Das Projekt

Das Online-Compendium der deutsch-griechischen Verflechtungen ist als ein frei zugängliches, multiperspektivisches Referenzwerk auf der technischen Grundlage des Open Encyclopedia Systems (OES) konzipiert, das eine breite Öffentlichkeit mit verlässlichen Informationen über die Geschichte der deutsch-griechischen Verflechtungen versorgt. Es versteht sich als eine Brücke der Informationsvermittlung, der Zusammenarbeit und der Vernetzung, die darauf abzielt, eine gemeinsame deutsch-griechische Geschichtskultur zu ermöglichen. Durch den Aufbau des „Online-Compendiums“ beabsichtigen das Centrum Modernes Griechenland (CeMoG) in Berlin und die Arbeitsstelle für Griechisch-Deutsche Beziehungen (EMES) in Athen ein breitgefächertes Forschungsnetzwerk zu etablieren, indem die bestehenden Wissenschaftskooperationen zwischen Deutschland und Griechenland verstetigt, ihre Einzelerträge im Rahmen des Compendiums sichtbarer gemacht und dadurch neue Forschungsfragen gestellt und -kooperationen angebahnt werden.

Aus methodischer Sicht folgt das „Online-Compendium“ dem Ansatz der Verflechtungsgeschichte, in dem die deutsch-griechische Geschichte als europäisches Aktionsfeld transnationaler Interaktionen, Interpretationen, Überkreuzungen, Übersetzungen und Transfers erkennbar wird. Die Inhalte des Compendiums werden so verfasst, dass sie sich an eine möglichst breite deutsche und griechische Öffentlichkeit richten, die daran interessiert ist, ihr Wissen über die Geschichte der jeweils anderen Seite zu erweitern und einen vertieften Eindruck in die Verflochtenheit dieser Geschichte mit der eigenen Vergangenheit zu erhalten. Seine Spannbreite reicht zeitlich vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die jüngste Vergangenheit, inhaltlich und thematisch von politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen bis hin zu wissenschaftlichen und kulturellen Verflechtungen.

Die Inhalte des Compendiums werden in Essays und in kurzen enzyklopädischen Artikeln strukturiert.

Die Essays gliedern sich in drei Hauptkategorien:

  1. Metanarrative (Konzepte, Deutungsmodelle, Stereotype)
  2. Makrovorgänge (Praktiken und Netzwerke, Policies und Strukturen)
  3. Mikrogeschichten (narrative Detailuntersuchungen und Fallanalysen)

Unter Metanarrativen werden diskursive Konstruktionen verstanden, über die die deutsch-griechischen Interaktionen gedanklich strukturiert wurden und die sich teilweise bis heute auf die gegenseitige Wahrnehmung auswirken. Hierbei geht es um a.) Konzepte wie Philhellenismus und Romantik, b.) Deutungsmodelle wie die Bayernherrschaft in Griechenland, Fallmerayers "Slawisierungsthese", die Erinnerungskultur an die Deutsche Besatzung und den Zweiten Weltkrieg, die "deutsche Solidarität" während der griechischen Militärdiktatur (Junta, 1967-1974) oder "Griechenlandkrise" und "Eurokrise" (ab 2008) und c.) Stereotype in der medialen Darstellung des jeweils anderen, z.B. der "lebensfrohe"“(aber "faule") Grieche und der "arbeitsame"“ (aber "humorlose" bis„"autoritäre") Deutsche oder räumliche Imaginationen wie die griechische Inselwelt und die deutsche Fabrik.

Die Makrovorgänge bezeichnen Tätigkeitsbereiche und Handlungsrahmen, durch die die bilateralen Kontakte über längere Zeiträume hinweg organisiert wurden. Sie umfassen a.) Policies und Strukturen, z.B. die deutsche Archäologie in Griechenland, die deutsch-griechische Handelspolitik, Propaganda und Krieg, Kultur- oder Erinnerungspolitik sowie b.) Praktiken und Netzwerke, z.B. griechisch-deutsche Migration in ihren verschiedenen historischen Perioden, die Übersetzung deutscher Literatur ins Griechische, deutsche Reisende in Griechenland, deutsch-griechische Handelsnetzwerke, Stipendienvergabe, Ausstellungen; personale und institutionelle Netzwerke wie z.B. die deutschen Gemeinden in Athen und Thessaloniki, griechische Student*innen an deutschsprachigen Universitäten.

Unter Mikrogeschichte(n) werden im ComDeG narrative, also erzählende Detailuntersuchungen und Fallanalysen von kleinen, thematisch wie zeitlich begrenzten Forschungseinheiten verstanden, die jedoch aufgrund ihrer genauen (mikroskopischen) Betrachtungsweise Rückschlüsse auf größere und vor allem signifikante Ereignisse, Zäsuren und Bedeutungszusammenhänge der deutsch-griechischen Verflechtungen erlauben. Vereinfacht gesagt geht es darum, im Kleinen das Große bzw. das Große im Kleinen der deutsch-griechischen Verflechtungen zu suchen. Dementsprechend behandeln die mikrogeschichtlichen Essays historische Ereignisse bzw. signifikante Situationen der deutsch-griechischen Verflechtungsgeschichte oder sind in solche eingebettet. Zum Beispiel: Die Ankunft des bayerischen Königs Otto I. in Griechenland (1833), oder auch Kulturtransfergeschichten wie die Einrichtung des königlichen Gartens in Athen (1838-1840), der Griechenlandschwerpunkt der Frankfurter Buchmesse (2001) oder die documenta 14 (2017).

Jeder Essay gehört zu einem dieser Typen, wobei bestimmte Ereignisse, Vorgänge und diskursive Konstruktionen durchaus in mehreren Essays vorkommen können, dann aber aus der Perspektive des gewählten Essay-Typs und des jeweils behandelten Themas darzustellen sind. In einigen Essays ist davon auszugehen, dass sich je nach Perspektive und Forschungsansatz unterschiedliche, teilweise kontroverse Bewertungen ergeben (z.B. bei einem Thema wie der Reparationsfrage zum Zweiten Weltkrieg). Um die unterschiedlichen Deutungsmöglichkeiten festzuhalten, ist die Möglichkeit vorgesehen, die betreffenden Essays als Dialogbeiträge mehrfach zu vergeben. Bei den Dialog-Essays handelt es sich nicht um einen eigenständigen Essay-Typ, sondern um einen Spezialfall innerhalb der obigen Kategorien.

Die (von der ComDeG-Redaktion erstellten) kurzen enzyklopädischen Artikel liefern Kurzporträts von Personen, Institutionen, Medien, Objekten, und Orten der deutsch-griechischen Verflechtungen. Diese Kurzporträts sind mit Angaben zu Wirkungsorten, Wirkungszeit, Kontaktzonen, Vermittlungspraktiken, personellen bzw. institutionellen Netzwerken verknüpft und mit einer dynamisch aus der ComDeG-Bibliographie erstellten Literaturliste versehen.

Der Facettenreichtum der deutsch-griechischen Verflechtungen wird in der Bibliographie des ComDeG dokumentiert. Diese besteht aus sechs bibliographischen Sammlungen: Die Sammlung Bibliographie zu den deutsch-griechischen Verflechtungen liefert einen Wegweiser in ältere und neuere Sekundärliteratur zu verschiedenen deutsch-griechischen Kontaktzonen und Interaktionsfeldern, Akteuren und Vermittlungspraktiken. In dieser Sammlung werden auch alle Essays des Online-Compendiums bibliographisch erfasst. Zwei weitere Bibliographien enthalten griechisch-deutsche und deutsch-griechische Übersetzungen vom Ende des 18. Jahrhunderts bis heute. Schließlich bilden die Sammlungen deutschsprachiger Literatur über Griechenland und deutschsprachige Literatur griechischer Autor*innen sowie griechischsprachige Literatur über Deutschland und griechischsprachige Literatur deutscher Autor*innen ein umfassendes Korpus für die Erforschung der interkulturellen Wissensvermittlung und -produktion mit Bezug zur Kultur, Geschichte, Politik, Wirtschaft u.a. Für bibliographische Titel, die sich keiner der obigen Sammlungen zuordnen lassen, die aber wichtig für einzelne Essays sind, wird außerdem eine bibliographische Sammlung „Compendium“ eingerichtet.

Die bibliographischen Sammlungen, Essays und Artikel des Compendiums werden untereinander über die Wissensbasis verknüpft. Die Register der Wissensbasis ermöglichen verschiedene Suchmöglichkeiten im Compendium und verbinden deren Inhalte mit anderen Online-Katalogen, digitalen Quellen und Informationsplattformen.