#Lesestoff

14.01.2020

Blick auf Nafplion (Bildquelle: Vincenzo Maria Coronelli: Morea, Negroponte & Adiacenze, [Venedig, ca. 1708])

Blick auf Nafplion (Bildquelle: Vincenzo Maria Coronelli: Morea, Negroponte & Adiacenze, [Venedig, ca. 1708])

Peloponnes, kurz vor 1300. Nach dem vierten Kreuzzug gehört das Land nicht mehr dem griechischen Kaiser von Konstantinopel, sondern Isabelle (Isabeau) de Villehardouin und dem französischen Hause Anjou, das bereits über Sizilien und Neapel herrscht. Der fragile Frieden zerbricht, als die Griechen unter der Führung des rebellischen Nikiforos Sgouros die Burg von Kalamata erobern.

Terzakis’ Prinzessin Isabeau (1945) handelt von der Liebe eines griechisch-französischen Paares und bietet ein Panorama der Peloponnes im Spätmittelalter. Doch es ist nicht die romantische Kulisse, die seine Aufnahme in den Kanon der neugriechischen Literatur bewirkt hat; Terzakis deutet seine literarischen und historischen Vorlagen neu, um seine Gegenwart zu kommentieren und die Zukunft seines Landes in Europa zu entwerfen. Sein "heroischer Roman" wird demnächst in der Neuübersetzung von Joachim Winkler und mit einem Nachwort von Bart Soethaert in der Edition Romiosini erscheinen. Eine Vorveröffentlichung des ersten Kapitels mit dem Titel "Der steinerne Löwe" bieten wir Ihnen zur Lektüre an.

Προδημοσίευση του πρώτου κεφαλαίου από το «ηρωϊκό μυθιστόρημα» του Άγγελου Τερζάκη, Η Πριγκηπέσσα Ιζαμπώ (1945), το οποίο θα κυκλοφορήσει προσεχώς από την Edition Romiosini σε γερμανική μετάφραση του Joachim Winkler και μ' ένα επίμετρο του Bart Soethaert.

Angelos Terzakis, Prinzessin Isabeau. Heroischer Roman (1945)

Ich will euch von einer uralten Geschichte, den wundersamen Abenteuern des jungen Edelmannes Nikiforos Sgourós aus Nafplio berichten: Wie er als Verfolgter seine Heimat verließ, zu Land und zu Wasser mit seinem Schicksal rang und Krieg gegen eine Frau begann. Fern sind die Zeiten, die ich zum Leben erwecken will, verstummt die Stimmen, die sie besangen, und von den Gebeinen der Menschen, die sie durchlebten, ist nicht einmal ihr Staub geblieben. Ich aber, armer Schreiberling und in dies stürmische Jahrhundert verbannt, will tun, was mir möglich ist, um euch zu danken, indem ich der verstummten Zeit Stimme verleihe. Möge, meine edlen Herren, eure Güte und Milde die Irrtümer verzeihen, die mir unterlaufen sind, die Mängel, die ich zwar erkannte, aber zu beheben nicht das Geschick besaß!

Kapitel 1: Der steinerne Löwe

Hat der Wanderer auf seinem Weg durch die östliche Morea zur Bucht im Süden Nemeas düstere Pässe und Schluchten hinter sich gelassen, breitet sich vor seinen Augen bald weit und lichtdurchflutet eine fruchtbare Ebene aus. Nach all der Bergeinsamkeit mit ihrer schweren, das Himmelsgewölbe in seiner ganzen Breite füllenden Thymianluft, heißen ihn jetzt blühende Fluren willkommen: üppig sprießendes Land mit weichem, tiefem Erdreich voller Saft und Kraft, das ganze Jahr hindurch bereit, Frucht zu bringen. Dies gelobte Land ist die Ebene von Argos.

Zieht der Wanderer nun weiter nach Süden, kommt er an hohen, sanft rauschenden Silberpappeln vorbei und spürt schon bald, wie ihn leichtere Lüfte umwehen. Es ist eine sich verströmende Frische, etwas Neues und Unberührtes, das seinen Atem beflügelt. Bislang kaum auszumachen, gewinnt nun, zur Rechten der sich gelassen in die Ferne verlierenden Ebene, ein leuchtendes Band immer mehr an Breite, Leben und funkelnder Farbigkeit. Es ist das Meer. Mit nahendem Abend liegt der Geruch ferner Moortümpel, hinter spitzigen Binsen verborgen, in der Luft. Der blitzende Glanz der See spiegelt die Himmelshelle vielfach wider. Doch dort, fern am Horizont die Ebene begrenzend, schießt jäh eine felsige Landzunge hervor, taucht ins Meer ein, versperrt düster und unbeirrbar die Sicht. Bei näherem Zusehen gleicht sie einem ungeheuren Felslöwen, der bäuchlings mit grimmigem Blick das Haupt in die Höhe reckt und eine seiner Pranken ausstreckt, um sie mit ungebärdigem Trotz in die blaue Brandung zu schlagen.

Auf diesem, den kristallenen Horizont mit aschgrauem Felsgestein beengenden Kap thront eine uralte Stadt. Einst herrscherlich berühmt, doch heute gealtert und vergessen, trägt sie noch immer denselben, so teuren Namen. Es ist Nafplio. Hoch und anmaßend ragen weiter ihre zinnenbewehrten Mauern empor, ein Bollwerk vergangener friedloser Jahre, ein trotzig erhobenes Haupt aus Stein, das reglos, wie schlummernd, mit zornig gerunzelter Stirn unverwandt dem Meerwind lauscht – witternd, wartend.

Diese männlich-wehrhafte, schöne Stadt vor Augen, erinnerte sich der junge Mann, der an einem Herbstnachmittag des Jahres 1292 zu später Stunde über die argolische Ebene ritt, an manche Legende, die ihm seine alte Pflegemutter erzählt hatte. Zu seiner Rechten neigte sich die Sonne, wie ein Feuerball in aufglühende Wolkenfetzen eintauchend, über die Berge Arkadiens hinab. Die Schatten der hohen Pappeln zu beiden Seiten der Straße wurden länger und dichter, feuchteten die Luft. Nur schwer kam das Pferd auf dem von morgendlichem Regen noch immer weichen Boden voran.

Kurz sind die Nachmittage im Herbst. Um den Weg in die Stadt abzukürzen, schwenkte der Reiter nach rechts ab, dem Meerufer zu, auch wenn es auf dem nassen Boden nur mit Mühe voranging. Er war jung, kaum über zwanzig, fast knabenhaft anmutend mit seinem weich gewellten, auf den festen, weißen Nacken herab wallenden Haar von dunklem Kastanienbraun. Doch sein Haupt, unbedeckt, in unbeugsamer Anmaßung hochgereckt, verriet einen reichlich von sich selbst eingenommenen Jüngling. Seine Kleidung wirkte unangepasst, wich von der Mode des zu Ende gehenden Jahrhunderts ab. Ein dürftiges, eng bis zur Hüfte reichendes gelbes Wams aus Filz lief in Zungen aus, die vorn bis zu den Oberschenkeln, hinten bis zum Gesäß hinabfielen. Von moderner, französischer Machart war seine dunkelrote Weste, deren Puffärmel sich nach unten verengten. Ein koketter, kurzer Faltenrock kräuselte sich von der Taille zu den Oberschenkeln hinab. Byzantinischem Brauch entsprechend waren seine Knie unbedeckt, die Sandalen, der Breite des Vorderfußes angepasst, gerundet, nicht spitz zulaufend wie bei den Franzosen, und mit Lederriemen bis über die kräftigen Waden kreuzweise geschnürt. Einen Schulterumhang trug er nicht. An seinem abgewetzten Wehrgürtel hing ein Kurzschwert mit Kreuzgriff und breiter Klinge, das schwer, ein wenig dumpf gegen die mächtige Flanke des Schimmels federte.

Ein seltsamer Anblick, dieser nach der Mode von gestern und morgen zugleich gekleidete Reiter! Die Zügel fest in der Rechten, die Linke imposant in die Hüfte gestemmt, stieß er unablässig seine Fersen in die Flanken des Pferds, um es voranzutreiben. Es war ein temperamentvoller Hengst von unbändiger Kraft, mit kreisrunden Augen und welliger Mähne auf langgestrecktem Hals. Er tat sich jetzt schwer, die Hufe vom schlammigen Grund zu lösen, so kräftig er seine Läufe auch heben mochte, doch selbst so noch mit seitlicher Kopfhaltung seinen Stolz zeigend. Sein Reiter würde ihn auf den festen Grund der Straße zurücklenken, ließe ihn sein unnachgiebiges Wesen nicht am einmal gefassten Entschluss festhalten. Lieber straffte er brüsk die Zügel, hämmerte die Knöchel beharrlich in die Flanken des Pferds.

„Diese verdammten Franzosen haben Sporen aus Gold“, sagte er mit mahlenden Kiefern und finsteren Blicks, „und ich habe noch nicht einmal welche aus Eisen!“.

Wohlhabend sah er wirklich nicht aus in seiner wenig kriegerischen, aber ebensowenig bürgerlichen Kleidung, die abgetragen war und einen ärmlichen Eindruck machte, zugleich aber herausfordernd wirkte. Der junge Mann legte es offensichtlich darauf an aufzufallen, und das gelang ihm auch so. In rechtem Einklang schien er nur mit seinem temperamentvoll stolzen Ross zu stehen, so oft die beiden auch mit dem, was sie wollten, einander entgegenstanden, in ständigem Zank und Wettstreit miteinander lagen, sobald sie unterwegs waren. Im Grunde verstanden sie einander prächtig, denn beide waren sie jung, temperamentvoll, widerborstig. Oft glitt seine Hand impulsiv von den abgewetzten Zügeln aufwärts an den langgestreckten Hals des Tieres, um es zärtlich zu streicheln.

„Na, Astritis, wie wär's... beeil' dich, damit sie uns nicht das Stadttor zumachen“, sagte der Reiter, der die Gewohnheit hatte, laut zu denken.

Das edle Pferd verstand sofort, warf den Kopf zurück, spannte die kraftvollen Sehnen und verfiel in ein rhythmisches Traben, so dass der schlammige Boden hoch aufspritzte und seine Flanken beschmutzte. Plötzlich, an einer dicht mit schilfrohrhohen Binsen bewachsenen Stelle, scheute es. Den Kopf mit knappem, zittrig aufwieherndem Schnauben und erschrockenem Widerwillen links zur Seite wendend, stemmte es die Vorderläufe in den Boden und blieb mit wildem Blick wie angewurzelt stehen.

„Es werden ein paar Wasserhühner sein, die da im Schilf nisten“, murmelte der Reiter.

Und in der Tat: als er sich stirnrunzelnd hinabbeugte, um das Dickicht aus scharfkantigen Wasserpflanzen zu mustern, sah er sich etwas Helles darin langsam bewegen. Für einen Augenblick rechnete er damit, dass die Vögel aufflattern und er dann weiter seines Weges ziehen würde. Doch dies unbestimmt helle, ziemlich große Etwas duckte sich, verhielt sich still, als wartete es etwas ab.

„He, du dahinten“, rief er, denn er hatte plötzlich den Verdacht, dass es ein Mensch war, der sich da versteckt hielt.

Er bekam keine Antwort.

Beschwichtigend tätschelte er den Nacken des Pferds und ließ es wenden, lenkte es tiefer in den Sumpf. Wieder wartete er, suchte den Boden mit seinen Blicken ab. Schließlich zog er sein Schwert, beugte sich tiefer hinunter und stach zornig links und rechts auf die harten Binsen ein, die wie knallende Peitschen durch die Luft schnellten. Aus dem Dickicht schob sich der Kopf eines Menschen hervor, als käme er knapp über dem Boden angekrochen.

„Vorsicht, Vorsicht, Herr Sgoúros!“ jammerte eine dünne, schleppende Stimme. „Einen guten Abend dem gnädigen Herrn!“

Es war ein alter Mann, der da aus dem Sumpf auftauchte, den Bauch beinahe wie ein Lurch am Boden. Auf dem länglichen Kopf saß eine hohe, violette, spitz zulaufende Wollmütze über einer gelben, enganliegenden Haube, deren Enden sich um einen mageren Hals schlangen. Lächelnd streckte er ihm sein fleischloses, fettig glänzendes Gesicht entgegen. Spärliches Kraushaar von unbestimmter Farbe sproß um seinen höhnisch klaffenden, zahnlosen Mund. Seine kleinen, eng beisammen liegenden Augen leuchteten immer wieder grünlich und hart auf.

„Vorschnell wie immer“, kreischte der Alte. Seine näselnde Stimme klang wie eine heisere Trompete. „Und ein Schwert hast du ja auch, wie ich sehe! Bravo! Wie die hohen Herren..., aber ich bin kein Spion, sollst du wissen. Von mir soll kein Franzose erfahren, dass ich einem bewaffneten Griechen begegnet bin.“

Eine ironische Grimasse untermalte sein hohles Lachen.

Der Reiter stand verblüfft und unschlüssig da. Langsam senkte sich seine Hand mit dem Schwert. Er öffnete den Mund, wollte etwas sagen, besann sich aber und zog mit verlegenem Trotz die Brauen zusammen.

„Ach, du bist das, Messir Kafouris?“ murmelte er endlich. „Dich hab' ich hier nicht erwartet“.

„Na ja, ein Zeitvertreib von mir, Laune eines alten Mannes. Seit Mittag bin ich hier zum Fischen“.

Er stützte sich auf die Ellbogen, stand auf. Ein langes, bis zu den Knöcheln reichendes grünes Gewand mit reicher Stickerei an den Manschetten und auf Brust- und Schulterteil wurde sichtbar. Es war weitgeschnitten, aus kostbarem, dichtem Gewebe. Ein Jammer, es bis zu den Knien mit Schlamm bespritzt zu sehen.

„Hier im Sumpf willst du gefischt haben? „, fragte der Reiter ärgerlich, denn er fühlte sich verhöhnt.

„Heilige Madonna, natürlich weiter draußen im Tiefen“, antwortete der Alte. Auch er war verärgert. „Dort drüben hab' ich mein Boot festgemacht. Wollte mich nur etwas ausruhen“.

An seiner fremden Aussprache und an seinem singenden Tonfall war gleich zu merken, dass er Genuese war. Am Fuße der Burg, gleich hinter der Mole von Nafplio, hatte er in einem finsteren, labyrinthischen Kellergewölbe einen Laden voll von Krügen mit Öl, Weinfässern und Rosenwasser in kleinen Tongefäßen. Import und Export. Doch oben, in seinem Haus im Stadtteil über dem griechischen Viertel besaß er, so wurde gemunkelt, eine tiefe Zisterne, angefüllt mit Krügen voll Manuelata, byzantinischen Goldstücken und Tornesern, – ein gewaltiger Geldschatz, das Kapital der in den östlichen Gebieten des Mittelmeers weit und breit bekannten Gaffore-Bank.

Doch war es nicht der Respekt vor dem Gold, der den Zorn des jungen Mannes in Schranken hielt. Er dachte allein daran, dass der alte Genuese eine Tochter hatte – Bianca mit Namen, die ihm in mondlosen Nächten verstohlen die kleine Tür zu ihrem Garten zu öffnen pflegte, um ihn, jetziges Gegenüber ihres Vaters, auf ihrem Bett in die Arme zu schließen.

Der junge Mann sah, dass sich der Himmel dunkel bezog. Der Abend nahte schnell. Mit heimlichem Herzklopfen fragte er den Alten:

„Kehrst du heut abend nicht nach Haus zurück, Messir Matteo?“

„Doch, doch, natürlich! Ich stoße gleich ab. Wenn du mit deinem Pferd dort um das Schilf biegst, wirst du mich auf den Hafen zurudern sehen“.

„Das wird dir kaum gelingen“, bemerkte der junge Mann mit einem kleinen Rest Hoffnung: „Bis du hinkommst, ist das Stadttor zu“.

„Ach wo! Das kurze Stück schaff ich im Nu“.

Tatsache war, dass Matteo Kafouris – bei seinen Landsleuten hieß er Gaffore – ziemlich oft außerhalb der Stadt übernachtete, in deren Umgebung ihm ein Landhaus mit Olivenhain gehörte. Seine Schuldner aber, die ihn nicht ausstehen konnten, bemühten sich, ihn zu verleumden, erinnerten hinter vorgehaltener Hand an seinen Bruder Andreas Gaffore, den berüchtigten Korsaren, und dass Seine Gnaden, der Herr Bankier aus Nafplio, Teilhaber an diesem „Unternehmen“ sei.

„Wenn ich nicht irre, so warst du wieder auf deinem Gut, Herr Sgoúros“, sagte der Genuese mit tonlosem Lachen, die engstehenden Augen halbgeschlossen.

Der Reiter biss sich auf die Lippen, ein Zeichen, dass er gereizt war. Die Knie gegen den Sattel pressend, richtete er sich würdevoll auf und bemerkte herablassend:

„Erstens heiße ich nicht Sgoúros, sondern Sgourós. Und zweitens: Wie du sehr genau weißt, Messir Matteo, ist dein Freund, der Notar, nicht willens, meinen Anspruch auf meinen Besitz anzuerkennen“.

Der Alte lachte leise vor sich hin und tastete mit krummen, knöchernen Fingern seinen spärlichen Bart ab, als dächte er tief nach.

„Das eine hängt mit dem andern zusammen“, erwiderte er schließlich mit leicht abgewandtem Blick. „Bei meiner Gott anbefohlenen Seele, ich selber glaub' es ja herzlich gern, dass du ein Sgourós bist, ein echter Sgourós und Nachfahre des alten Herrengeschlechts. Doch du musst auch den Notar verstehen. Der Arme konnte bei allem guten Willen die Dokumente, die du ihm erst vorgestern wieder vorgelegt hast, 'nicht in Ordnung' finden, wie er sich ausdrückte. Irgend etwas scheint damit nicht zu stimmen, möglicherweise, was die Familie deiner Mutter betrifft“.

Die Worte des Alten waren voll Andeutungen und verborgener Spitzen, doch die letzte Kränkung brachte den jungen Reiter besonders auf. Seine Empfindlichkeit in der heißumstrittenen Frage seiner Legitimität war stadtbekannt.

„Ich bin also ein Bastard, eh?“, lachte er gereizt; er biss die Zähne zusammen, seine Augen funkelten. „Schon gut, Messir Kafouris, schon gut, wie du beliebst! Jetzt bin ich nicht in der Lage, dem Notar ein paar Golddukaten hinzulegen, wie es andere tun, um zu ihrem Recht zu kommen... Aber eines Tages hoffe ich ihm und den anderen zu beweisen, wer ich bin“.

Und mit dieser, wenn auch unbestimmten Drohung riss Sgourós sein Pferd in Richtung Straße herum und ließ den Genuesen grußlos stehen. Wie besessen galoppierte er auf Nafplio zu.

Wie so oft in solchen Fällen: Was ihn besonders aufgebracht hatte, entsprach den Tatsachen. Eine arme, kinderlose Frau, die ihn aus einem vom Tod heimgesuchten Haus aufgelesen hatte, wurde seine Pflegemutter. Seinen Vater hatte er nie gekannt. An einem der menschenleeren Hänge von Akronafplia, dort, wo unentwegt ein scharfer Meereswind bläst, wuchs er in einer ärmlichen Hütte auf. Als seine eigene Mutter im Sterben lag, hatte sie ihm aufgetragen, sich Sgourós zu nennen, denn er sei ein Abkömmling der Sgourós, eines einst großen und berühmten, nun aber untergegangenen Geschlechts von Nafplio. In welchem genauen Verwandtschaftsverhältnis er zu dieser herrschaftlichen Familie stand, war nicht bekannt.

Als Nikiforos – das war sein Taufname – erwachsen war und nun als Sgourós wahrgenommen werden wollte, gab es niemand, der nicht über ihn lachte: Sgourós? Wieso denn das? Das Geschlecht der Sgourós war doch längst ausgestorben! Leon Sgourós, vor der französischen Eroberung Herr von Nafplio und Argos, hatte keine Nachfahren. Nur von weit entfernter Verwandtschaft in Epirus war hier und da die Rede, doch sicher war das keineswegs. Wohl ein illegitimer Familienzweig, der heute den albanischen Beinamen „Bua Spata“ trug.

Doch Nikiforos gab nicht auf. Im Gegenteil. Der geringschätzigen Gleichgültigkeit seiner Mitbürger begegnete er mit einem hartnäckigen Stolz und einer vorschnell verbissenen Anmaßung, zu der es in dieser Heftigkeit wohl nicht gekommen wäre, hätte man es nicht so darauf angelegt. Er ließ sich auf sein Hemd einen Heiligen Theodoros, Beschützer und Emblem seiner großen Ahnen, sticken, hielt sich von seinen alten Freunden und Spielkameraden fern, erwarb schließlich von den Ersparnissen seiner Pflegemutter ein Pferd, ein schönes, stolzes Tier. So etwas war sehr selten in Morea, wo die Franzosen auf die wenigen Pferde, die es gab, ein Vorrecht hatten.

Das von Nikiforos beanspruchte Land befand sich an dem Nafplio gegenüber liegenden Ufer. Da es Besitz seiner Mutter gewesen war, hatte er – darauf zumindest – wirklich Anspruch. Doch seit Jahren hatten es andere in Beschlag genommen, und in dieser verworrenen, durch die Fremdherrschaft verursachten Lage konnte ihm niemand verbindlich sagen, an welchen dazu Befugten er sich eigentlich wenden sollte, um es zurückzufordern. Die gesamte Morea war ein Fürstentum der Villehardouins, Nafplio aber hatte der selige Messir Guilleaume dem Herzog von Athen, seiner Durchlaucht Guido de la Roche, zum Geschenk gemacht.

Enttäuscht in seiner Hoffnung auf die Anerkennung seines Anspruchs durch Notare und Verwalter, nahm Nikiforos Sgourós, seiner Natur entsprechend, Zuflucht zur schlechtesten Lösung des Problems. Jedes Mal, wenn ihn wieder einmal der Zorn packte, sattelte er seinen Astritis, ritt zu seinem „Besitz“, drang dort unbefugt ein und legte sich mit den gegenwärtigen Besitzern an. Er brach Streit vom Zaun, drohte, schlug sich zuweilen sogar mit ihnen. Hatte er seine Wut abreagiert, kehrte er abends nach Hause zurück. Sahen ihn dann die Bürger von Nafplio zum befestigten Stadttor hereingaloppieren, schmunzelten sie einander zu, und es hieß: Sgoúros kommt von „seinem Besitz“ zurück.

Immer nannten sie ihn Sgoúros, wollten ihn nicht als einen Sgourós anerkennen...

So geschah es auch heute abend. Beinahe hätte er in seinem Ungestüm zwei friedlich aus dem Umland zurückkehrende, das Angelus murmelnde französische Mönche zu Boden gestoßen, als er durch die gewölbte Halle des Stadttors gestürmt kam. Die Wachen waren gerade dabei, das Tor mit den schweren Eisenketten zu schließen, nachdem das Trompetensignal vom Turm ertönt war. Wie Donnerrollen hallten Astritis‘ Hufe in den Wölbungen wider. In jähen Stößen blies ein tückischer, regenbringender Wind durch die Torhalle. Der Himmel war von schweren, schwarzen Wolken verhangen.

In den niedrigen, düsteren Läden der Stadt, die sich wie schutzsuchend gegen die gewaltigen Mauern lehnten, brannten hie und da Öllampen. Wie ein Blitz schoss Sgourós unter dem Gekreisch von Frauen, die beim Anblick des entfesselten Pferdes, von Panik ergriffen, beiseite sprangen, durch die Unterstadt und dann, immer noch im Sattel, bergauf durch die kopfsteingepflasterten Gassen und über die ausgetretenen Steintreppen, die in die Oberstadt führten. Es wurde früh dunkel. Als er unten an Kafouris‘ Haus vorbeiritt, stieß er einen langgezogenen Pfiff aus. Das war eigentlich unnötig. Astritis‘ Hufe, beidseits von den Mauern widerhallend, verursachten einen Höllenlärm. Er hörte, wie sich ein Fenster öffnete, war aber schon daran vorbei. Sich umwendend erblickte er einen ausgestreckten, rundlich-weißen Arm und eine Hand mit einem rotseidenen Tuch, das im Wind flatterte – das Zeichen, dass sie ihn heute erwartete... Der Wind trieb ihm ein paar laue Regentröpfchen gegen die Stirn. Er spornte das Pferd an, überquerte das Plateau des Ödlands, stieg ab und ging zu Fuß an dessen Südseite, wo sein Haus und Astritis‘ Stall lagen.

Als Nikiforos aus dem Stall trat, war es schon Nacht. Blitze zuckten aus der dichten Finsternis draußen über dem Meer. Mit gespreizten Beinen, die geballten Fäuste in den Hüften, stand er da und sog die schwere Meeresluft in sich ein. Es roch nach Regen. Langsam stieg er wieder über das Ödland hinauf, um dann den Weg hinunter zu Kafouris‘ Haus einzuschlagen, hinter dessen Gartentor ihn, warm und duftend, Bianca erwartete. Von der Anhöhe warf er noch einen Blick hinab aufs Meer. Im Schwefellicht eines Blitzes glaubte er dort unten die Umrisse eines großen, schwarzen Schiffes zu erkennen. Er blieb stehen, wartete auf das Licht eines weiteren Blitzes. Weit draußen im Süden donnerte es. Es fing an zu regnen. Der Wind schleuderte ihm erste warme Tropfen ins Gesicht. Was war das für ein Schiff, das er bei der Rückkehr in der Dämmerung nicht gesehen hatte und jetzt lautlos in der Nacht auftauchte? Er wartete. Da brach das Gewitter mit stählernem Krachen los.

Er rannte die Gasse abwärts. Und wenn es der Teufel wäre, was scherte es ihn? Doch ein paar Schritte weiter, vor Kafouris‘ Haus, hielt er noch einmal inne: Draußen, in dem Hafen entgegengesetzter Richtung, ungefähr da, wo er am Nachmittag dem Genuesen begegnet war, sah er jetzt ein großes Feuer auflodern.

Er blickte sich um, blickte nach vorn, dachte an das unbekannte Schiff, sah wieder zum Feuer: „Da braut sich etwas Ungewöhnliches in dieser aufgewühlten Nacht zusammen“, dachte er stirnrunzelnd.

Aus: Angelos Terzakis, "Kapitel 1: Der steinerne Löwe",
Prinzessin Isabeau. Heroischer Roman,
Berlin, Edition Romiosini (demnächst).
Aus dem Griechischen übersetzt von Joachim Winkler.