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07.10.2019

Kouros-Statue im Archäologischen Museum Samos (Vathy)

Kouros-Statue im Archäologischen Museum Samos (Vathy)

„Was will ich einklagen? Wen will ich anklagen? Die Antikenkenner, die Griechenlandversteher, die Griechenlandtouristen unter uns Deutschen? Mehr Sensibilität, bitte?“

Die Philologin, Filmemacherin und Autorin Susanne Concha Emmrich unternahm eine literarische Wanderung durch „Athen“, auf der Suche nach deutschen, französischen, amerikanischen und schwedischen Spuren, die die vergangenen zweihundert Jahre hinterlassen haben. Diesen Text kann man auch als einen Weg voller Stolpersteine sehen, sie tragen Namen wie Ahrenberg und Schliemann, Deutsches Archäologisches Institut, Gestapozentrale und Schliemann-Nachlass, Architektur und Hunger.

Η φιλόλογος, δημιουργός ταινιών και συγγραφέας Susanne Concha Emmrich έγραψε ένα κείμενο-περιπλάνηση στη γεωγραφία και την ιστορία, στη (φαντασιακή) Αθήνα: «Ελληνικός θρήνος», το οποίο αναδημοσιεύουμε.

Griechische Klage

Als ich meinerseits von bestürzenden Entdeckungen in Athen berichte, fragt mich Georgios, ob ich auch schon die Gestapozentrale gesehen habe. Hinter dem Parlament von Griechenland, in der Merlinstraße.

„Viel Wein trinken, bevor du da hineingehst. Meine Frau warnte mich. Nach einer ganzen Flasche … Ich weiß bis heute nicht, wie ich da wieder herausfand.“

Wir sitzen in seiner Stammtaverne in der Plaka. Gerade hat er von seinem Exil in Kanada erzählt, wo er 1973 auf chilenische Exilanten gestoßen war und sich mit ihnen verbündete zu einem politischen Kulturkampf gegen die Juntas beider Länder. Er selbst hatte den Folterkerker der griechischen Junta überstanden und war ohne Pass aus dem Land gezwungen worden. Bei der jährlichen Gedächtnisdemonstration heute in Athen habe sich ihm auch einmal sein ehemaliger Peiniger genähert und um Versöhnung gebeten: er sei doch damals so jung und verführt gewesen. Georgios erteile keine Absolution, wolle nicht vergessen. Er schlafe sehr schlecht, noch immer.

*

Erneut bin ich auf Spurensuche nach Heinrich Schliemann und Jac. Ahrenberg in Athen Ende 1875, jetzt im August 2014. Der Aufenthalt löste ein Erdbeben in mir aus, eine Erschütterung von völlig ungeahnter Art. Dabei war ich nicht unsensibel gegenüber der Krise im Lande, war als Deutsche insgeheim gar auf Anfeindungen wegen der harten Linie der deutschen EU-Politik gefasst. Wir vermieden das Deutsche, sprachen Spanisch miteinander auf unseren Wegen durch die sonnendurchflutete weiße und grüne Stadt.

 

Blicke ich zurück, dann hat mich erst die Begegnung mit Griechenland für die NS-Verbrechen in Europa sensibilisiert. Die Urlaubsreise Ende der 1980er Jahre nach Kreta. Plötzlich fand ich mich weinend im Stadtmuseum von Heraklion. Zum ersten Mal das Würgen in der Kehle, Herausquellen der Tränen. Fühlen. Eine große Traurigkeit. Nicht in Buchenwald oder Büchern, sondern hier auf griechischem Boden. In der Glasvitrine Fundstücke aus den Hosentaschen und Küchenschürzen erschossener griechischer Geiseln. Hausschlüssel und Bindfäden, Samenkapseln und Münzen …

Warum war mein Bild von Griechenland so rein gewesen, hatte es in der Antike geendet? Da hilft kein Heinrich Böll mit Wanderer, kommst du nach Spa…, das wir begeistert als vornehmliche Pazifisten im Deutsch-Unterricht analysierten. Kein Franz Fühmann, Besatzungssoldat, der die alten griechischen Mythen wiedererzählte für die Kinder-Leser in der DDR. Keine Christa Wolf mit Kassandra, die 1980 zum Stoffsammeln in Griechenland weilte. Ihr erscheint kein nazideutsch besetztes Griechenland. Und unsere humanistisch geschulten Latein- und Griechischlehrer erst – sie wagten sich kaum an ihre Kriegserlebnisse, doch wünschten heimlich, einmal die antiken Stätten besuchen zu dürfen …

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Ich frage Georgios nach seinen Eltern, möchte wissen, wie seine Lebensgeschichte anfing. Sein Vater sei ein griechischer Kellner und seine Mutter eine armenische Waise in Piräus gewesen. Er wurde in einem Klassenzimmer der Schule, in der seine Mutter unterrichtete, geboren. Als die Alliierten am 1. November 1944 Piräus bombardierten. „Du wirst ein Buchmensch, ein Gelehrter werden“, so die Mutter angesichts der Geburtsumstände. Er wird studieren, Politologie und Sprachen. Nach seiner Rückkehr aus dem kanadischen Exil leitete er die Stiftung Maria Callas. Dann gründete er einen Buchhandel. Durch sein wohlgefülltes und –geordnetes Buchantiquariat lernten wir ihn kennen.

Ich will den Keller sehen, fühle eine Pflicht zu wissen und zu gedenken. Er neben mir ist widerstrebend, aus Furcht vor seinen chilenischen Erinnerungen. Wir gingen bereits mehrmals durch dieses Reichenviertel Kolonaki vom Amerikanischen Archäologischen Institut, das die Gennadius-Bibliothek und den Heinrich- Schliemann-Nachlass beherbergt, ins Stadtzentrum. Ahnungslos, unwissend. Der Eingang zum Gestapokeller liegt im Dunkeln. Die Treppe hinunter hat die Breite für nur eine Person. Hinunterstoßen, hinunterstürzen. Keine Tafel unten an der Tür auszumachen. Schaudern. Ich steige nicht hinab. Außen, oben, lebensgroßes Relief eines nackten Jünglings. Fesseln an Hals und Handgelenken und das Geschlecht unnatürlich geschwollen. Eine kleine Urne mit Grünpflanzen davor. Und rechts ein Gitter mit durchstoßener Öffnung in die Freiheit …

Nicht weit entfernt die Straße, an der die großartige Villa von Heinrich Schliemann steht. Auch auf dem alten Athener Friedhof finde ich Spuren, gemeinsame für eine offen und ehrliche Auseinandersetzung mit der nazideutschen Okkupation Griechenlands. Gleichsam zu Füßen von Heinrich Schliemann in seinem pompösen Grabmal in der Gestaltung von Ernst Ziller liegt die hingestreckte Bronzeskulptur einer ausgemergelten griechischen Mutter. Den Säugling rechts an der leeren Brust. „Mutter der Okkupation“ von Kostas Valsámis, der seine ersten Schaffensjahre als Bildhauer 1937–45 in Athen verbrachte. Während Schliemann in die Ferne zur Akropolis hin schaut, sind Mutter und Kind infolge der deutschen Besatzung gestorben.

Was will ich einklagen? Wen will ich anklagen? Die Antikekenner, die Griechenlandversteher, die Griechenlandtouristen unter uns Deutschen? Mehr Sensibilität, bitte?

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Jac. Ahrenberg kannte Heinrich Schliemann von Karelien her. Geboren 1847 lernte er Anfang der 1860er Schliemann als Datschnik – Sommerhausmieter – in der Nähe von Kareliens Hauptstadt Wiborg kennen. In den Sommerferien teilten sie sich den Griechischlehrer des Gymnasiums. Sie sollten sich mehrmals wiedertreffen – in Stralsund, in Athen und auch auf der Weltausstellung 1878 in Paris. Ahrenberg, Finnlandschwede aus dem kosmopolitischen Wiborg, wird 1870–74 Architektur in Stockholm studieren.

Während Heinrich Schliemann im August 1875 auf seiner Museumsreise durch Europa Halt in Stockholm macht, ist Jac. Ahrenberg auf seiner Grand Tour unterwegs. In Neapel besteigt er ein Schiff nach Athen.

Schon bei Ägina, auf dem letzten Abschnitt der Schiffsroute Neapel–Piräus, sind die Akropolis und der Parthenon zu sehen. Aber die Begegnung mit den Menschen dieses „jungen Landes“ gerät für Ahrenberg zur Enttäuschung. Das sind nicht die Nachfahren des „reinen echten hellenischen Typs“, sondern Albaner und Bulgaren … „Mischlinge“.

Er wird zunächst in Athen umherstreifen, das verbliebene Osmanische notieren und sich erst langsam dem Erbe, den Ruinen des klassischen Griechenland zuwenden. Auf dem Kerameikos, dem Friedhofsgelände am Rande des alten Athen, nimmt er sich bedenkenlos von den kleinen Statuetten – auf späteren Fotografien seines Hauses in Helsinki sind sie auszumachen. Die Marmorsäulen des Parthenon zeigen an Bruchstellen ein schimmerndes Weiß, doch hat die Zeit sie mit einem wunderschönen gelbbraunen, braunen und rotbraunen Teint versehen. Auf der Akropolis wird er bald mit Heinrich Schliemann sitzen und ihn von den „hellen warmen Sommerabenden auf den Moränen Kareliens und dem stillen ernsten Volk an den blanken Seen dort oben in Finnland“ schwärmen hören …

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Entfernungen zerrinnen ins Nichts, lebendige Spuren kreuzen sich. Ich höre russische Touristen auf der Akropolis von der Konferenz in Jalta im Februar 1945 und der Übernahme Griechenlands durch die Briten sprechen. Plötzlich werde ich an den Schatz des Priamos erinnert, den ich 1996 in Moskau bewunderte. Wolken verdichten sich …

Jac. Ahrenberg aquarelliert auf der Akropolis und in der Stadt, die er beim ersten Anblick als „Theaterstaffage“ empfand. Neue Seitenkulissen bloß wären neben einen prächtigen Hintergrund geschoben worden …Einmal folgt er einer Abendeinladung ins Haus des Architekten Ernst Ziller. Dort trifft er auch auf Dr. Schliemann, der von seinen geplanten Grabungen in Argos und Mykene berichtet. Seine Selbstsicherheit angesichts der zu erwartenden Funde dort habe der Abendgesellschaft nur ein mitleidiges Lächeln entlockt. Überhaupt betrachtete ihn die Athener Gesellschaft eigentlich als Schwindler, notiert Ahrenberg.

In seinen Memoiren Von Menschen, denen ich begegnet bin wird Ahrenberg im Kapitel über Schliemann von einem ersten Besuch in dessen Athener Haus erzählen. „Stieg man in die oberste Etage hinauf, hatte man einen herrlichen Panoramablick über Athen, die Akropolis, die Saronische Bucht und die blauen Berge von Salamis.“ Athen lag so Schliemann zu Füßen, und das Einzige, was ungefähr in Augenhöhe zu ihm stand, war die Akropolis.

Ich möchte jenes ursprüngliche Haus von Ziller finden, in dem Ahrenberg seiner eigenen Aussage nach Schliemann traf. Vermute auch, er könnte an der Feier zum ersten Jahrestag des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) am 9. Dezember in dessen ursprünglichem Gebäude teilgenommen haben. Doch dafür lassen sich keine Beweise finden. Spurensuche nahe der Akropolis – keine Hilfe, auch nicht vonseiten des betagten griechischen Schliemann-Experten. Während der Wanderung statte ich dem neuen Akropolismuseum einen Besuch ab. Lange lange Wohlbefinden beim Umherwandern in diesem Haus. Am Ende hoch oben in der letzten Etage ist etwas überaus Erstaunliches gleichsam eingebaut – Erschrecken. Auf Augenhöhe mit der Akropolis und plötzlich Schwindel – wer schaut hier auf wen? Misst mich die Akropolis, die Geschichte …? Bin ich jetzt auf ihrer Fährte?

Später dann doch eine Spur, ausgelegt im Bericht des Schweden Julius Centerwall nach seiner Reise durch Hellas und die Levante. Er war mehrmals bei Schliemann in Athen zu Gast gewesen und studierte die deutsche Kolonie der Stadt ausgiebig. Es muss im Herbst 1887 gewesen sein, mehr als ein Jahrzehnt nach Ahrenbergs Besuch in der Stadt.

Centerwall beschreibt das Deutsche Archäologische Institut eingehend. Es befand sich in einem gemieteten Gebäude mit einem besonders schönen Garten am Akademieboulevard. Bald soll das Institut in ein von Schliemann zur Verfügung gestelltes Haus umziehen, gegen Mietzahlung, denn Schliemann „plaziere sein Geld gern günstig“.

Der Institutsbibliothekar Dr. Lolling sei ein herzensguter, etwas schwermütiger und schwerfälliger Friese, in der gelehrten Welt weit bekannt als Kenner griechischer Inschriften und Ortsnamen, in der ungelehrten Welt als Schöpfer des Baedecker Griechenland.

Centerwall erzählt, Deutsche seien in allen Gesellschaftsschichten vertreten. Klub und Gesellschaftsräume namens „Philadélphia“ lagen in der Homerosstraße. Ein eigenes Haus mit einem kleinen Garten und – „natürlich“ – einer Kegelbahn. Auch Schweden seien hier sehr willkommen. Am Samstagabend trafen sich alle hier, ab und an wurde ein Preiskegeln veranstaltet. Man war nicht aristokratisch, betont Centerwall, das machte den Aufenthalt in diesen Räumen angenehm …

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In der Pförtnerkabine am Tempel von Sunion hoch über der klaren See ist Russisch zu hören und sogleich tut sich wieder Geschichte auf, wandern die Horizonte ost- und westwärts. Pontische Griechen, die Stalin nach Kasachstan deportiert hatte, sind nach Griechenland zurückgekehrt, in ein Vaterland, das nie das ihre war. Der Sohn lebe in Deutschland. „Ist es teuer, von Athen nach Köln zu fliegen?“

Es bleibt mir das Historische Museum, beherbergt im ersten Parlamentsgebäude Griechenlands, um Antworten zu finden. Zu pompös, unzweckmäßig für geschichtliche Aufklärung, denke ich beim Eintreten. Plötzlich in die Zeitgeschichte katapultiert. In meinem Kopf überlagern sich wieder drei faschistische Diktaturen. Das hingesunkene, mir als Hölderlin erscheinende monumentale Gesicht am Polytechnikum fordert griechische Trauer und Nichtvergessen … Sehr freundliche Aufnahme durch die Direktorin, doch gleich Enttäuschung angesichts ihrer Auskunft, dass es nie eine Ausstellung über die nazideutsche Okkupation von Athen und Griechenland gegeben habe. Fotomaterial allerdings wird mir zur Ansicht für den nächsten Tag versprochen. Dann auch ihr Verweis auf das Deutsche Archäologische Institut, DAI, nebenan.

Keine Auskunft im DAI über die konkreten Gebäude und Wege im Athen der 1870er Jahre. Wände in satten, frohen Farben. Grazile Blumenornamente und Blumengirlanden auf den leuchtenden Flächen. Kargheit und Fülle zugleich. Die Hände von Ziller und Schliemann …

Die Fotos des frühen Gebäudes helfen nicht weiter. Ganz frühe gibt es nicht, wie auch Ulf Jantzen, Direktor des DAI Athen 1967–74, in seiner Jubiläumsschrift Einhundert Jahre Athener Institut 1874-1974 bedauert.

Was erwartete ich? Schon ein Foto von Hakenkreuzfahnen an den Fenstern des DAI? Hermann Göring während des Urlaubs im Mai 1934 auf der Akropolis geführt von dem charismatischen Juden Georg Karo, der 1930–37 zum zweiten Mal Direktor des Instituts war und bis zur Alterspension auf diesem Platz von Göring protegiert worden sei? Göring im Nationalstadion, sich Inspiration holend für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin? Leni Riefenstal in Olympia mit der griechischen Fotografin Elli Seraidari beim Kursus über die filmische Inszenierung Olympischer Spiele …?

Das Ausmass der nazideutschen Okkupation beginnt auf mich einzustürzen am Tag danach. Im Keller des Nationalen Historischen Museums. Auch die Archive der Erinnerungen der Welt sind wie die inquisitorischen Austreibungen der Erinnerungen in Kellern behaust. Da sind die Wehrmachtsoldaten zu sehen, die eifrig und schneidig die Hakenkreuzfahne zum Hissen auf der Akropolis vor sich her stoßen, in der Hand noch das Gewehr. Der griechische Wachsoldat an der selben Fahnenstange kurz vorher sei aufgefordert worden, die Flagge Griechenlands herunterzuholen, erzählt ein Grieche. Das habe er getan, sich die blauweiße Fahne umgeschlungen und sei in die Tiefe gestürzt. „Unser erster Widerstandsmann“. Dann Nazigrößen im Siegerrausch auf der Akropolis, Stiefelknallen und Lachen. Kein Hitler oder Göring zwar, aber Generalfeldmarschall Walter von Brauchitsch, der die Eroberung Griechenlands befehligte und am 16. April 1941 auf dem Festland erreichte. Die blutige Besetzung von Kreta stand da noch bevor … Jetzt führte über die Akropolis in Uniform Walter Wrede, hochgedient vom Lehrer an der Deutschen Schule Athen zum NSDAP-Vorsitzenden für ganz Griechenland und 1937–44 Direktor des DAI in Athen.

Am Fuß des Burgberges griechische Fotografen, um die Besatzer in Pose auf der Akropolis zu fotografieren, Filme zu wechseln, Adresse und Bezahlung.

Die Auswahl der Fotos durch das Museumspersonal ist deutlich: Täter und Opfer. Die Deutsche soll sehen, wenn sie sehen will …

Die Fotos von hungernden Waisenkindern in Piräus. Ein Unterschied zu KZ-Kinderhäftlingen ist zunächst nicht auszumachen, sehr kleine Kinder von etwa drei Jahren bis zu Halbwüchsigen. Am schockierendsten die sorgsam gestellten Fotos von ausgemergelten Kindern und Jugendlichen eines Waisenhauses. Alle nackt, paarweise oder in kleinen Gruppen im Raum oder auf Betten plaziert, ein unheimliches Ballett von hungerzermagerten Körpern mit alten Gesichtern … Fotografiert, dokumentiert habe eine Frau, eine sehr bekannte griechische Fotografin, Voula Papaioannou.

Die deutschen Besatzer mussten von den Griechen ernährt werden. Wusste ich das nicht? Staatsbankraub, wirtschaftliche Ausplünderung, Terror und Unterdrückung.

Die deutschen Archäologen allerdings gruben weiter: auf Samos, in Olympia, im Kerameikos in Athen. Gewiss doch, die Soldaten wurden über das Verhalten an den antiken Stätten aufgeklärt – Merkblätter für den deutschen Soldaten an den geschichtlichen Stätten Griechenlands. Anonym verfasst, in fast einer halben Million Exemplare 1941 gedruckt. Und mit Stolz wird 1974 resümiert, dass der Kerameikos als einziges Museum Griechenlands auch während der deutschen Besatzungszeit geöffnet war …

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Doch wo waren damals die deutschen MENSCHEN? Hat man nicht Griechen bei den Ausgrabungen angestellt, hat man nicht um sich geschaut, hat man nicht die alte Synagoge am Kerameikos wahrgenommen, die Deportationen der griechischen Juden gesehen …?

Claude Lanzman hört seinem Zeugen von Treblinka zu, der bewundernd und ohnmächtig zugleich erinnert: „Oh, dann kamen die Makkabäer!“ Große stattliche Menschen aus den griechischen Landschaften …

Am Kerameikos stoße ich auf einen atomisierten Davidstern – die Teile tragen die Inschriften aller Städte und Inseln, von denen Juden deportiert und ermordet wurden. 2010 errichtet. Ganz in der Nähe stand die erste Synagoge Athens.

Jac. Ahrenberg besuchte auf dem Weg nach Konstantinopel auch Saloniki, das 1875 noch zum Osmanischen Reich gehörte. Das jüdische Viertel machte den östlichen, tiefer gelegenen Teil der Stadt aus. Es erschien ihm, dem Juden, nach dem europäischen Viertel als der schönste Teil von Saloniki. Frische Luft und helle Sonne zwischen den Häusern. Etwa fünfzehntausend sephardische Juden lebten hier, sprachen untereinander noch Ladino.

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Als die nazideutsche Okkupation zu Ende ging und die Engländer gemäß dem Abkommen von Jalta anrückten, übergaben zwei ehemalige Assistenten, jetzt Wehrmachtsangehörige, am 12. Oktober 1944 das DAI an die griechischen Behörden. Der Karl-May-Stil in der von Ulf Jantzen verfassten Jubiläumsschrift ist unerträglich: „Seit Jahren versierte Spieler auf dem Gebiet der militärischen Klaviatur, Abenteuern nicht abgeneigt, gehörten sie zu den wenigen letzten Soldaten in Athen, die als Sprach- und Landeskenner noch bis zum Schluss vermittelnde Sonderaufgaben wahrzunehmen hatten, so eben auch die eigentlich zivile der Übergabe des Instituts an die griechische Behörde.“

Auch die Festrede, die Jantzen 1974 anlässlich des hundertjährigen Bestehens des DAI in Athen hielt, enthält keinerlei sensible Worte, sondern leere Phrasen wie „in der schlimmen Zeit“ … Von einem Ansatz zu kritischer Distanz gegenüber der NS-Zeit und der Okkupation Griechenlands ganz zu schweigen.

Immer wieder sind es Männer, die gefangen im Zirkel der Abstraktion und des Negierens der Gefühle die allgemeingültige Deutung, die „Wahrheit“ verkünden. Als ob sie wirklich gar nichts gewusst hätten von den Leiden der griechischen Mütter, Frauen, Kinder … Was es kostet, während der Ausplünderung des Landes einer Familie Essen auf den Tisch zu stellen, die Kinder zu trösten, den Gefallenen zu beweinen, für den Eingekerkerten zu hoffen … Manchmal höre ich Juden heute erinnernd, ja lobend sagen: er/sie war ein MENSCH.

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Jac. Ahrenberg reist weiter über Ägina durch die Peloponnes bis Patras. Die sich ihm anschließenden Reisegefährten – ein Franzose, ein Engländer und ein Deutscher – ergeben schon einen Mikrokosmos des künftigen Griechenland-Tourismus. Und Ahrenberg findet hier am Schluss seiner Reise im Peloponnesier den reinen Griechen, „unvermischt“.

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Im Fotoarchiv des Schliemann-Nachlasses ist kürzlich neues Material angekommen. Ein anrührendes Atelierfoto der jungen Mutter Sofia Schliemann und des kleinen Sohnes Agamemnon in griechischer Tracht. Später ein Foto von Mutter und Sohn von 1932, im Todesjahr der 82-Jährigen, an einem Wirtshaustisch in Paleio Phaleron. Sie hat die Fremdbesetzung ihrer Heimat nicht erleben müssen.

Der Schatz des Priamos wird im Mai 1945 Kriegsbeute der Roten Armee in Berlin. Lange Zeit Verneinung seiner Existenz, doch im Jahr 1994 „Wiederauffindung“ im Puschkinmuseum in Moskau. Ich sah ihn dort wie auf einer kleinen Insel zusammengedrängt. Schatzstücke mit stilisierter Flora, auch Samenkörner, Getreideähren, Granatäpfel, Flugsamen leuchteten hell.

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Im Regen verlassen wir Athen. Vom Taxi hoch oben aus die nicht enden wollende Aussicht auf die Stadt, über der sich vor dunklen Wolken ein großartiger Regenbogen wölbt …

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Ein paar Monate später schickt mir Georgios eine nationale Aufrechnung der Schäden durch die NS-Okkupation. Eine offizelle Dokumentation gleich nach dem Krieg in englischer, französischer, griechischer und russischer Sprache als Grundlage für künftige griechische Reparationsforderungen …

Susanne Concha Emmrich

Susanne Concha Emmrich, Diplomphilologin, Schriftstellerin (Schwedischer Schriftstellerverband) und Filmemacherin. Lebt heute in der Nähe von Frankfurt am Main. Zahlreiche Veröffentlichungen u.a. über Heinrich Schliemann und St. Petersburg und Schweden sowie Jac. Ahrenberg und Griechenland.