#Lesenswert

30.01.2019

Constantin Kouvelis

Constantin Kouvelis

Wer Kostas Kouvelis kennengelernt hat, muss das Bild einer Zigarette in der Hand vor Augen haben, die nicht aufhört zu gestikulieren, während er spricht; die Stimme ist ruhig, aber einprägsam. Es geht um Kulturprojekte; um alte Westberliner Geschichten; um die Rettung des alten Botschaftsgebäudes vor dem Verfall; um die Erhaltung und Umbau des Griechischen Kulturzentrums; um Reisen nach Athen und Thessaloniki als Begleiter der Wanderausstellungen oder Vorträge in der Technischen Hochschule über die behutsame Stadterneuerung in Berlin; um die griechische Community, die er und die ihn seit Jahrzehnten kennt. Der Architekt und Stadtplaner, einer der aktivsten Berliner Griechen, organisierte Ausstellungen griechischer Künstler*innen in Berlin, initiierte den Verein und die Zeitschrift Exantas sowie den Chor Polyphonia und baute Brücken zwischen den zwei Kulturräumen. Im Vergangenen Dezember ist er von uns gegangen. Zu seinem Gedenken bieten wir Ihnen einen seiner Texte zum Nachlesen an.

Τον περασμένο Νοέμβριο έφυγε από τη ζωή ο Κώστας Κουβέλης (1947-2019), μια από τις σημαίνουσες και πιο δραστήριες προσωπικότητες του Ελληνισμού στο Βερολίνο. Εκτός από αρχιτέκτονας και αρθρογράφος ήταν ιδρυτικό μέλος και πρόεδρος του κοινωφελούς συλλόγου «ΕΞΑΝΤΑΣ». Από το 2005 εξέδιδε το ομώνυμο περιοδικό πολιτικής ενημέρωσης, παιδείας, επιστήμης, γλώσσας, τεχνών και πολιτισμού για τους Έλληνες στο Βερολίνο. Αναδημοσιεύουμε κείμενό του (στα γερμανικά) που αφορά την ιστορία του συλλόγου.

Die Rolle griechischer Selbstorganisationen in Deutschland — der Verein Exantas in Berlin

In den sechziger Jahren, in den Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders, kamen die ersten griechischen Arbeitnehmer_innen nach Deutschland. Sie folgten dem Ruf der deutschen Regierung nach billigen Arbeitskräften. Es wurden immer mehr in den nächsten Dekaden und sie verteilten sich in den industriellen Ballungszentren der damaligen Bundesrepublik. Sie kamen meistens aus den ländlichen Gebieten Nordgriechenlands mit überwiegend einfacher schulischer Bildung.

Für diese Griech_innen war die neue Umgebung und das neue Land eine große Herausforderung. Es ging nicht nur um das Abarbeiten des täglichen Arbeitspensums, sondern um die Lösung zahlreicher Probleme des Alltags: die Suche nach Wohnung, der Umgang mit den deutschen Ämtern, die Sprache, die Kultur des fremden Landes. Hinzu kam die Einsamkeit, ohne Freunde und Verwandte, denn erst nach und nach kam der Rest der Familie nach Deutschland.

Diese Situation führte zur Selbstorganisation griechischer Migrant_innen und die ersten griechischen Gemeinden wurden gegründet. Es waren Vereine, die sich um alle Probleme der griechischen Arbeiter_innen kümmerten und zudem Orte der Begegnung untereinander darstellten. Mit dem Nachkommen der Familien stellte sich auch das schulische Problem der Kinder, als ein wichtiges Betätigungsfeld der griechischen Gemeinden dar. Eine der wesentlichsten Fragen war, wie die Bildung der Kinder zu organisieren sei, um die griechische Sprache zu erlernen und die griechische Identität zu bewahren. Kontakte zum griechischen Bildungsministerium waren nötig, damit griechische Lehrer_innen nach Deutschland entsandt werden konnten, aber auch Kontakte zu den deutschen Ministerien um solche griechische Schulen anzuerkennen.

Ein weiterer Zweig der griechischen Migrant_innen in Deutschland waren die griechischen Student_innen, die seit den siebziger Jahren verstärkt in die Bundesrepublik kamen. So wuchs auch die Bedeutung der griechischen Gemeinden in Deutschland mit der Anzahl der griechischen Arbeiter_innen und ihrer Probleme.

Griechische Vereine im Wandel

Ein wichtiges Element dieser griechischen Präsenz in Deutschland wurde jedoch sowohl von deutscher wie auch von griechischer Seite dramatisch verkannt. Die Menschen die nach Deutschland kamen, sollten einige Jahre hier arbeiten und danach wieder in ihre Heimat zurückkehren. Doch die Menschen, die kamen, passten sich hier größtenteils an, sie gründeten Familien, bekamen Kinder und die meisten blieben. Inzwischen leben in Deutschland Griech_innen der zweiten und dritten Generation. Diese sind völlig integriert in die deutsche Gesellschaft und von einem Deutschen sprachlich und kulturell kaum zu unterscheiden. Mit dieser Entwicklung änderte sich auch die objektive Bedeutung der griechischen Gemeinden. Von ihrer Rolle des Dienstleisters im Rahmen der klassischen Gemeinwesenarbeit blieb nicht viel mehr übrig als eine Begegnungsstätte für die Griech_innen der ersten Generation. Die Jugend blieb meistens fern und die Vereine waren so fast nur noch ein Ort für Ältere.

Diese veränderte Rolle der griechischen Gemeinden für die Griech_innen aber auch in der deutschen Gesellschaft vermochten nur ganz wenige Gemeinden zu erkennen und entsprechend ihre Tätigkeitsfelder anzupassen. So auch die Hellenische Gemeinde in Berlin (vormals: Griechische Demokratischen Gemeinde Berlin). Ende der 90er Jahre bis Anfang der 2000er Jahre versuchte eine Gruppe engagierter Griech_innen in Berlin, die eine Mehrheit im Vorstand der Gemeinde erlangte, dem Vereinsleben eine neue Dynamik mit neuen Inhalten zu geben. Umfangreiche Umbauaktionen im Haus aller griechischen Vereine in Berlin-Steglitz sollten den alten Räumen, mit dem Charme einer Bahnhofswartehalle, eine neue Hülle für neue Inhalte geben. Lesungen, Musikveranstaltungen, Diskussionen, Ausstellungen und vor allem eine Öffnung in die deutsche Gesellschaft standen auf der Tagesordnung. Das Konzept ging auf, es schien als wäre eine neue griechische Gemeinde aus der Asche der alten geboren.

Doch wie vieles in der neuzeitlichen griechischen Gesellschaft stieß diese Neuorientierung auf den Widerstand der alten „Platzhirsche“: das Alte sollte mit jedem Preis erhalten werden, das Alte versprach Macht und Einfluss, da dieses Alte den Vertreter_innen der griechischen Parteien „gehörte“ die sich im Laufe der Jahre in der Gemeinde eingenistet hatten und Klientel-Politik betrieben. So wurde diese engagierte Gruppe von der Gemeinde vertrieben. Sie weigerte sich jedoch sich mundtot machen zu lassen und so wurde der Verein „Exantas Berlin e.V.“ im Jahr 2005 gegründet.

Die Ziele des Vereins „Exantas“

Der neugegründete Verein „Exantas“ hat drei Grundpfeiler: Erstens kann jeder Mitglied werden, unabhängig von Herkunft, Sprache oder Bildungsstand. Zweitens gibt der Verein regelmäßig eine zweisprachige Zeitschrift heraus und drittens werden meist zweisprachige Veranstaltungen zu Themen die mit Griechenland zu tun haben, aus den Bereichen Bildung, Wissenschaft, Geschichte, Sprache, politische Information, Kunst und Kultur durchgeführt.

„Exantas“ richtet sich also sowohl an ein interessiertes griechisches aber auch an ein deutsches Publikum, das sich mit Griechenland in welcher Form auch immer beschäftigt und sich für das Land und seine Kultur interessiert. Die Frage nämlich, die sich stellt, ist nicht auf die klassischen Kulturwerte und sonstige kulturelle und wissenschaftliche Errungenschaften der Hellenen zu fokussieren, sondern den genannten Zielgruppen die zeitgenössische griechische Kultur nahezubringen. Diese Aufgabe dient nicht allein der Information und der Selbstbildung, sie ist der Botschafter des zeitgenössischen Griechenlands per se. Es ist eine Aufgabe, der sich die griechischen Gemeinden in Deutschland stellen müssen, die aber auch nur unvollständig von der offiziellen Griechischen Kulturstiftung in Berlin wahrgenommen wird.

Wie richtig die Ziele des Vereins „Exantas“ waren, zeigen einige Zahlen. Seit 2005 wurden kontinuierlich zwei Mal im Jahr die zweisprachige Zeitschrift „Exantas“ herausgegeben (aktuelles Heft Nr. 15), die mit durchschnittlich 112 Seiten professionell in ganz Deutschland vertrieben wird. Sie enthält Artikel auf Griechisch und auf Deutsch aus den vorgenannten Themen. Die Zeitschrift hat 75 Abonnent_innen aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland. Der Verein hat 97 Mitglieder wovon fast die Hälfte Deutsche sind. Jedes Jahr werden zwischen 6 und 9 Veranstaltungen, meist zweisprachig, durchgeführt mit Besucherzahlen bis zu 170 Personen. „Exantas“ initiierte die Bildung eines griechisch-deutschen Chors, der inzwischen als selbstständiger Verein „Polyphonia Berlin e.V.“ mit über 45 Mitgliedern erfolgreich auftritt.

Somit besetzte „Exantas“ eine Nische im Kulturangebot der Stadt, die bislang nur unzureichend besetzt war, als ein Forum für griechische Themen und Probleme. Für die Zielgruppe der griechischen Community bietet er Themen der politischen Aktualität aber auch Themen der griechischen Geschichte, Literatur, Kunst und Wissenschaft an. Er setzt dort an, wo die anderen griechischen Vereine mit Festen und Folklore aufhören.

Für den deutschen Freundeskreis sind die Veranstaltungen von „Exantas“ ein Referenzpunkt in der Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen griechischen Realität. Lesungen, Kamingespräche, Ausstellungen und Musikdarbietungen eröffnen ein neues, ein ganz anderes Griechenland-Bild, das bisher den deutschen Griechenland-Tourist_innen nur durch die Hochglanzbroschüren der Touristik-Unternehmen vermittelt wurde, gewürzt mit Ouzo, Sirtaki und Gyros. Es war immer erstaunlich, festzustellen, wie viele Deutsche sich für die fast immer zweisprachig angebotene Veranstaltungen interessierten, von einem Film über den Glanz von Konstantinopel, über ein Kamingespräch zur griechischen Klassik in Berlin, eine Kunstausstellung von in Berlin lebenden griechischen Künstler_innen, einen Vortrag und ein Klavierkonzert zum 60. Todestag von Nikos Skalkotas, bis zu einer Podiumsdiskussion über die Revolte der griechischen Jugend im Jahr 2008 oder den jährlichen „Lyrik und Musik“-Veranstaltungen, die den bekanntesten griechischen Literat_innen gewidmet sind.

Vor allem in der aktuellen Situation der letzten zwei Jahre der ökonomischen Krise in Griechenland, in der das Land und seine Menschen in den deutschen Boulevardmedien (und nicht nur) diffamiert und entwürdigt werden, haben solche Initiativen wie „Exantas“ eine immense Bedeutung.

Dabei ist nach unserer Analyse besonders wichtig, dass der Verein in jeder Hinsicht unabhängig ist. Alle seine Aktivitäten wie auch die Redaktion und der Druck der Zeitschrift werden durch die Beiträge der Mitglieder und einigen bescheidenen Spenden finanziert. Das Fehlen einer staatlichen Subventionierung ist zwar schmerzhaft, gibt aber dem Verein die Unabhängigkeit und die Flexibilität in seiner Arbeit.

Neuen Medien und neue Arbeitsfelder

Die neuen sozialen Medien spielen eine wachsende Rolle für die Arbeit von „Exantas“. Seit Ende 2011 ist der Verein auf Facebook vertreten. Seitdem wuchs das öffentliche Interesse an seiner Arbeit mit dem Höhepunkt einer Arbeitsvermittlung für die „neuen griechischen Berliner_innen“. Die über 750 Empfänger_innen des Informations-Newsletters von „Exantas“ wurden gebeten, dem Verein mögliche Beschäftigungen für die „neuen Berliner_innen“ zu melden, die auf Facebook bekanntgemacht und anschließend den Interessent_innen vermittelt wurden. So wurden über 15 Arbeitsstellen innerhalb einer Woche (natürlich kostenlos) vermittelt.

Der Verein versucht in letzter Zeit diese (über 1.400 in einem Jahr), neu in Berlin angekommenen jungen Griech_innen in seiner Arbeit zu integrieren, weil hier ein sehr wichtiges Potential steckt. Dies soll über ihre Vorstellung in der Zeitschrift wie auch über die Bildung von Gruppen zu Themen wie Literatur, Musik, Theater geschehen.

Diese neu angekommenen Griech_innen in Berlin, aber auch anderswo in Deutschland, haben fast dieselben Probleme wie die griechischen Arbeiter_innen der ersten Generation, wie anfangs beschrieben., Mehr noch, die meisten haben keine Arbeit, im Gegensatz zu den ersten Arbeiter_innen, die nach zwischenstaatlichen Regelungen und mit Arbeitsverträgen nach Deutschland kamen. Demzufolge erwächst den griechischen Gemeinden erneut die Betreuungsrolle für diese Menschen, die sie bereits zu Zeiten ihrer Gründung hatten. Hierfür müssten die Gemeinden eine radikale Umstrukturierung vornehmen, um den Zeitgeist nicht aus den Augen zu verlieren, was jedoch nicht besonders hoffnungsvoll erscheint. Denn wenn man auf Facebook verfolgt, wie in den entsprechenden Seiten diese neuen Berliner_innen sich selbst in den Alltagsfragen helfen, kann man kaum erwarten, dass die verkrusteten Strukturen der griechischen Gemeinden hier mithalten können.

Ein Kultur-Verein wie „Exantas“ kann hier jedoch keine ausreichende und kontinuierliche Hilfe leisten. Hierzu bedarf es einer festen Anlaufstelle, Personal und weitere Betreuungsmöglichkeiten um diesen jungen Menschen neue Perspektiven zu eröffnen. Doch für die deutsche Gesellschaft sind diese Neu-Berliner_innen eine große Chance, da die meisten von ihnen qualifizierte Akademiker_innen sind und die Bereitschaft mitbringen, sich in eine neue Gesellschaft zu integrieren. Eine Alternative zu den (begrenzten) Möglichkeiten der griechischen Gemeinden wäre, Vereine wie „Exantas“ so auszustatten, dass sie den neuen Greek-Berliners eine Hilfe zur Selbsthilfe organisieren.

Constantin Kouvelis