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18.01.2018

Nicos Ligouris: Dialog von Berlin

Nicos Ligouris: Dialog von Berlin

Der Regisseur Nicos Ligouris beschreibt seinen neuesten Film Dialog von Berlin (DE/GR, 2017, 80 Min.) als einen „Filmessay über das wechselvolle Spiel der verschiedenen Kulturen des europäischen Nordens und Südens.“ Der Film wurde zwar im März 2017 auf dem Internationalen Dokumentarfilmfestival von Thessaloniki uraufgeführt, seine Entstehungsgeschichte geht jedoch viel weiter zurück, mit tiefen Wurzeln in der Geschichte und einer ziemlich abenteuerlichen „Entstehungschronik“, die der Regisseur eigens für unseren Newsletter erstellt hat. Der Film wird im Rahmen der Veranstaltung Berliner Mythologien. Impressionen einer multimedialen Begegnung am 18. April im Seminarzentrum der Freien Universität Berlin gezeigt.

Ο σκηνοθέτης Νίκος Λυγγούρης περιγράφει την ιστορία και τις περιπέτειες μέχρι την τελική παραγωγή της πρόσφατης ταινίας του Ο διάλογος του Βερολίνου (2017).

Das Abenteuer eines Films

Anreiz zu meinem Film Dialog von Berlin gab mir ein Sommertag in den 80ern, als ich zum ersten Mal den Ostteil der Stadt erkundete. Was mich überraschte, als ich die historische Mitte - die Museumsinsel - erreichte, war die Vielzahl klassizistischer Elemente: die Statuen der Nike und Pallas Athene auf der Schlossbrücke, Schinkels Altes Museum im Lustgarten, die Alte Nationalgalerie im Stil des Parthenons erbaut und vieles mehr.
Was suchten alle diese von einer vergangenen Kultur des antiken Südens inspirierten Werke in einer Hauptstadt des protestantischen Nordens?
Die Antwort: Es waren Produkte eines Fiebers der altgriechischen Kultur, das deutsche Philologen und Künstler des 18. Jahrhunderts befallen hatte.
Was ich jedoch noch nicht realisierte und worüber ich erst später staunen sollte, als ich mich mit dieser Sache näher zu befassen begann, war, dass anders als in Frankreich oder England, wo Griechenland ebenfalls als kulturelles Vorbild gedient hatte, hatte das Phänomen in Deutschland ungeahnte Ausmaße angenommen: Die deutschen Intellektuellen empfanden eine so tiefe Verwandtschaft mit dem griechischen Altertum, dass sie beschlossen, Griechen der Neuzeit zu werden. Lag es daran, dass das Land noch keine feste nationale Identität besaß? Wie dem auch sei, die Griechenliebe entwickelte sich zu einer geistigen Revolution, die so tiefgehend war, dass die britische Germanistin Eliza Marian Butler 1936 in ihrem Buch „The Tyranny of Greece over Germany“ nur noch ungläubig staunte. Aber die deutschen Intellektuellen schafften die Anverwandlung. Aus ihrer Ehe mit dem klassischen Altertum entstanden wahre Wunderwerke der Dichtung, der Kunst und der Philosophie. Auf den Fundamenten des Fremden hatten sie zu Eigenem gefunden. Eine nie da gewesene Epoche der Kreativität.

25 Jahre später. Es war ein sonniger Apriltag des Jahres 2007 auf der Schlossbrücke. Berlin war wieder eine ungeteilte Stadt. Sie lebte nun zum großen Teil vom Tourismus. Von links blickten die Statuen der Nike und der Pallas Athene stumm auf mich herab: Kinder einer Liebesgeschichte, die unwiderruflich vergangen war. Das alte Bildungsbürgertum gab es nicht mehr. Jener Graecozentrismus, aus dem Goethes Iphigenie, das Brandenburger Tor, die Altertumswissenschaft, Schinkels Architektur, Nietzsches Philosophie, Herbert Lists Fotografien, der erhabene Ton der Gedichte von Heiner Müller entstanden waren, war inzwischen aus dem deutschen Selbstverständnis getilgt, teils durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert, teils durch Hitlers grotesk pervertierten Philhellenismus, teils durch die vergehende Zeit.
Im Land der Dichter und Denker orientierte sich das neue Bürgertum jetzt an anderen Gottheiten: pursuit of happiness, Simulation, Hyperrealität. Meine deutschen Freunde, mit denen ich in München Film studiert hatte, waren Fans der Filme von John Ford und gingen in die USA, um barfuß die Rocky Mountains zu erwandern oder kannten Wyoming, wo sie nie gewesen waren, besser als ihre Heimatstadt.
Ich schaute um mich. Dort, wo sich einst das Stadtschloss der preußischen Könige befand, welches in den 50ern von der DDR abgerissen worden war, erstreckte sich nun eine ausgedehnte begrünte Brache. Eine Debatte über die zukünftige Gestaltung dieses ehemaligen Stadt - Zentrums war jetzt losgetreten worden: manche wollten das Stadtschloss wieder aufbauen, wohl in der Hoffnung, damit dem Land eine neue Identität verleihen zu können, andere sahen im rekonstruierten Wiederaufbau die Verneinung von Gegenwarts-Architektur und einen Kulissenfetischismus. Die Debatte über die Fragen „wer waren wir“, „wer sind wir“, „wohin gehen wir“, spaltete Deutschland.
Das Land besaß immer noch keine feste Identität.
Ich richtete mein Augenmerk in Richtung Friedrichsstraße. Touristen aus aller Welt. Tagsüber besichtigten sie die Schreckensorte der Vergangenheit, abends die angesagten Clubs. Mich durchlief ein seltsames Gefühl, das ich in der Folge häufiger in Berlin spüren sollte: In dieser Stadt der Gewalt, des Todes und des Militarismus, in der sich, unter jedem Pflasterstein, Knochen und Blut verbargen, feierte man Partys, um die Schrecken der Vergangenheit - natürlich unbewusst - zu verbannen.
Und plötzlich schoss die Idee in meinen Kopf: ein essayistischer Dokumentarfilm über die neue Hauptstadt Deutschlands, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall. Eine zutiefst subjektive Annäherung an das heutige Berlin durch griechische Augen, durch die Augen eines Ethnographen aus dem Süden. Ein Film nicht nur über Berlin sondern auch über Griechenland, „zwei verschiedene Orte unseres Planeten, extrem unterschiedlich und gleichzeitig vereint in ihrer Neigung zum Tod.“
Mein Blick wäre „der Blick eines Gespenstes, eines Nachfahren einer untergegangenen Kultur.“ Der Film wäre multithematisch. Eines der Themen: „Die rätselhaften Schwankungen der deutschen Identität durch die historischen Zeiten. Quo vadis, Deutschland, quo vadis, Europa? Die Angst vor neuen Schrecken. Europas enigmatischer Gang durch Labyrinthe. An jeder Biegung lauernde Gefahren und Schmerz. Die Frage von Paul Valéry: „Dieses Europa, wird es das werden, was es in Wirklichkeit ist, d.h. ein kleines Kap des asiatischen Kontinents? Oder wird dieses Europa vielmehr das bleiben, als was es erscheint, d.h. der kostbarste Teil der ganzen Erde, die Perle der Kugel, das Gehirn eines weiträumigen Körpers?“
Und die Antwort von Luc Nancy: „Europa wird es nicht geben, weil es Europa schon gab, als keiner darüber sprach.“

 Am selben Abend erzählte mir ein befreundeter griechischer Journalist, der in Berlin lebte und für das griechische Fernsehen arbeitete, dass bei ihm dutzende Kassetten mit Material für allerlei Kulturberichte, die aus dem einen oder anderen Grund nie realisiert wurden, in den Regalen verstaubten.
Ich stellte mir vor, dieser Journalist zu sein. Das war der fiktive Part des Filmes.

 Das Schreiben am Drehbuch dauerte Monate. Mir war sofort klar, dass es nur eine Skizzierung sein konnte, der Film würde erst bei den Dreharbeiten und im Schnitt seine endgültige Form bekommen. Wichtig aber war, dass schon im Skript Atmosphäre, Stil und rote Fäden festgelegt würden: ein Flanieren durch eine Stadt über die Dauer eines Jahres, mit ihrem Alltag, ihren Festen und Events, Bräuchen und Sitten; mit Verweisen auf politische und andere Ereignisse; mit konterkarierenden Ausflügen Richtung Süden; mit Archivmaterial zu Ereignissen, die Deutschlands und Europas Geschichte prägten; und schließlich, mit den Portraits dreier Frauen, die in Berlin lebten: einer griechischen Stadtführerin, einer amerikanischen Filmemacherin und einer türkischen Buchhändlerin, drei Frauen, deren Sorgen „nichts mit meinen Problemen zu tun haben.“

 2008 reiche ich das Filmprojekt beim Greek Film Centre sowie bei diversen deutschen Institutionen und Fernsehsendern ein. Koproduzent ist mein Freund Jost Hering von „Jost Hering Filme“. Schnell wird klar, dass in Deutschland kein Interesse besteht, außer von einem Kultursender, der sich bereit erklärt, die Filmrechte zu kaufen, wenn der Film fertig ist. Keine Überraschung für mich. Allein Begriffe wie „deutsche Klassik und klassisches Griechenland“ reichen, um bei vielen Deutschen allergische Reaktionen hervorzurufen. Der Grund: Auf der Suche nach einer Erklärung für Hitlers Verbrechen hat man nach dem Krieg die gesamte frühere Kultur des Landes in Mithaftung genommen. Die Vergangenheit wurde dämonisiert und negiert, die Nationalkultur zum Unding erklärt. Der deutsch-amerikanische Historiker Konrad Jarausch sagt dazu: „Deutschland hat keine ‚historische Meistererzählung mehr, wie andere Nationen sie ganz selbstverständlich besitzen. In Westdeutschland hat es eine ‚Holocaustisierung‘ des Geschichtsverständnisses gegeben. Deutsche erkennt man immer daran, dass sie unbedingt Europäer sein wollen.“
Der Hass auf die Vergangenheit erfasste natürlich auch die Griechenliebe des 18. und 19. Jahrhunderts. So genügt zum Beispiel heute bei den Redaktionen des öffentlichen deutschen Fernsehens allein der Name „Winckelmann“, um erschrockene Gesichter hervorzurufen, vertraute mir kürzlich eine Filmemacherin an, die bei diesen Redaktionen ein- und ausgeht.

 Im August 2009 erhalte ich vom Greek Film Centre die Zusage für die Finanzierung meines Projekts. Sofort fange ich mit dem Filmen an. Das Konzept verlangt, dass es keine Sekunde zu verpassen gibt.
Ich wandere mit meiner Kamera durch Berlin; filme Straßen- und Alltagsszenen, Bilder von Menschen im öffentlichen Raum, in Einkaufsmeilen, im Sommer in Parks und Seen, im Winter Stadtandschaften im Schnee. Ich filme religiöse-, Kiez- und Kulturfeste, Partys, Konzerte, diverse Messen, Straßenmärkte. Und ich schreibe, kommentiere das, was ich sehe. Die Kommentare weisen Wege zu neuen Themen, das Filmen führt zum Schreiben und umgekehrt. Was wird am Ende daraus? Ein Film mit Gedanken, ein Buch mit Bildern?

 2010 - der endgültige Finanzierungsvertrag mit dem GFC ist noch nicht unterschrieben worden, keine Ahnung, warum - bricht in Griechenland die Finanzkrise aus. Das GFC gibt bekannt, dass es kein Geld mehr für Filme gibt.
Ich höre mit den Dreharbeiten auf. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt: Manchmal, wenn ich etwas Interessantes sehe, greife ich nach meinem iPad.
Es vergehen Jahre. Die Regierungen wechseln sich ab, doch das GFC bleibt weiterhin zahlungsunfähig. Bis irgendwann nicht einmal mehr meine E-Mails beantwortet werden.

 2012 wende ich mich mit Jost Hering an die Kulturstiftung des Bundes. Erste Sondierungen sind überraschend positiv. Man ist interessiert und schlägt uns vor, das Projekt in ein interdisziplinäres Festival mit drei Sparten umzuwidmen: Filmvorführung, Stadtführung, Symposion - Filme finanziert die Kulturstiftung des Bundes leider nicht.
Im folgenden Jahr forsche ich über die Architektur und die Geschichte Berlins und Athens und konsultiere parallel Historiker, Autoren und Künstler.

 2013 stellen wir dann den Antrag. Titel der Veranstaltung: „Berlin und der Hellenozentrismus, gestern und heute.“ Orte: Berlin und Athen. Thema: War der deutsche Hellenozentrismus Fluch oder Segen? Ist er verschwunden, oder gibt es ihn noch? Falls ja, in welcher Form? Was ist die Rolle Deutschlands? Was bedeutet das für Griechenland? Quo vadis, Europa?

 Ein großes Projekt in drei Teilen:

  1. Filmvorführung des Films „Dialog von Berlin“.
  2. Stadtführung. In Berlin besuchen wir mit der Kunsthistorikerin Martina Müller das linke Portal der nicht mehr existierenden Bauakademie von Karl Friedrich Schinkel (1781-1841), welches in den Eingang der ehemaligen Gaststätte „Schinkelklause“ eingebaut wurde. In Athen besuchen wir mit dem Archäologen Dimitris Damaskos den Ajia-Irini-Platz bzw. die neoklassizistische Kirche, die erste Kathedrale Athens, sowie die weiteren Gebäude des architektonischen Ensembles auf dem Platz.
  3. Tagung - Symposion. Ort des Symposions in Berlin: renovierte Griechische Botschaft im Tiergarten. Ort des Symposions in Athen: Stavros-Niarchos-Stiftung und Goethe-Institut. Teilnehmer: Gustav Seibt, Historiker, Claudia Schmölders, Kulturwissenschaftlerin, Jens Bisky, Autor, Dieter Hoffmann-Axthelm, Stadtplaner, Cornelia Jentzsch, Literaturkritikerin, Gregor Dotzauer, Literaturkritiker, Hagen Fleischer, Historiker, Perikles Monioudis, Autor, Gerhard Falkner, Lyriker, Niels Kadritzke, Journalist, Eberhard Rondholz, Journalist, Hans Bickes, Germanistikprofessor, Maria Topali, Lyrikerin, Eleni Boutouloussi, Linguistikprofessorin, Chryssoula Kambas, Germanistin, Katerina Karakassi, Germanistin.

 Herbst 2013. Das Projekt wird von der Kulturstiftung des Bundes nicht gefördert. Es werden schließlich doch Tanz- und Theaterevents vorgezogen. Die Arbeit eines ganzen Jahres war umsonst.

2014: Neue Kontaktversuche mit dem GFC bleiben fruchtlos, die E-Mails werden nicht beantwortet.

Mai 2015, kommt plötzlich Bewegung auf: Ich erfahre, dass es plötzlich Mittel im GFC gibt, auf meine E-Mail wird reagiert, mein Antrag wird aus der Versenkung geholt, der Vertrag unterzeichnet.

 Nach der ersten Freude sehe ich mich mit verschiedenen Problemen konfrontiert, die durch die lange Pause entstanden sind. Zunächst: nach all den Jahren die ursprüngliche Idee und den alten Enthusiasmus neu zu beleben. Dann: Die Beteiligten wiederzufinden. Die amerikanische Filmemacherin, die im Film mitgestalten sollte, lebt längst in Thailand, die türkische Buchhändlerin ist verschwunden, die Fernsehredakteurin, die mir den Vorabankauf des Films zugesichert hatte, ist nach langer Krankheit verstorben. Ihre Nachfolger ziehen inzwischen konventionelle Dokumentationen vor und zeigen kein Interesse für Innovatives und Essayistisches; das Versprechen wird kurzerhand zurückgenommen.

 Die Dreharbeiten dauern nun ein Jahr. In Berlin, in Athen, auf der Peloponnes, auf Kreta. Sie laufen gut. Einziger dunkle Fleck ist ein neues riesiges und zeitraubendes Problem, womit jeder Dokumentarfilmregisseur in Deutschland inzwischen hart zu kämpfen hat: Im Lande hat eine regelrechte Datenschutzhysterie um sich gegriffen.
Jeder will den anderen auf dem Bildschirm sehen, aber keiner sich selbst. Hat man Angst davor, seiner Seele beraubt zu werden? Im Land der Technologie herrscht der Animismus. So z.B. vor der wartenden Schlage vor dem Neuen Museum: Eine verärgerte Dame öffnet, als ich die Schlange filmen will, plötzlich einen Regenschirm zwischen sich und mir, um sich unsichtbar zu machen. Mit dem Ergebnis, dass sie beinahe in die Augen des Mannes stach, der neben ihr stand!
Ein anderes Mal filme ich einen Jongleur im überfüllten Mauerpark; er bemerkt es und kommt verärgert auf mich zu. Ich sage: „Was soll denn die Aufregung? Du willst so sehr, dass du gesehen wirst und bist beleidigt, wenn man dich filmt? Freuen solltest du dich, du kommst doch doch hierher, um deine Kunst zu zeigen!“ Da lacht er und gibt mir Recht.

 2016. Schnittarbeiten. Ich muss 300 Stunden Material durchackern. Allein um es in Echtzeit zu sehen, brauche ich einen Monat.

Grundprinzip des Schnitts: Es soll ein Film für ein erwachsenes Publikum werden. Ich liefere keine Antworten, stelle lediglich Fragen, keine vorgefertigten Gedanken, lediglich Anreize, damit sich der Zuschauer eigene Gedanken macht.
Und ich frage mich: Wie kann ich einen philosophischen Film machen, indem ich gleichzeitig über die Orte meines Lebens spreche? Wie kann ich eine existenzielle Tiefe erreichen, ohne ein Narziss zu sein? Wie finde ich zu einer mir wichtigen, den Inhalt begleitenden Ironie? Wie kann ich thematisch anspruchsvoll fordernd gleichzeitig den Zuschauer spielerisch verführen, sozusagen locker von Thema zu Thema springen, ähnlich wie bei einer Diskussion oder beim Durchblättern eines Fotoalbums?
Ich entscheide mich für eine Art Puzzle-Spiel: Themen wechseln wie die Sätze in einem Musikstück, mit Wiederholungen und Kontrapunkten.
Verhältnis Bild-Wort: Kommentare werden ihren eigenen Wegen folgen, wie die Gedanken beim Flanieren, nie direkt das Gezeigte erläutern.
Also assoziativer Schnitt, Szenen zusammengefügt, dass entweder Konflikte oder Analogien entstehen. Die Gedanken werden von kreativen „Lücken“ unterbrochen, die mal Verwirrung und mal Umdeutungen schaffen. So wird jede Szene durch den Blickwinkel der vorherigen oder der folgenden gesehen werden, wie im Traum, der sich keinen linearen Prinzipien unterwerfen lässt. Der Film wird sich um wiederkehrende Themen drehen. Die Grundform: das Labyrinth, ein Ort, in dem sich alles wiederholt - der Schrecken der Vergangenheit, Kriege und Katastrophen.
Schwierige Vorsätze, schwierige Aufgabe.

 Der Regisseur und Autor Panajiotis Evangelidis sagte über den Film in einem Text, den er im Anschluss an die Filmvorführung im Athener Goethe-Institut im Oktober 2017 vorlas: „Der Film spricht von sich selbst, von seiner Machart, fragt sich, erzählt und lässt uns die Verbindung und Entbindung von Ideen, Zitaten, Meinungen, Aphorismen oder Gedanken verschiedener Menschen genießen. Der Film spricht über den Genuss des Wissens, über das, was er uns gibt und zwar in einer Art, die auf Japanisch zuihitsu heißen würde, d.h. „Miszellenpinsel“ (heterogener Pinsel). In diesem Genre werden die Themen lose miteinander verbunden, genauso wie im Film, der quer von Thema zu Thema und ohne weitere Erklärung springt, außer der, dass dies gerade sein Wesen und seine Struktur ist. Der „Miszellenpinsel“ beobachtet, schlussfolgert, um dann die Schlussfolgerungen zu ignorieren und andere zu schaffen. Die Japaner beschreiben dieses Genre als „einen Pinsel, der läuft“, da es sich nicht so sehr um die Themen handelt, mit denen er sich beschäftigt, sondern eher um seine Ähnlichkeit mit der Bewegung des Windes.

 Nach einem Jahr harter Arbeit kommt dann die Katastrophe: massive Probleme mit dem Ton - Mischer. Es folgen Monate und Monate der schlechten Kommunikation, des Nervenkriegs und der endlosen Korrekturen. Das Ergebnis: die überwunden geglaubten Schwächen der Mischung werden bei der Uraufführung im März 2017 auf dem Dokumentarfilmfestival von Thessaloniki, der ich leider wegen Streik nicht beiwohnen kann, durch die hochmoderne Tonanlage des Festivalkinos plötzlich wieder virulent, die Stimme des Erzählers ist nur eingeschränkt zu hören.

 Zurück in Berlin: Neue Mischung, neue Kosten.
Dann endlich erste professionelle Vorführung im Oktober 2017 im Goethe-Institut Athen. Einen Monat später wird der Film auf dem Docfest von Chalkida ausgezeichnet. Es folgen Vorführungen in zwei Berliner Kinos, eine Einladung zum Berliner Festival „Hellas Film Box“ Ende Januar 2018, eine Vorführung im Tscechischen Zentrum innerhalb einer EUNIC - Veranstaltung im Februar 2018 ...
Schauen wir mal, wie es weiter geht. Fertig sind wir nämlich noch nicht: Das GFC schuldet noch die letzte Rate, die nach der Finanzkontrolle kommt.
Kommt dieses Geld eines Tages? Und wenn, wann? Wird Griechenland je ein normales Land werden?

 In der Einleitung des Buches Das Abenteuer eines Buches schreibt Nikos Kachtitsis: „Verglichen mit den Qualen bei der Herausgabe meines Buches Empore, ist das, was ich beim Schreiben litt, fast gar nichts!

Das könnte auch für meinen Film gelten.

Aber na gut. Alle Strapazen wurden durch die Freude des Machens ausgeglichen. Zunehmend auch durch die Freude, wenn mir manche Zuschauer, die den Film bereits ein bis zwei Mal gesehen haben, sagen, dass sie ihn gern wieder sehen möchten.

 

Nicos Ligouris
11. Januar 2018