#Editorial

02.11.2016

Prof. Dr. Miltos Pechlivanos

Prof. Dr. Miltos Pechlivanos

Die Debatten, die unter dem Stichwort Europa – wohin? intensiv geführt werden, betreffen die offenen Aushandlungen zwischen nationalen Ordnungen, bilateralen Kooperationen bzw. Machttänzen und politischer europäischer Integration. Der Prüfstein bilateraler kultur- und forschungspolitischer Brückenschläge liegt in der Herangehensweise, in der Methodik, mit der die konventionellen binären Beziehungsgeschichten als dynamische Transfergeschichten neu erzählt werden können. Indem der Begriff der jeweiligen Nation und deren Essentialisierung mit der Methodik einer Verflechtungsgeschichte dekonstruiert und neu interpretiert wird, werden die inhärenten dialogischen und transkulturellen Dimensionen offengelegt, und es ist genau die kulturelle Mobilität, das produktive Spannungsfeld der Alterität und der Identität, die das genuin Europäische ausmacht.

Aus dieser Perspektive näherte Prof. Dr. Miltos Pechlivanos, Direktor des CeMoG, sich den Fragen zur Zukunft Europas, die im Mittelpunkt des Treffens der DAAD-Alumni aus Griechenland (30. September - 2. Oktober 2016 in Athen) standen.

Europa – wohin?: Miltos Pechlivanos über die europäische Quadratur des bilateralen Kreises

Im Juli 2015 konnte man in der griechischen Online-Zeitschrift Chronos einen Beitrag von Thomas W. Gallant lesen, Professor für Neugriechische Geschichte in Kalifornien, San Diego, und Herausgeber der wirkmächtigen Reihe Edinburgh History of the Greeks. Gallant fragte sich mit dem Titel “Greece and Germany: the last tango?”, warum bestimmte deutsche Politiker so mishellenisch geworden seien und versuchte, die aktuelle Stellung Deutschlands historisch zu kontextualisieren. Ich zitiere:

From the very moment of independence until now Germany, Germans and Germanophiles have exerted profound and almost invariably deleterious influence on the development of Greece. For centuries, Germany has treated Greece like its Mediterranean dependency or even as a colony. The histories of Germany and Greece are intricately entangled. But, there can be no doubt who was the lead partner in this centuries’ long dance. This most recent episode of German bullying of Greece is just the last of many such episodes; it just may be the worst. Germany wants Greece out of Europe. Only Merkel and Schäuble can answer why. Maybe now Greece can end the dance; maybe this will be their last tango. I certainly hope so, but unfortunately I think not.

Dieses historische Narrativ will die strukturellen Mängel des griechischen politischen und wirtschaftlichen Systems im gescheiterten Prozess der Staatsbildung während der bayerischen Monarchie in Griechenland zurückdatiert sehen, das Nationale Schisma, den εθνικός διχασμός, als Geschenk Deutschlands an Griechenland im Großen Krieg deuten und vor der deutschen Invasion, Besatzung und Zerstörung der griechischen Gesellschaft und Wirtschaft in den 40er Jahren die Inspiration und die Beispiele unterstreichen, die der germanophile Diktator Ioannis Metaxas aus dem Dritten Reich gezogen hatte. Die Verhandlungen am 12. Juli 2015 seien vor diesem Hintergrund die letzte Episode eines jahrhundertlangen asymmetrischen Tanzes – und die schlimmste, da Deutschland Griechenland out of Europe wolle.

Auch wenn diese Polemik, die mit der vereinfachenden Einseitigkeit der narrativen Modellierung, des emplotment, ins Auge sticht (als wäre die Geschichte in der emotionsgeladenen Bildlichkeit eines Tangos als Macht-Tanz zwischen zwei Parteien zu beschreiben), nicht aus der postfaktischen populistischen Presse sondern aus der Mitte der internationalen Geschichtswissenschaft stammt, ist sie m.E. als Symptom einer zweiten Krise der letzten Jahre zu lesen. Ich meine damit die im Zenit der Eurokrise erfahrene Hartnäckigkeit etlicher bilateraler Vorurteile in Deutschland und in Griechenland, was als Krise in den deutsch-griechischen Beziehungen bezeichnet worden ist.

Ich stimme der nüchternen Betrachtung von Costas Simitis schon zu, der in der CeMoG Lecture 3 im letzten Sommer schrieb:

Die deutsch-griechischen Beziehungen wurden und werden ... in erster Linie durch die Entwicklungen der Krise beeinflusst und viel weniger von Vorurteilen und irrigen Vorstellungen des einen Landes über das andere. Um Misstrauen und Ressentiments zu überwinden, muss man für ein besseres Verständnis der Probleme und für die Umsetzung geeigneter, aber auch praktikabler Lösungen arbeiten. Griechenland ebenso wie seine europäischen Gläubiger müssen erkennen, dass Verständigung und Kooperation notwendig sind.

Es bleibt jedoch der Rest von jenem „viel weniger“, dessen Insistieren m.E. mit der fehlenden Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte zusammenhängt und die Einseitigkeit von vereinfachenden Narrativen unterfüttert. Die Lyrikerin und Übersetzerin Maria Topali, meine Kommilitonin an der Deutschen Schule Thessaloniki, hat es 2014 in einer Rede im Rahmen des deutsch-griechischen Jugendforums folgendermaßen auf den Punkt gebracht:

Ich habe 1982 meinen Abschluss an der Deutschen Schule in Thessaloniki erworben. Wir hatten einiges über die deutsche Geschichte gelernt und natürlich viel über den Holocaust gelesen und gesprochen. Allerdings nicht über „unseren“ Holocaust. Ich meine die Juden in Thessaloniki. ... Oder hat vielleicht diese meine Schule, der ich einen Großteil meiner heutigen Identität schuldig bin, jemals etwas für die jüdischen Schüler von damals getan? Wollen wir der Literatur Glauben schenken, waren die jüdischen Schüler irgendwann vor dem Krieg sogar in der Mehrheit unter den Schülern der Deutschen Schule Thessaloniki. Meines Wissens hat sich die Schule für diese Tatsache niemals interessiert. Die jüdischen Schüler bleiben für immer vertrieben und aus der Erinnerung ihrer Schule getilgt. Natürlich, und das haben wir vorhin auch gesagt: It takes two to tango. Griechenland hat sich 2004 zum ersten Mal an den Holocaust erinnert – damals erst hat das griechische Parlament den Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus auch als Tag des Gedenkens an die griechischen Juden festgelegt.

Oft während der letzten zwei Jahre sowohl bei der Gründung des CeMoG als auch bei der Konzeption einer bilateralen Verflechtungsenzyklopädie wurde uns ein interner Widerspruch bewusst. Wie anachronistisch ist dieses Insistieren auf dem Bilateralen? Und zwar in einer Zeit, in der der Diskurs der Geistes- und Sozialwissenschaften mit überzeugender Programmatik wissenschaftsgeschichtlich bzw. –politisch sich von den Fragestellungen der globalen Verflechtungen und der Transkulturalität, der postnationalen Konstellation und der postkolonialen Hybridität inspirieren lässt. Vor dem Horizont des Prozesses der europäischen Integration eine Institution zu konzipieren, die sich um bilaterale Übersetzbarkeit kümmert ist ebenfalls fragwürdig, bedarf einer apologetischen Erklärung, trotz unserer Erfahrung von der ebenfalls anachronistischen Hartnäckigkeit etlicher bilateraler Vorurteile bzw. der kursierenden vereinfachenden Narrative, von denen wir ausgegangen sind.

Die europäische Quadratur des bilateralen bzw. binationalen Kreises ist keine einfache Aufgabe, und in diesem Sinne haben wir an der Freien Universität Berlin wiederholt wegen ihrer rhetorischen Wirkung zu der Formulierung gegriffen, dass das Centrum Modernes Griechenland (CeMoG) erfolgreich wäre, wenn es sich mittelfristig obsolet machen könnte. In der Zwischenzeit sind offensichtlich die europäischen Dimensionen konsequent in den Vordergrund zu stellen. Ein solches Zeichen wollten wir etwa setzen, indem anlässlich der feierlichen Eröffnung des CeMoG Prof. Dr. Vassilios Skouris als Festredner eingeladen wurde. Sein Vortrag zum Thema Deutsch-griechische Beziehungen im Bereich der Wissenschaft liegt inzwischen in einer zweisprachigen Ausgabe vor. Mit der Einladung des damaligen Präsidenten des Europäischen Gerichtshofs, der EU-Institution, der laut einer Eurobarometer-Umfrage die europäischen Bürgerinnen und Bürger am meisten vertrauen, wollten wir unterstreichen, dass in Zeiten des Euroskeptizismus und des Vertrauensverlustes der Bürgerinnen und Bürger mehr zu tun ist als Europa zu beschwören.

Die Debatten, die unter dem Stichwort Europa – wohin? intensiv geführt und im Rahmen des Bratislava-Fahrplans in der nächsten Zeit noch mehr intensiviert werden, betreffen genau diese offenen Aushandlungen zwischen nationalen Ordnungen, bilateralen Kooperationen bzw. Machttänzen und politischer europäischer Integration. Diese Debatten muss die Europäische Union führen, mit den Worten von Peter Strohschneider, dem Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, „mitten in der größten Zerreißprobe ihrer jungen Geschichte. Populisten fordern die Rückkehr zum Nationalstaat, Technokraten scheinen sich nur für ihren eigenen Machterhalt zu interessieren, und die Mehrheit der britischen Bevölkerung hat sich für einen Austritt aus der Europäischen Union entschieden“.

Mit dem Konstanzer Soziologen Hans-Georg Soeffner würde ich argumentieren, dass sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene „mit dem Begriff ‚Integration‘ kein Richtungsbegriff gemeint“ werden soll, „der sich auf eine Mitte als Orientierungsgröße bezieht“. Dieses imaginäre gesellschaftliche Zentrum beschwören z.B. alle jene, die sich für völkisch, religiös oder ideologisch eingefärbte Leitkulturen einsetzen, um auf eine weitere aktuelle Debatte in unseren plural organisierten Gesellschaften zu verweisen. Abermals sei hier aus Strohschneiders Rede auf der diesjährigen Jahresversammlung der DFG zitiert:

Überall in Europa machen sich neu-alte Nationalismen in einer Weise breit, die noch vor wenigen Jahren nur schwer vorstellbar gewesen wären. Quer durch die europäischen Gesellschaften prägen rechtsradikale Xenophobie und ein längst überwunden geglaubter europafeindlicher Ethnizismus die öffentliche Stimmungslage. Unterdessen trachtet nicht nur in der Türkei oder in Russland, sondern auch mitten in der Europäischen Union, in Ungarn oder Polen ein populistisch autoritärer Caesarismus die staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen zu kapern und arbeitet er zugleich an der Erosion demokratischer Verfassungsstaatlichkeit.

Langer Rede kurzer Sinn: Auch bilaterale kultur- und forschungspolitische Brückenschläge können anachronistisch auf die Priorität der Chimäre einer nationalen Leitkultur und deren Überlegenheit beharren, sogar der Begriff „auswärtige Kulturpolitik“ auf Deutsch entstand in der Zeit der Rivalität der Großmächte vor dem Ersten Weltkrieg. Der Historiker Hagen Fleischer hat in einem materialreichen Aufsatz am Fallbeispiel Griechenland gezeigt, wie die kulturpolitische Rivalität der Großmächte in einem Land der Peripherie dem Wunsch diente, „die Ebenbürtigkeit – wenn nicht gar Überlegenheit – der eigenen Kultur und des dahinter stehenden politischen Willens und der wirtschaftlichen Macht unter Beweis zu stellen“ (S. 129).

Bilaterale kultur- und forschungspolitische Brückenschläge, und so einen vertreten wir im CeMoG zwischen Deutschland und Griechenland, können aber andererseits Teil einer plural organisierten Gesellschaft sein und an einer offenen europäischen Integration arbeiten. Dies zu beschwören reicht natürlich nicht. Der Prüfstein liegt meines Erachtens in der Herangehensweise, in der Methodik, mit der die konventionellen binären Beziehungsgeschichten als dynamische Transfergeschichten neu erzählt werden können. Indem der Begriff der jeweiligen Nation und deren Essentialisierung mit der Methodik einer entangled history, einer histoire croisée oder Verflechtungsgeschichte dekonstruiert und neu interpretiert wird, werden die inhärenten dialogischen und transkulturellen Dimensionen offengelegt, und es ist genau die kulturelle Mobilität, das produktive Spannungsfeld der Alterität und der Identität, die das genuin Europäische ausmacht.

Auch die bilateralen Seiten des Kultur- und Wissenstransfers sind immer schon in komplexen Verflechtungskanälen, in Netzwerken eingeschrieben, die den produktiven Wandel ermöglichen. Der Germanismus etwa des griechischen Nationaldichters Dionysios Solomos im 19. Jahrhundert, sein Interesse am klassischen deutschen Dichten und Denken, kann sich erweisen als Teil einer sich wandelnden, hybriden intellektuellen und sozial-politischen Landschaft der europäischen Peripherie, der Ionischen Inseln: Denkfiguren aus dem deutschsprachigen Raum werden z.T. in italienischer Übersetzung in einer bilingualen, italienisch- und griechischsprachigen Kultur angeeignet, die sich dem Anspruch nach im deutsch-idealistischen Antikebild wiedererkennt und sich gegen die britische Kolonialherrschaft auf den Ionischen Inseln wendet. Diesen kosmopolitischen Transferprozessen liegt im Kern das Anliegen der Akteure zugrunde, sich öffentlichkeitswirksam ein geschichtsphilosophisch und ästhetisch eingebettetes, modernes europäisches Selbstverständnis zu erarbeiten, welches Teil jener globalen Verwandlung der Welt ist, die Jürgen Osterhammel in seiner Geschichte des 19. Jahrhunderts beschrieben hat. Solomos war kein Germanophiler, indem er Schiller der Griechen werden wollte und gewiss geworden ist. Die Verflechtungsgeschichte im Gegensatz zur traditionellen nationalen Geistesgeschichte, die die deutschen „Einflüsse“ vor dem Horizont der Suche nach nationalen identitätstiftenden Konstanten verneint hat, will Konstellationen von Personen und ihren Netzwerken mit den ihnen gemeinsamen Problemlagen beleuchten, auf den europäischen und oft disharmonischen Kreistanz fokussieren, in dem sich die idealistische Poetik von Solomos und seiner Schule als Freiheitssuche formierte. Mit anderen Worten: Wandel durch Austausch.

Aus dem Vortrag von Prof. Dr. Miltos Pechlivanos am 1. Oktober 2016
im Rahmen des Alumni-Treffens für DAAD-Stipendiaten aus Griechenland