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07.10.2019

Jens Plötner: Liebe in der Achterbahn. Deutsch-Griechische Beziehungen im Wandel der Zeit

Jens Plötner: Liebe in der Achterbahn. Deutsch-Griechische Beziehungen im Wandel der Zeit

Festredner unserer 5. CeMoG Lecture war der damalige deutsche Botschafter in Athen, Jens Plötner. In seiner Rede hat er von den Höhen und Tiefen der deutsch-griechischen Beziehungen gesprochen, dabei hat er schwierige Themen wie das der Verbrechen der Wehrmacht sowie der Reparationsforderungen nicht gemieden. Aus seiner Rede, die traditionsgemäß von der Edition Romiosini in einer zweisprachigen Ausgabe publiziert wurde, veröffentlichen wir einen Auszug.

Ο τέως πρέσβης της Γερμανίας στην Ελλάδα Jens Plötner ήταν ο επίσημος ομιλητής της πέμπτης από τη σειρά διαλέξεων CeMoG Lecture. Στην ομιλία του επισήμανε και δύσκολα ζητήματα, όπως αυτό των θηριωδιών της Βέρμαχτ στην Κατοχή ή των πολεμικών επανορθώσεων. Αποσπάσματα από την ομιλία του, που κυκλοφορεί σε δίγλωσση έκδοση από την Edition Romiosini, αναδημοσιεύουμε εδώ. Το πλήρες κείμενο της ομιλίας διατίθεται – σε ελληνική μετάφραση – για online ανάγνωση στην ψηφιακή μας βιβλιοθήκη.

Liebe in der Achterbahn. Deutsch-Griechische Beziehungen im Wandel der Zeit (Auszug)

[…]

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts überkreuzen sich in Griechenland zwei epochale Phänomene: der imperialistische Konkurrenzkampf der Großmächte einerseits und der aufstrebende Nationalismus andererseits. Der Erste Weltkrieg drohe dann diese junge Nation zu zerreißen: Entente oder Mittelmächte – Venizelos oder König Konstantin – dies war der innergesellschaftliche Frontverlauf. Über fiebrige Jahrzehnte, in denen in Griechenland auch immer wieder das Verhältnis zu Deutschland ein wichtiger politischer und wirtschaftlicher Faktor war, kommen wir zum schwärzesten Moment unserer bilateralen Beziehungen – der deutschen Besatzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg, die eine der unbarmherzigsten und blutigsten des ganzen Krieges war.

Ich denke, vor diesem Forum muss ich nicht länger erklären, welche Not und Verzweiflung das Nazi–Deutschland über Griechenland gebracht hat: Distomo, Lingiades, Kalavrita – heute zählt man 99 anerkannte Märtyrergemeinden und es kommen regelmäßig neue hinzu. Mich hat, das will ich offen gestehen, das Ausmaß überrascht, mit dem dieses Thema heute in Griechenland öffentlich präsent ist. Dies hat, denke ich, mehrere Gründe:

Auf den Zweiten Weltkrieg folgte für Griechenland nicht Aufbau und Aufarbeitung, sondern ein blutiger Bürgerkrieg. Dies, und der sich früh abzeichnende Temperatursturz des heraufziehenden Kalten Krieges führte dazu, dass die deutschen Verbrechen in Griechenland kaum aufgearbeitet werden konnten. Ich bin versucht zu sagen: im Gegenteil.

Aus heutiger Sicht erstaunlich früh besuchte der stellvertretende griechische Ministerpräsident Georgios Papandreou im Oktober 1950 Bonn, um mit der deutschen Regierung über die Wirtschaftszusammenarbeit zu beraten. Und schon 1952 endete per Gesetz der Kriegszustand beider Länder, sicherlich auch, um der gemeinsamen NATO-Mitgliedschaft den Weg zu bahnen. Ein dichter Besuchsreigen stellte sich ein, dessen Höhepunkt 1954 die Besuche von Bundeskanzler Adenauer und Premierminister Papagos in Athen bzw. Bonn waren. Eine Vielzahl von Wirtschaftsabkommen wurde geschlossen und die noch junge Bundesrepublik unterstützte Athen wiederholt mit Aufbaukrediten.

Diese wurden, so lesen wir es immer wieder in den Archiven, mit dem Drängen Bonns verbunden, die juristische Verfolgung deutscher Kriegsverbrecher der Bundesrepublik zu überlassen. Die dann allerdings nichts tat. Was hier getan, bzw. nicht getan wurde, erfüllt mich heute mit Scham!

Was damals verdrängt wurde, werden musste, dass scheint man heute, zwei bis drei Generationen später, nachzuholen. Warum heute?

Hier spielt sicherlich die Reparationsthematik eine Rolle. Dieses Thema wurde zur Hochzeit der Finanz-und Wirtschaftskrise sehr prominent auf die politische Agenda gesetzt, eine Sonderausschuss des griechischen Parlaments hat dazu einen umfangreichen Bericht erstellt, der Anfang nächsten Jahres im Plenum debattiert werden soll. Dass die Vergangenheit Konjunktur hat, dass liegt nach Meinung vieler Beobachter also auch an politischen Gegenwartsdiskurs in Griechenland.

In diesem Zusammenhang müssen wir Deutschen uns jedoch auch selbst fragen: Wussten wir, wissen wir genug über das Wüten der Wehrmacht in Griechenland, über das Leiden der Zivilbevölkerung? Wenige genug kennen Oradur, aber wer weiß in Deutschland um das Schicksal Distomos? Es hat in den vergangenen Jahrzehnten immer bewundernswerte Initiativen aus Deutschland gegeben, aber im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit scheint mir das zu lange abwesend gewesen zu sein.

Ich freue mich, dass sich dies in den letzten Jahren zu ändern begonnen hat. Mit dem 2014 eingerichteten Zukunftsfonds fördern wir zahlreiche Projekte des Erinnerns – Filme wie »Der Balkon« über das Schicksal des Ortes Lingiades; Übersetzungen, wie die der Biographie des Distomo–Überlebenden Vasilis Sfountouris oder das Zeitzeugenprojekt, welches dieses Jahr hier in er Topografie des Terrors in Berlin eröffnet wurde.

Dies sind einige wenige Gedanken, mit denen ich mir versuche zu erklären, warum sich in Griechenland heute viele mit neuer Intensität mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs beschäftigen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch ein Wort zur Reparationsfrage sagen – ich will dem Thema nicht ausweichen: Bekanntlich gibt es hier unterschiedliche juristische Standpunkte zwischen der deutschen und der griechischen Regierung. Aus deutscher Sicht ist die abschließende Klärung dieser Frage ja ein ganz grundsätzlicher Sachverhalt, der ja nicht nur Griechenland, sondern etwa auch Polen betrifft.

Auch wenn wir in dieser juristischen Frage jetzt nicht weiterkommen, so ist mir eines sehr wichtig: Dass die Menschen in Griechenland wissen, dass sich Deutschland zu seiner moralischen Verantwortung für die Besatzungsverbrechen bekennt. Und das dies nicht nur ein Baustein für Sonntagreden ist, sondern konkretes Handeln bedingt: Zum Beispiel, dass wir aktiv dazu beitragen, die Erinnerung an die Opfer aufrecht zu erhalten – ich erwähnte den Zukunftsfonds. Das wir Unrecht Unrecht nennen, und dies nicht versuchen mit Beamtensprache zu verschwurbeln. Und das wir, wie es Bundespräsident Gauck 2014 und Bundespräsident Steinmeier 2018 getan haben, um Verzeihung bitten.

Nach diesem Tiefpunkt, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ging es – davon war bereits die Rede – schnell wieder rasant voran. Und 1960 führte die frühe und intensive Wiederannäherung beider Länder zum ›Anwerbeabkommen‹, welches die Grundlage für eine massive Auswanderung junger Griechen nach Deutschland – die verlässlichsten Schätzungen – konservative Schätzungen, sprechen von über 600.000 Zuwanderern. Ab 1967 mischten sich dann unter Arbeitssuchende immer mehr Griechen, die vor der Diktatur der Obristen flüchteten.

Deutschland war in den sieben schwarzen Jahren der Diktatur nicht in erster Linie Zufluchtsort prominenter Intellektueller – Politiker oder Künstler, wie etwa Frankreich. Aber über die große Zahl an Gastarbeitern in Betrieben oder Studenten an den Unis nahmen weite Bevölkerungskreise an den Entwicklungen in Griechenland Anteil.

Um griechische Studenten entstand – in der ohnehin politisierten 68er Atmosphäre – ein pro-griechisches Milieu. Andersherum höre ich immer wieder eindrückliche Berichte darüber, wie deutsche Unterstützung in Griechenland in diesen sieben schwarzen Jahren wertgeschätzt wurde. Die Sendungen der Deutschen Welle, die Arbeit des Goethe Instituts – all’ das war für die verbleibende Opposition wichtig. Deutsche Intellektuelle, vor allem Schriftsteller solidarisierten sich auf spektakuläre Weise mit den Menschen in Griechenland und insbesondere den Opfern der Militärdiktatur. Die »Rede gegen die Gewöhnung« von Günter Grass auf Einladung des Goethe Instituts im Mai 1972 steht dabei heraus. Die Deutsche Botschaft – bei der Veranstaltung durch ihren Kulturreferenten vertreten – notierte in einem Drahtbericht nach Bonn: »… Der Vortrag wurde des Öfteren von starken und spontanen Beifallsbekundungen unterbrochen … und anhaltend, als er zum Schluss der Rede die beiden verurteilten Widerstandskämpfer, Professor Mangakis und Babis Protopappas grüßte«.

So erscheint es nur konsequent, dass es eine Maschine der Bundeswehr war, die, am 15. April 1972, nur einige Monate nach Grass’ Rede, das Ehepaar Mangakis aus Athen ins deutsche Exil flog. Das dies meinem Vorgänger Limbourg nicht sonderlich gut bekam, ist vielen von Ihnen ja bekannt.

Man könnte an dieser Stelle noch den furiosen Auftritt des Präsidenten des Internationalen PEN, Heinrich Böll, im Oktober 1972, der übrigens bei dieser Gelegenheit in Athen von de Verleihungen Literaturnobelpreises erfuhr; oder an die spektakuläre Aktion von Günter Wallraff, der sich im Mai 1974 auf dem Syntagma–Platz an einen Laternenpfahl kettete.

Mit dem Ende der Diktatur in Griechenland begann eine rasante Aufholjagd des Landes in Richtung EG, die am 1. Januar 1981 in den Beitritt mündete. Das besondere, persönliche Verhältnis zwischen dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt und dem Premierminister Konstantinos Karamanlis spielten dabei eine besonders wichtige Rolle. Schmidt – sonst ja durch und durch Ökonom – argumentierte dabei in erster Linie politisch. In der deutschen Presse war die Skepsis gegen den Beitrittskandidaten übrigens groß.

[…]

Bereits Ende 1974 waren die Bundesministerien gebeten worden, zur Beitrittsfrage Stellung zu nehmen. Im September 1975 formulierte die Bundesregierung ihre Haltung dann so: »Eine Teilung Europas in einen Block meist größerer, politisch und wirtschaftlich bedeutender Länder und eine Gruppe kleinerer, politisch und wirtschaftlich schwächerer europäischer Nationen« müsse auf Dauer »zu ernsten Belastungen für die Beziehungen zu den betroffenen Staaten führen«. Gegen die EG-Mitgliedschaft Griechenlands spreche im Prinzip nichts. »Die unvermeidlichen Belastungen [sind] durch die Verhandlungsprozedur und durch geeignete Übergangslösungen« in Grenzen zu halten. »Der entscheidende Gesichtspunkt«, der es aber verbiete, »den griechischen Beitrittsantrag abzulehnen«, sei »die Unteilbarkeit des freien Europa«. Ich zitiere dies etwas ausführlicher, weil einem doch so manches Argument aus der aktuelleren Diskussion um weitere EU-Beitritte, aber auch über die Rettungsprogramme für Griechenland bekannt vorkommt.

[…]

Die von den USA ausgehende subprime-Krise erfasste den Euroraum und mit etwas Verzögerung auch Griechenland. Im Laufe des Jahres 2008 schoss der spread zwischen griechischen und deutschen Staatsanleihen von 35 Basispunkte auf 380, 2010 lag er dann bei 1.280!

Ich will hier nicht auf die tieferen inneren Ursachen für den Crash in Griechenland eingehen – dazu sind andere besser qualifiziert. Ich will auch nicht in die Einzelheiten der drei sukzessiven Programme gehen, zunächst der »Troika«, dann etwas euphemistischer, der »Institutionen«.

Aber eines ist klar: der Höhepunkt der Wirtschaftskrise war zugleich ein neuer Tiefpunkt der deutsch–griechischen Beziehungen. Ich versuche zu verstehen, warum das so war. Es war ja keine Krise zwischen Griechenland und Deutschland, es war eine amerikanische Krise, die global wurde, dann europäisch, und dann griechisch. Wäre eine Bilateralisierung der Krise vermeidbar gewesen?

Als die größte Volkswirtschaft der Euro-Zone stand (und steht) Deutschland naturgemäß im Fokus. In Athen habe ich allerdings auch oft erlebt, dass man uns zu viel zutraut, dass man überzeugt ist, ein Wink des deutschen Finanzministers reiche, um die ganze Euro–Gruppe auf Linie zu bringen. Wir müssen uns nicht kleiner machen als wir sind um zu sagen: dem ist mitnichten so! Dennoch führte dies dazu, dass die mit Athen vereinbarten Konsolidierungs- und Reformprogramme nicht Brüssel zugeschrieben, sondern als Berliner Diktat gebrandmarkt und wohl auch von so empfunden wurden.

Ein weiterer Faktor lag gewiss in der herrschenden ökonomischen Lehre in den verschieden Eurozonen Ländern: Und da war sicherlich die finanz-und wirtschaftspolitisch herrschende Lehre in Deutschland den griechischen Verhältnissen am weitesten entfernt, entfernter als beispielweise das Denken in Paris oder Rom.

Aber diese beiden unabwendbaren Faktoren hatten einen Brandbeschleuniger, und das waren Teile der deutschen Medien, und auch der Innenpolitik. Um nur drei Beispiele zu nennen: »Tschüss Euro! Bild gibt den Pleite- Griechen die Drachmen zurück.« (27.04.2010); »Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleitegriechen, und die Akropolis gleich mit!« (27.10.2010); »Nein! Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen« (Selfi-Kampagne, 26.02.2015).

Häufig wird in diesem Zusammenhang auf ebenfalls inakzeptable griechische Medienberichte hingewiesen; etwa die vielen Fälle, in denen die Bundeskanzlerin oder andere deutsche Politiker mit Nazi-Uniformen gezeigt wurden. So verabscheuenswürdig das sein mag denke ich doch, dass man hier nicht mit einer Elle messen sollte: Die Häme, die den Menschen in Griechenland aus Teilen der deutschen Medien entgegenschlug und die ja in Griechenland intensiv wahrgenommen wurde ist schon von besonderer Niedertracht.

Ein letzter Faktor der Bilateralisierung scheint mir im Verhältnis unserer griechischen Freunde zu Deutschland zu liegen. Aus vielen Gesprächen habe ich den Eindruck gewonnen, dass durch die in der Gesamtschau ja sehr positiven Entwicklung der Beziehungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs viele Griechen bereit waren, die schmerzhafte Besatzungszeit gewissermaßen in Klammern zu setzten. Sie nicht zu vergessen, aber ihr keine prägende Kraft über ihr Bild unseres Landes zu geben. Als dann die Krise kam und man deutsche Politiker als »Zuchtmeister« erlebte, als man mit der Häme konfrontiert wurde – da wurde dies in Frage gestellt. Sind die Deutschen vielleicht doch ganz anders als ich es mir zurechtgelegt hatte? Diese Frage habe ich häufiger gehört.

Im Ergebnis komme ich zu dem Schluss, dass eine gewisse Beeinträchtigung unserer bilateralen Beziehungen unvermeidbar war. Das ganze Ausmaß, die tiefen Verletzungen waren es allerdings sehr wohl.

Und das bringt uns jetzt in die Gegenwart. Wie gehen wir heute mit dieser Geschichte, mit dieser Achterbahn der Gefühle um?

Erstens: behutsam! Wir sind nicht gleich und müssen es auch nicht werden. Aber wir müssen einander besser zuhören. Ich bin immer wieder überrascht, wie in der EU trotz unzähliger persönlicher Begegnungen des politischen Spitzenpersonals viele politische Pannen und Fehler auf Missverständnisse beruhen.

Zweitens: Wir Deutschen tuen meines Erachtens nicht nur gegenüber Griechenland, sondern in der EU generell gut daran, uns etwas zurückzunehmen. Wir haben in Europa viele Freunde, aber das historische Dilemma unserer Mittellage hat sich dadurch nicht von alleine und auf Dauer erledigt. Die Antwort darauf nach dem Zweiten Weltkrieg – Westbindung und europäische Integration, sie bleibt meiner Meinung nach auf Dauer aktuell und erfordert von uns eben mehr als von anderen EWU-Partnern einen aktiven Beitrag zur Europäischen Integration.

Drittens, gerade auch mit Blick auf Griechenland müssen wir den Blick nach vorne richten, neue Bereiche der Kooperation identifizieren. Hier bin ich sehr optimistisch: Das Jugendwerk kommt voran, in der Forschungskooperation haben wir wichtige Fortschritte gemacht und auch im Energiesektor arbeiten wir sehr eng zusammen.

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Jens Plötner, Liebe in der Achterbahn.
Deutsch-Griechische Beziehungen im Wandel der Zeit
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Berlin, Edition Romiosini 2019.