#Lesenswert

11.06.2019

Νίκος Χρυσός: Καινούργια μέρα

Νίκος Χρυσός: Καινούργια μέρα

In einer Dezembernacht wird in einem Hafen der obdachlose Sevastianos, berühmt für seine Fabulierkunst, von drei Männern bei lebendigem Leib verbrannt. Pavlos, der jüngste der drei Täter, kann seine Schuldgefühle nicht überwinden und macht sich auf die Suche nach der Vergangenheit seines Opfers, wohl im Glauben, er könnte es dadurch zurück ins Leben holen. Er findet schließlich im Obdachlosen-Milieu vier seiner engsten Freunde, die ihm ihre eigenen Geschichten erzählen sowie die ihres Freundes Sevastianos. Pavlos lässt sich so von einer anderen Welt einfangen.

»Nikos Chryssos stellt sein besonderes Talent unter Beweis und wagt sich vor allem an eine ‚große Erzählung‘, was nicht alltätlich in der zeitgenössischen Literatur aus Griechenland ist.« (Agis Athanasiadis, Librofilo)

Nikos Chryssos wurde für seinen Roman Neuer Tag (Athen, Kastaniotis-Verlag, 2018) mit dem Literaturpreis der Europäischen Union geehrt. Wir veröffentlichen einen charakteristischen Auszug aus dem Roman in deutscher Übersetzung.

Ο συγγραφέας Νίκος Χρυσός τιμήθηκε με το Λογοτεχνικό Βραβείο της Ευρωπαϊκής Ένωσης EUPL 2019 για το μυθιστόρημά του Καινούργια μέρα (Εκδόσεις Καστανιώτη, 2018).

Nikos Chryssos: Einen Tag danach

Nach den Krankenwagen und der Feuerwehr, nach den Kerlen der Behörde für Bürgerschutz und den Männchen der Stadtpolizei, kamen der Tanklaster und die Reinigungskräfte an die Reihe, die begannen alles nasszumachen und sie schrubbten die Asche, das verbrannte Fett und das Blut, das sich mit einer dickflüssigen Schlammpfütze auf dem Boden der alten Fahrzeughalle vermischt hatte. Drei Müllwägen hatten es sich am Eingang des Hofs bequem gemacht und die Fahrer rauchten neben den Fahrerhäusern während sechs Männer in orangenen Uniformen und fütterten die Mülleimer auf Rollen mit Pappkartons, ausgeblichenen Planen, Putzlappen und Holzkisten, die unserer Meinung nach zu schade zum Wegschmeißen waren. Zwei andere, in grün gekleidete und mit schweren Drahtbesen bewaffnete, schrubbten den Fleck, bereits erschöpft von der vergeblichen Mühe, da sie insgeheim wussten, dass es Zeit, einige Regenschauer und genug Sonne brauchen würde, um die Spuren zu beseitigen, die unser Freund hinterließ. Das Einzige, das sie mit ihrer Schrubberei erreichten, war es den Geruch, der sich im Beton festgesetzt hatte, wiederzubeleben; ein schwerer und strenger Geruch, der uns die Tränen in die Augen trieb und die Reiniger zwang, immer wieder einzuhalten und bitteren Rotz auszuspucken. Inzwischen spie der Tanklaster Wasserfontänen in alle Richtungen und besprengte so die rostigen Bleche wie ein Rasensprenger und die wenigen Zerlumpten die noch in den verlassenen Wagen zurückgeblieben waren, kauerten sich unter ihren Decken und hofften, dass dieser Zirkus zu einem Ende käme, bevor sie bis auf die Knochen durchnässt wären. Bevor die Aufräumarbeiten beendet waren, begannen dicke Flocken vom Himmel zu fallen und bis zum Abend war der ganze Hafen von einer Schneeschicht bedeckt, die bis zum Meer reichte, und als die Fahrzeuge und die Männer der Gemeinde abzogen, krochen die Obdachlosen auf der Suche nach einem warmen Platz zum Überwintern aus ihrem metallenen Unterschlupf hervor und so blieb die Fahrzeughalle für vierzig Tage verlassen, also so lange, wie diese beispiellose Kältewelle anhielt, die eine ganze Stadt lahmlegte, welche milde, mediterrane Winter gewöhnt war, mit Winden wie einen lauen Gregale, einen schwachen Mistral und der kurzen Tramuntana.

Während dieser Zeit blieben die Menschen Zuhause, so dass wir, dicht gedrängt in den Eingängen der alten bürgerlichen Wohnhäuser des Sektors A – den „Höhlen der Greise“, wie sie unter uns bekannt waren – selten gezwungen waren auszuweichen, damit irgendein mutiger Alter, die Kälte missachtend, rein oder raus konnte, und selbst dann, verscheuchte uns niemand, sie schauten uns nicht einmal schief an, wie sonst. Kleine Tropfen glitten von den oberirdischen Stromkabeln und sie gefroren noch bevor sie auf den Asphalt aufschlagen konnten, einer nach dem anderen, und bildeten so lange, kristallene Fäden, die wie Schmuck glitzerten, bis eine plötzliche Bö sie niederriss. Hunderte solcher Spitzen hingen über unseren Köpfen, und doch trauerten wir um jeden ihrer Abstürze, unerklärlicherweise. So schneeweiß hatte die Stadt ihren Lauf verloren und das verstärkte das Gefühl der Desorientierung, das plötzlich in uns gastierte. Die Geräusche waren verstummt und es war, als hätte das Weiß außer unseren Augen, auch die Ohren bedeckt; nur morgens war ein Wehen und ein leichtes Pfeifen zu hören, als befänden wir uns in einem riesigen Ball der Luft verlor. Sogar die Bullen, die zu zweit die großen Straßen entlangpatrouillierten, schenkten uns keine Aufmerksamkeit, sondern schlurften voran und so angespannt wie ihre Gesichter aufgrund der Kälte waren, schienen sie uns gänzlich unbekannt, als wären wir uns noch nie begegnet, als hätten sie uns in dieser Stadt nicht bereits hunderte Male verscheucht, bedroht, verjagt oder eingesperrt. Eines Morgens sahen wir irgendeinen Polizisten wie er neben einem gefrorenen Bündel auf einer Bank bei einer Station stand; er musterte den liegenden Körper eine Zeit lang und mit aschfahlem Gesicht kniete er sich hin und streckte die rechte Hand aus, gerade so weit, um ihm die Augen zu schließen.

„Dutzende Obdachlose erfrieren im ganzen Land“, berichtete irgendein Journalist auf dem Titelblatt einer Abendzeitung, direkt unterhalb der Schlagzeile, die den „Ausbau des Sozialstaats und gleichzeitige Stärkung des Wachstums“ versprach.

„Der Typ auf der Bank, meinst du der war tot?“, fragte Lucky und fügte überzeugt hinzu, wohl um sich zu beruhigen: „Der Bulle hat ihn bis oben hin zugedeckt und er ist nochmal davongekommen“.

Am selben Abend kamen wir zu dem Schluss, dass es ein beruhigendes Bild war; der Himmel wirkte zu unerträglich weiß, um die Augen offen zu halten. Es hört sich bescheuert an, aber es war das nächste an Empathie, das wir uns ausdenken konnten.

Zwei Mal am Tag zogen wir durch die halbleeren Straßen und trafen uns bei den Tafeln, die aufgrund des Frosts sehr häufig geworden waren. Die Suppe fror noch bevor man sie an die Lippen brachte und es bildeten sich spärliche Fettaugen auf ihrer Oberfläche, aber auch so waren wir satter als üblich.

„Wenn schon keine Heizung, dann wenigstens Kalorien“, sagte irgendjemand, aber niemand fand Erleichterung in seinen Worten. Nur zwei kleine Pakistaner, die noch nicht die Sprache verstanden, lächelten unterwürfig, falls sie tatsächlich lächelten und es nicht ein trauriger Versuch war ihre Kiefer zu wärmen.

Nach dem Mittag- oder Abendessen versuchten wir uns wieder an Geschichten zu erinnern, die er uns erzählt hatte, und versuchten sie von den Übertreibungen und dem Blödsinn freizuhalten, die sich beim erneuten Erzählen durch den einen oder anderen einschlichen, als wäre es uns möglich, eine Sammlung zu erstellen, eine Anthologie nur mit seinen Worten in der richtigen Reihenfolge. Häufig änderten die Geschichten ihr Thema oder ihren Inhalt und in Wirklichkeit konnte sich keiner mehr sicher sein, welche von ihnen Sevastianos selbst erzählt hatte und welche wir mit Ereignissen aus unserem eigenen Leben gefüllt hatten, denn, noch benommen durch den Verlust, brauchten wir mehr als je zuvor tröstende Märchen und aufklärende Mythen, Erzählungen, die uns in seine Nähe bringen würden oder zumindest irgendwo weit weg von der Gegenwart, die unerträglich wirkte. Wem wir auch begegneten, jeder hatte eine Geschichte gehört und erzählte sie gerne weiter; diese plötzliche Hilfsbereitschaft hauchte auch den trägsten und ungelenksten Berichten Leben ein, sodass wir am Ende zufrieden auseinandergingen. Wenn wir uns zu viert trafen -oder zu fünft wenig später- versuchten wir Zeitpunkt und Ort zu rekonstruieren, wo wir eine Erzählung zum ersten Mal gehört hatten, aber es war genauso schwer, wie ein richtiges Ende oder einen passenden Anfang für jede zu finden. Die Geschichten änderten ihre Dimensionen, sie begannen als geizige Zweizeiler und zögerliche Haiku, bis sie ausleierten, zu weitschweifigen Schilderungen ohne Ende, verlegene Epen, Atem, der im frostigen Wind kristallisierte und der noch einen Moment in der Luft stehen blieb, bevor er vom grauen Schnee der Straße begraben/bedeckt wurde.

Lucky trug ein Akrostichon des Ehemals‘ vor, jemand anderes erzählte eine Hafengeschichte von Sevastianos, Funker gedachte dem Kapitän Taki Kolumbus, und Ehemals beharrte darauf, dass er neben dem Leuchtturm Rodrigo de Triana, dem Piraten, dem Gaukler, begegnet war, dem ersten Europäer, der Amerika erblickte (er schwor, dass er zerlumpt und verkrüppelt mit einem Fernrohr über die Meere blickte während er billigen Tabak kaute) und im Anschluss wurden die Stimmen lauter, ein jeder bestand auf seine eigenen Version, jedoch den anderen ein Ohr leihend; hätte uns jemand beobachtet, wäre er nicht schlau daraus geworden, und dennoch, zusammengedrängt unter einem Vordach, im Dunkeln, stimmten wir uns schließlich bei unserem Kanon ab, der zwar flackerte und zitterte, aber wenn man genau hinhörte, konnte man nicht anders, als seine Bedeutung zu erkennen.

Das Dreckwasser floss weiter in die Abflüsse und in die Kanalisation und spät abends, wenn wir das Rauschen hörten, bildeten wir uns halberfroren ein, dass antike, unterirdische Flüsse reißerisch unter unseren Füßen entlangflossen.

Andere Male, in die Decken gehüllt, tauschten wir Geschichten über den Tod aus, Szenen, die wir gehört hatten oder die wir uns Ort und Stelle ausdachten, Ereignisse, die wir uns beschwörungsartig erzählten, über einen Handwerker, der auf dem obersten Stockwerk einer Baustelle ausrutschte und auf einigen Schichten Dämmmaterial landete und der, aufgrund seiner unerwarteten Rettung unvorsichtig geworden, in den Kalk stürzte und sich verbrannte, über einen sorglosen Denker, der den Flug eines Adlers bewunderte bis eine Schildkröte aus den Klauen des Vogels herunterfiel und ihm den Kopf spaltete, über eine verbitterte Jungfer, die sich auf die Zunge biss und starb, über einen angehenden Chemiker der, der trunken vor Begeisterung über seine Erfindung, statt Wasser, eine konzentrierte Chemikalie zum Toast erhob und sie auf ex trank, über eine romantische und unerfahrene Lady, die während der Jagd sich wünschte, dass sie endlich ein Pfeil ins Herz treffen möge, und deren Wunsch in Erfüllung ging, über einen der an Karneval als Kater ging und dessen Tod die Neugier war, Witze über Menschen, die unrühmlich erloschen noch bevor sie sagen konnten: „Es ist vollbracht“.

Und während wir all die Jahre zuvor die Vorboten des Frühlings einen nach dem anderen wahrnahmen, den Geruch der Zitronenblüten, die spärlichen Flügelschläge der Storche, der Mohn, der wie Kratze in den Beeten aufblüht, am Vortag des Februars ging eine Aprilsonne auf und innerhalb von zwei Stunden schmolz der Schnee, die Kabel und Abflüsse blitzten, die Vorhänge wehten an den offenen Fenstern wie Fahnen, Frauen und Männer traten hinaus auf die Straßen, zögerlich und perplex, bis sie, erquickt durch die heißen Sonnenstrahlen und durch die Pomeranzenblüten, die einer nach der anderen mit frischem Knall aufplatzten, ihre Vorbehalte vergaßen und sich dranmachten umherzulaufen und zu lachen und dies mit solcher Unbedachtheit, dass es nicht lange dauerte, bis sich Reiberein und Gemecker, häufig schwer zu lösende Streitereien und Verständnislosigkeit zeigten, denn die lang anhaltende Isolation hatte zur Folge, dass der eine die Sprache des anderen vergaß und nur wir, an die Straßen gewöhnt, verstanden alle Sprachen und alle Dialekte und begeistert von der unerwarteten Wärme schickten wir uns an, die Rolle des Dolmetschers oder Vermittlers zu übernehmen, zwischen Europäern, Asiaten und Afrikanern, zwischen Italienern, Spaniern, Nigerianern, Chinesen und Syrern, bei gutsituierten Leuten mittleren Alters und widerspenstigen Pubertierenden, gepflegten Damen und Hafenmädchen, zwischen Kapitänen und Arbeitern, dekadenten Privatiers und kräftigen Handwerkern, Einheimischen und Migranten, in der Hoffnung den Frühling zu genießen, unsere Zeit unterhaltsam zu verbringen, beschäftigt zu bleiben, fern von der blutigen Mauer.

Aus: Νίκος Χρυσός, Καινούργια μέρα. Μυθιστόρημα, Αθήνα, Καστανιώτης, 2018, 495-500.
Übersetzt aus dem Griechischen von Nikos Kaissas.