen Merkmale der demokratischen Periode. Wenn wir andererseits das „Danach“ betrachten, also den vierzigjährigen Weg von der Warte der Krise aus reflektieren, können wir die Probleme besser bewerten, die geblieben sind, die Herausforderungen, auf die man keine Antwort fand, aber auch die Errungenschaften, die erhalten bleiben sollten.

[…]

Da die jüngeren Generationen der Griechen nur über die Erfahrung der normalen Demokratie verfügen, die eine lange Zeit nach 1974 herrschte, ist es für sie sicher schwierig, die politischen und sozialen Bedingungen Griechenlands nach dem Bürgerkrieg zu verstehen. Aber schon dem vorwiegend optischen Material der Zeit können sie das Bild eines Landes entnehmen, das zutiefst gespalten, politisch polarisiert ist und von ständigen Spannungen und politischen Krisen heimgesucht wird. Eines Landes, das deutlich die Wunden der Besatzung und des Bürgerkriegs trägt, das gleichwohl politisch siedet, demonstriert, singt. Und Fortschritte macht, besonders wirtschaftliche und soziale. Eine Gesellschaft, die sich sehr rasch von einer bäuerlichen in eine bürgerlich- industrielle verwandelt, Sitten und Gewohnheiten, die sich ändern, zumal die Bevölkerung die Dörfer verlässt und in die Städte zieht, Konsummuster, die revolutionäre Veränderungen erfahren. Wie es auch mit den Einstellungen der Menschen geht: mit den Beziehungen der beiden Geschlechter, da die Frauen beginnen, sich zu emanzipieren, und den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, woher auch die sich wiederholende Diskussion über den „Generationskonflikt“ rührt. Kurzum, eine politisch stürmische Periode, die der vielleicht dramatischsten Dekade des griechischen Staates folgt, jener der 40er Jahre, und ebenso eine wirtschaftlich-soziale, konfliktgeladene Periode darstellt. Nur wenige dürften heute dieses Bild infrage stellen.

Doch lernen die jüngeren Generationen nicht nur aus historischen Quellen etwas über ihr Land nach dem Bürgerkrieg. Die Epoche ist noch recht nah, sodass man ihren Widerhall hören kann –aus den direkten oder indirekten Erzählungen der Familie, der Eltern, der Großeltern und der übrigen Verwandten. Der große zeitgenössische Historiker E. Hobsbawm nennt diese Aufnahme der Vergangenheit „Zone der Dämmerung“, die sich zwischen Erinnerung und Geschichte befindet. Sie betrifft genau die lebendige Übertragung der Geschichte, die bei der grauen Vorzeit der Familie beginnt, wie die Erinnerung sie bewahrt hat, und bis zu den Jahren reicht, in denen wir ein Bewusstsein für die Ereignisse erwerben. Die „Zone der Dämmerung“ also, in der sich die jüngeren Generationen bewegt haben, ist nicht so konsensfähig wie das Bild, über das wir vorher sprachen. Alle teilen das Bild der bewegten Geschichte Griechenlands, aber jedes politische Lager erlebte es anders, behielt andere Aspekte im Gedächtnis –je nach seiner politischen Neigung.

[…]

Außer den vorhergehenden strukturellen Differenzierungen des „Falles Griechenland“ durch die entwickelten westlichen Industriegesellschaften müssen wir eine weitere hinzufügen. Der gesamte von uns beschriebene gesellschaftliche Wandel war zeitlich verdichtet und gelangte zu seinem Höhepunkt, als seine Voraussetzungen bereits anfingen, unterhöhlt zu werden. In der Tat begannen das konkrete nationale Entwicklungsmodell und der nationale Sozialstaat, die den Rahmen für den Aufstieg der Volksmassen und der Vereinheitlichung der „mittleren Schichten“ bildeten, sich umzugestalten - unter dem Druck der allgemeineren kapitalistischen Neustrukturierungen, der Veränderung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse, der technologisch-produktiven Entwicklungen, der Hegemonie des Neoliberalismus und der beschleunigten Globalisierung. Die 80er Jahre waren in Griechenland das „Schlachtfeld“ zweier entgegengesetzter Dynamiken. Einerseits stand das „Griechenland des Staatsformwechsels“ kurz vor seinem Höhepunkt, andererseits waren bereits alle seine Strukturen untergraben und sein geschichtlicher Zyklus beendet.

Mit dem Ende der 80er Jahre änderte sich die internationale und nationale Landschaft radikal. Schon allein die internationalen welthistorischen Entwicklungen würden ausreichen, um zu befinden, dass eine Epoche zu Ende geht –nicht nur für die Weltpolitik, sondern für jedes Land getrennt. Der Zusammenbruch der kommunistischen Regime und das Ende der Bipolarität schufen neue Koordinaten für die nationale Staatenpolitik. Umso mehr für Griechenland, dessen Geschichte von den 40er Jahren an vom Kalten Krieg gezeichnet war. Aber auch die Zeichen im Inneren wiesen auf einen Epochenwechsel. Wir haben bereits die radikalen Einschnitte und Diskontinuitäten verzeichnet, die in Griechenland seit der Mitte der 80er Jahre auftauchten: Veränderung der Form der Wirtschafts- und Finanzpolitik, des Parteienwettstreits, der Massenkommunikationsmittel und der öffentlichen Sphäre, der Geopolitik und der nationalen Strategie. Und natürlich die Verdichtung der institutionellen und wirtschaftlichen Eingliederung ins vereinte Europa, welche mit der Einführung des Euro ihren Höhepunkt fand. Was sich aber eigentlich veränderte, war das Verhältnis „national-supranational“. Immer weniger konnten die nationale Politik und das nationale Leben überhaupt im Licht der nationalen Dimension verständlich werden. Die produktiv-wirtschaftlichen, die politisch-institutionellen, aber auch die kulturellen Beziehungen durchquerten das Staatsgebiet und gehorchten Kräfteverhältnissen und „Logiken“, die von der Globalisierung und der europäischen Vollendung bestimmt wurden. Die supranationalen Globalisierungstendenzen der neuen Epoche wirkten immer mehr über, unter, aber auch aus der nationalen Beziehungsform heraus.

Aus diesen Gründen eröffneten die 90er Jahre eine neue Periode der modernen griechischen Politik. […] Es begann ein neuer Zyklus eines raschen Aufschwungs, einer Steigerung des Wohlstands, der Konsumkraft der Bürger und größerer geopolitischer Sicherheit, da sich die Beziehungen zur Türkei verbesserten. Die Stabilität der demokratischen Institutionen in Griechenland galt nunmehr als gegeben, so sehr, dass die Demokratie „selbstverständlich“ und „langweilig“ zu werden begann; darüber beschwerten sich sogar auch die Intellektuellen europäischer Länder mit längerer demokratischer Tradition. Der Beitritt in die Währungsunion hatte die Funktionsbedingungen des nationalen Produktionssystems verändert, die Beziehungen zu den internationalen Finanzmärkten und die Instrumente, über die der Nationalstaat verfügte, um sich den Schwankungen des internationalen Umfelds anzupassen. Außerdem stellte sie eine neue politische Themenliste in den Vordergrund; nunmehr beeinflusste sie direkt die gesellschaftlichen Verhaltensweisen, indem sie die Erwartungen der Individuen und gesellschaftlichen Gruppen herausbildete. In der ersten Phase begünstigte der Euro Griechenland wie auch die anderen Staaten der europäischen Peripherie. Die starke Währung zog billiges Kapital an, als wären die Gefahren für die Leistungsbilanz vorüber. Bis 2007/08 verlief offensichtlich alles ohne große Probleme. […]

Doch Griechenland konnte nicht rechtzeitig und ausreichend die neuen Bedingungen erfassen, welche die Globalisierung und die Währungsunion geschaffen hatten. Die gesellschaftspolitischen Gruppierungen, Interessenverbände, die ideologischen Konstrukte und die herrschenden kollektiven Verhaltensweisen, die sich in der ersten Periode des Verfassungswechsels herausgebildet hatten, konsolidierten sich und erwiesen sich als besonders unflexibel und reformunfähig. Die politische Führung und das Parteiensystem verschlimmerten die Versteifung und Untätigkeit und überließen das Land ungeschützt dem Orkan der Krise des globalen Kapitalismus und jener der Eurozone. Ein mildernder Umstand war, dass auch andere Länder des Südens vom Strudel der Eurokrise mitgerissen wurden, wie auch die Tatsache, dass die europäischen Führungen insgesamt von der Komplexität der Probleme überrascht wurden. Wir wissen jetzt, dass die internationale Krise die Schwächen der „nationalen Fälle“ unter den Bedingungen einer gemeinsamen Währung offenlegte. Leider erwiesen sich aber die Schwächen des griechischen Falles als zahlreich und dramatisch. Es sei hier speziell die kompakte Struktur erwähnt, wie der Leser sehen wird, die das staatlich-klientelistische gesellschaftspolitische Modell mit der Zeit annahm und die Widerstandskraft, die es gegenüber „äußerem“ Druck zur Modernisierung zeigte, die wachsende Ineffektivität des parteipolitischen Systems; die Unterhöhlung der demokratischen Kultur durch den nationalpopulistischen oder den „Sozialpopulismus“ der politischen und gewerkschaftlichen Führungen sowie die Herren der Medien; die Vertiefung des Grabens insiders-outsiders und die Kluft der Generationen, die sich auftat, weil die Eingliederung der jungen Leute in den Arbeitsmarkt und die sozialen Schutzsysteme immer schwieriger wurde. Hier sei betont, dass diese negativen Dynamiken nicht nur die Heftigkeit erklären, mit der sich die universale und europäische Krise in Griechenland äußerten, sondern auch die besondere Form, die letztere annahm: Krise des Staates, übermäßig hohe Staatverschuldung und –defizite, während sich die private Verschuldung vergleichsweise in Grenzen hielt.

Die Krise. All dies verhieß Spannungen. Das gesellschaftspolitische Modell des „Verfassungswechsels“ neigte strukturell zum Entgleisen der Staatsfinanzen und zum Verlust der Wettbewerbsfähigkeit bei der internationalen Arbeitsteilung. Seine Reform, um den angeborenen Instabilitäten begegnen zu können, war unerlässlich. Wie das geschehen sollte, hing von der Lage ab, sowohl der nationalen, als auch besonders der internationalen. In diesem Sinne waren weder die Heftigkeit noch die Tiefe noch die Dauer der Krise gesetzmäßig. Auch wenn der globale und europäische Rahmen stabil geblieben wären, wäre Griechenland gezwungen gewesen, wesentliche Anpassungen vorzunehmen, um im internationalen Wettbewerb bestehen und die Staatfinanzen vernünftig ordnen zu können. Die Anpassung wäre sanfter verlaufen und hätte sich unter dem vor der Krise eingerichteten Aufsichtsregime der EU abgespielt. Hätte sich der internationale Rahmen destabilisiert, dann wäre Griechenland hart geprüft worden. Das geschah dann auch. Die griechische Krise äußerte sich auf der Ebene der Verdeckung der globalen Krise des finanzkapitalistischen Zyklus 1980-2008, des Fehlkonstruktion des Euro und der nationalen Pathogenesen des Modells des Staatsformwechsels, wie wir oben sahen. Das Ereignis zeigte unter Anderem den radikalen Wandel, den das Verhältnis „national-übernational“ erfahren hatte. In den Folgerungen dieses Buches wird unterstrichen, dass sich die inneren Gründe für die nationale Krise aus den Interaktionen des griechischen Kapitalismusmodells (eine extreme Version des sog. südeuropäischen) des politischen Systems und der vorherrschenden Legitimierungsideologien ergaben. Konkret: Aus der negativen Interaktion, welche die introvertierte und nicht konkurrenzfähige Anpassung an das neue internationale/europäische Wirtschaftsumfeld schuf, die „Politik der Untätigkeit“, welche die nötigen Reformen vermied, die Unterminierung des Ansehen des Staats, Ergebnis seiner widerrechtlichen Inbesitznahme seitens der Parteien und Berufsvereinigungen; die ideologische Oberherrschaft eines nach links ausgerichteten Populismus, der mit der Mentalität eines individualistischen Konsumtionismus zusammenging, welcher die Produktivmöglichkeiten des Landes weit überschritt. Im vorliegenden Buch gehen wir dieses Spannungen nach, wie sie während der fast 40jährigen Geschichtsabschnitts auftraten, indem wir die Entwicklung der Politik verfolgen, der Institutionen, des Parteiensystems, der gesellschaftlichen Organisationen und der politischen Kultur.

Wenn wir etwas besonders betonen wollen, dann ist es, dass die Schilderung der Geschichte, die mit dem Fall der Diktatur begann, nicht so reduziert werden kann, als handelte es sich um einen vorher angekündigten Weg in den Bankrott, wie es die öffentliche Rede inner- und außerhalb von Griechenland nach dem Ausbruch der nationalen Krise zu tun pflegte. Die vernichtende Kritik am demokratischen Griechenland 1974-2009 seitens der extremen Rechten und der extremen Linken schüttete das Kind mit dem Bade aus. Ziel der Kritik waren nicht die Pathogenesen und der Rückstand, sondern die Demokratie als historische Errungenschaft der Griechen nach einem wildbewegten Geschichtsparcours. Und allein die Widerlegung dieser Verfälschung der Tatsachen wie auch die Werbung für ein viel komplexeres Bild der modernen griechischen Politik wären schon Rechtfertigung genug, dieses Buch für ein deutschsprachiges Publikum herauszugeben.

Aus: Jannis Voulgaris, Griechenland seit dem Fall der Diktatur (1974-2009),
erscheint demnächst bei: Edition Romiosini, 2016.

Übersetzt von Gerhard Blümlein