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04.10.2018

Water on the Table

Water on the Table
Bildquelle: Vouvoula Skoura, Water on the Table

Die Filmemacherin Vouvoula Skoura, die von den bildenden Künsten herkommt, arbeitete für ihre visuellen Essays oft mit der Theaterwissenschaftlerin und -kritikerin Eleni Varopoulou zusammen. Beide präsentierten auf der Langen Nacht der Wissenschaften im vergangenen Juni eine Auswahl der Filme von Vouvoula Skoura und diskutierten darüber mit dem Publikum. Die Einleitung in das Werk und die Ästhetik von Vouvoula Skoura können Sie nun hier lesen.

Τον περασμένο Ιούνιο, η κινηματογραφίστρια και εικαστική καλλιτέχνις Βουβούλα Σκούρα παρουσίασε επιλογή από έργα της στο πλαίσιο της Μεγάλης Νύχτας των Επιστημών. Την εισαγωγή στο έργο της έκανε η Ελένη Βαροπούλου.

Fenster mit Aussicht: die visuelle Essays der Filmemacherin Vouvoula Skoura

Das Werk von Vouvoula Skoura, mehrfach in und außerhalb Griechenlands ausgezeichnet, ist nicht auf eine einfache Formel zu bringen. Ihre Arbeiten möchte ich als „visuelle Essays“ charakterisieren; dabei geht es nicht nur um filmische Auseinandersetzungen mit Leben und Wirkung literarischer Autoren: viele Filme der freien Filmkünstlerin thematisieren kollektive Erfahrungen mit sehr persönlichen, biografischen, meist autobiographischen Elementen, in die sich politische Reflexion und Geschichte mischen, und dies in einer filmischen Sprache, die an die zeitgenössische multimediale Ästhetik und Techniken der Fotografie anknüpft.

Die Fotografie als bildkünstlerisches Mittel hat Vouvoula Skoura jahrzehntelang erforscht und in ihren Bildern, Filmen, Videos und in Videoinstallationen auf raffinierte Weise bearbeitet. Seit den 1970er Jahren wusste sie, dokumentarisches (und nicht nur) fotografisches Material in ihre Bilder einzuarbeiten, ich würde lieber sagen, zu inkorporieren – collagiert, verbrannt, zerrissen oder übermalt. Text und Schrift benutzte sie immer gerne in ihren Bildern, später in ihren Videos und Filmen. Ihre visuelle Narration ist fragmentarisch, assoziativ, oft surreal, ihre Bildsprache gekennzeichnet von hoher Komplexität – nicht nur, was die inhaltlichen Motive betrifft, sondern auch rein formal.

Vouvoula Skoura hat in Griechenland seit den 1970er Jahren viel Einfluss auf die Kunst des Buchdrucks und des Plakats ausgeübt. Ihre Grafikarbeiten, etwa für den Buchdruck oder Plakate für Theateraufführungen, für Filme bekannter griechischer Regisseure zählen wegen der ungewohnten Konzeption der visuellen Mittel und ihres oft radikalen gestalterischen Ansatzes zu den epochalen Beispielen dafür, wie man dem Betrachter mittels der Bildästhetik einen Freiraum des Denkens eröffnen kann.

Seit den 80er Jahren hat sich die Künstlerin jedoch in unterschiedlichen Arbeiten, meist Installationen und Videoinstallationen, mit literarischen Werken auseinandergesetzt. Philoktet, die Wunde aus dem Jahr 2000 ist ein 16-minütiger Film, inspiriert von Heiner Müllers Drama Philoktet, in dem sie Müllers Text als Ursprung visueller Zeichen für Kriegsmotive bzw. für die extreme Situation des menschlichen Körpers behandelte. 1998 drehte Vouvoula Skoura für eine Veranstaltung und eine Ausstellung im Goethe–Institut in Athen Die Mütter, eine Hommage an Bertolt Brecht. Schicksalsfiguren, mythologische Helden der griechischen Antike kehren regelmäßig in ihren Werken wieder, zum Beispiel in dem Environment Sieben gegen Theben in Io, einer audiovisuellen Installation mit einer Schauspielerin unter freiem Himmel, die als Reise des Zuschauers in der Landschaft organisiert war. 1995 und 1996 habe ich Vouvoula Skoura eingeladen, mit diesen beiden Werken an dem interdisziplinären „site specific Festival“ in Argos teilzunehmen. Die Antike-Referenz findet sich ebenfalls in dem Videowerk Hektor – die Erwartung, das sie bei der Internationalen Begegnungen für das Antike Drama in Delphi 2000 präsentierte, sowie in Medea – No Comment von 2001 und „Die Sibyllen“ von 2002, die für die Sommerakademie des Nationaltheaters von Griechenland produziert wurden.

I

Etel Adnan, Words in exile, ein Film von 55 Minuten, 2007 produziert, ist ein vielfach umjubeltes Filmportrait der in Paris lebenden, weltbekannten libanesischen Dichterin und Malerin Etel Adnan. Geboren in Beirut, der Vater muslimischer Syrer und osmanischer Offizier, die Mutter christliche Griechin aus Smyrna, und sie eine polyglotte Weltbürgerin, die durch ihre Texte und Kunstwerke, aber auch durch ihre Lebenserfahrung und Reisen auf dem ganzen Globus einen exemplarischen Fall transkultureller Existenz repräsentiert. Die Widersprüche des Exils prägen ihren Blick als Malerin und die Migrationserfahrung wird in ihren Gedichten systematisch thematisiert; die Wörter einer Sprache erscheinen in fremden sprachlichen und kulturellen Kontexten und gerade deswegen bzw. wegen ihres authentischen Klangs haben sie ein besonderes Gewicht in ihrer lyrischen Sprache.

Vouvoula Skoura arbeitet in diesem Film nicht nach den bekannten Mustern eines Dokumentarfilms über eine Autorin. Vielmehr basiert ihre filmische Narration auf dem Buch von Etel Adnan Von Frauen und Städten aus dem Jahr 1993, das eine Serie von Briefen beinhaltet, die sie an den libanesischen Denker, Professor für Geschichte und Aktivisten Fawaz Trabulsi adressierte, um ihm ihre Eindrücke von Städten und Orten sowie Erinnerungen, Gefühle und Reflexionen über Malerei, weibliche Identität oder den Krieg mitzuteilen. Diese Briefe wirken wie Texte einer Flaneurin, es ist ein optisches Flanieren in dem Sinne, dass Bilder von Orten und Landschaften, Bilder aus der Natur und aus urbanen Räumen oder von Kriegskatastrophen an die Bilder von Etel Adnan selbst beim Sprechen, Malen und Schreiben anknüpfen: Vouvoula Skoura hat Etel Adnan während des Schreibprozesses gefilmt, so dass der Akt des Schreibens eine Art Fortsetzung ihrer malerischen Aktivität, der Skizzen und Kalligrafien, andeutet.

Die Bildersprache des Films nimmt dies auf: Die konstante, eigentümlich verlangsamte seitliche Bewegung gleicht die urbane Szenerie mit den gehenden Menschen sowohl der Schrift wie den langsamen Naturprozessen an. Im Wellenschlag des Meeres, der dem Rhythmus der Musik antwortet, lädt sich die präzise Alltagsbeobachtung mit einem poetischen Gefühl der Ewigkeit auf. Diese poetische Dimension schließt hier die hochbewusste kritische Reflexion der geschichtlichen und der aktuellen politischen Konflikte nicht aus.

Im Film erscheine auch ich selbst. Ich lese auf Griechisch aus dem fünften Brief an Fawaz Trabulsi, geschrieben in Amsterdam. Hauptfigur in diesem Text ist die mythische Penelope, deren Warten und Erwartung auch im Film thematisiert werden. Außer dem visuellen Diskurs über Frauen und Frauenkörper gibt es auch eine politische Stellungsannahme von Etel Adnan selbst, in der sie ihre Position zur Frage des Schleiers bei den muslimischen Frauen darlegt.

II

Die drei Kurzfilme über Giorgos Seferis und seine Poesie sind Teile eines größeren künstlerischen Projekts, das im Jahr 2000 vom griechischen Kulturministerium anlässlich des 100. Jahrestags seit der Geburt des Nobelpreisträgers in Auftrag gegeben wurde. Der Kontext ihrer Entstehung ist wichtig: konzipiert wurden sie für drei separate, große Leinwände als Videoinstallation. Die Reise und das Meer – das Mittelmeer –, die in dem Triptychon Eine Reise in Raum und Zeit thematisiert werden, erscheinen oft als Leitmotive in Vouvoula Skouras Filmen. Historische und biografische Dokumente mischen sich mit Bildern aus der Kunst- und Fotografiegeschichte, aber auch der Installationskunst, wie etwa des Amerikaners George Segal und seiner Gipsfiguren oder des polnischen Theaterkünstlers Tadeusz Kantor. Ellipse, extreme Konzentrierung einer ganzen Epoche in einem Bild und die Eröffnung freier Assoziationsräume für den Zuschauer charakterisieren den optischen Diskurs von Vouvoula Skoura.

Konterbande war der Titel eines Gedichtbands von Melpo Axioti aus dem Jahre 1959; Konterbande, auf der Suche nach Melpo ist der Titel eines filmischen Work in Progress von Vouvoula Skoura über die bedeutende Schriftstellerin, die ihre intellektuellen Spuren auch im alten Ostberlin hinterlassen hat: in der Nachkriegszeit aus Paris als politische Exilantin ausgewiesen, landete sie in der DDR, wo sie an der Humboldt–Universität Neugriechisch und Geschichte der neugriechischen Literatur unterrichtet hat. Melpo Axioti, eine griechische Autorin im Exil, wird hier durch die assoziative Sprache, ihre radikale Prosa und Lyrik als eine wichtige Stimme der modernen Literatur wahrgenommen. Ιhr autobiographischer Roman Kadmo von 1972 ist kürzlich in der Übersetzung von Maria Zafón in der Edition Romiosini erschienen. Die Arbeit, die Vouvoula Skoura mit einfachen Alltagsobjekten leistet, sieht man in dem Film z.B. in einer Szene, in der sie mit nichts als einem paar kleinen Löffeln malerische Bilder in Schwarzweiß produziert. Zu ihren üblichen Techniken gehören die Verwischung und die Doppelbelichtungen, die Verzerrung und die Verflüssigung. Im Gegensatz zu dem, was man vermuten könnte, werden die Effekte in ihren Filmen nicht etwa durch Computertechnik und andere teure Mitteln erzielt; viele Bilder sind sozusagen „hand made“ und low budget, mit raffinierten, ausgeklügelten Verfahren hergestellt.

III

In den Filmen von Vouvoula Skoura geht es um das Hören von Stimmen in verschiedenen Sprachen und um eine Kreuzung von verschiedenen Diskursen über Dichter und Poesie. Giorgos Seferis liest einmal selbst seine Verse. Über die Dichterin Melpo Axioti hört man den Psychiater Spilios Argyropoulos sprechen und die Stimme der Literaturwissenschaftlerin Vanda Tseliou, die aus Melpos Texten liest. In dem Film The Red Bank. James Joyce und seine griechischen Notizbücher gibt es eine Collage aus diversen Texten, Diskursen und Kommentaren. Dadurch entsteht eine Intertextualität, die mit der Multikulturalität des Bildmaterials zusammenwirkt. Die Filmemacherin kombiniert die widersprüchlichen Elemente und Dokumente. Sie setzt zerbrochene Bilder so zusammen, dass die neu entstandene visuelle und akustische Komposition die stilistische Einheit einer gewissen Stimmung erreicht. In den Film über James Joyce konstruiert der Sprachwissenschaftler Vangelis Intzidis ein auf Joyce-Texten basiertes Szenario, in das, außer seiner eigenen Vision, Referenzen an die griechische Dichterin und Joyce-Forscherin Manto Aravantinou eingeflochten sind, die sich mit Joyces Beziehung zur griechische Sprache beschäftigt: wie er Griechisch lernte durch die Formulierung von Anträgen für Bankkredite.

IV

Die Hommage an den Dichter und Nobelpreisträger Odysseas Elytis mit dem Titel Wasser auf dem Tisch ist eigentlich ein autobiographisches Werk. Was das poetische Universum von Elytis in der Künstlerin an Empfindungen und Nachdenken ausgelöst hat, wird darin zur Thema. Die Mädchen und das Meer, die so signifikant für den Lyriker Elytis sind, rücken ins Zentrum des Filmes. Eine einzige Frauenfigur, gespielt von der Schauspielerin Konstantina Takalou, fungiert als Synekdoche der Frauen des Mittelmeerraums.

Für all diese Filmarbeiten von Vouvoula Skoura, die den Prozess eines visuellen Nach-Schreibens von literarischen Momenten realisieren, würde ich zum Schluss gern als Motto den schönen Titel einer Gedichtsammlung von Manto Aravantinou aus dem Jahre 1975 ins Erinnerung rufen: Meta-grafie (Nach-Schrift) oder die Erfahrung von Grenzen, Μετα-γραφή ή Εμπειρία συνόρων.  

Helene Varopoulou