#Editorial

17.12.2014

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Feierliche Enthüllung des Denkmals am 9. November 2014

Feierliche Enthüllung des Denkmals am 9. November 2014

Am 9. November 2014 fand die feierliche Enthüllung des Denkmals zur Erinnerung an den alten Jüdischen Friedhof von Thessaloniki statt, der im Dezember 1942 völlig verwüstet wurde. Damals wurden Grabsteine entwendet und als Bau- und Dekorationsmaterial benutzt, später wurde die Aristoteles Universität Thessaloniki auf diesem Gelände erbaut – ohne jegliche Entschädigung oder mindestens Entschuldigung.

In den mehr als 70 Jahren, die seither vergangen sind, hat es bis zum 9. November 2014 keinen offiziellen Akt der Erinnerung an diese Schändung gegeben, die quasi als Auftakt für die Ermordung von 56.000 Juden aus Thessaloniki angesehen werden kann.

Die pointierte Rede des Bürgermeisters von Thessaloniki, Jannis Boutaris, die wir hier in deutscher Sprache veröffentlichen, bricht ein langes, unverzeihliches Schweigen.

In diesem Sinne: friedliche Feiertage und Shalom.

Ihr CeMoG-Team


Feierliche Enthüllung des Denkmals zur Erinnerung an den alten Jüdischen Friedhof von Thessaloniki

Heute befinden wir uns auf dem ehemaligen Friedhof unserer verlorenen jüdischen Mitbürger von Thessaloniki, die die Behörden jener Zeit mit dem allergrößten Eifer austilgten. Heute eröffnen wir auch das lange geschuldete Denkmal.

Besser spät denn nie! Ohnehin bedeutet eine Verspätung von 72 Jahren nicht, dass der Verlust, das Entsetzen und die Trauer um die Toten geringer wären, wäre das Denkmal bereits 1945 oder zu einem anderen Zeitpunkt errichtet worden.

Letzten März sagte ich in einer Rede vor dem Institut Français: „Die Erinnerung an die Ausrottung, die Trauer um die verlorenen Juden erinnert uns fortwährend daran, dass das Mitfühlen uns zu Menschen macht. Wir können niemals an die Stelle des Anderen treten, unseres jüdischen Mitbürgers. Doch wollen wir uns Menschen nennen, so sollten wir zumindest versuchen, uns sein Leid und seinen Schmerz zu vergegenwärtigen.“

Wenn es also für uns Nichtjuden aus Thessaloniki letztlich unmöglich ist, uns den Schmerz unserer Juden vorzustellen, so ist doch vielleicht endlich der Augenblick gekommen, wo wir stammelnd hervorbringen können, dass es für unsere jüdischen Mitbürger unmöglich ist, sich unsere Scham vorzustellen. Die Stadt Thessaloniki hat viel zu spät damit begonnen, ihr Schweigen zu brechen und an die dunkelsten Momente unserer Geschichte zu erinnern. Heute aber kann die Stadt sagen, dass sie sich schämt für dieses schuldvolle Schweigen. Sie schämt sich für all die Kollaborateure unter ihren Einwohnern, die mit den Eroberern gemeinsame Sache gemacht haben, für all die Nachbarn, die sich unzulässig Vermögen zugeeignet haben, für alle die, die diejenigen verraten haben, die zu entkommen suchten. Insbesondere schämt sie sich für die Behörden der Stadt: den Bürgermeister und den Generalverwalter, die einspruchslos gestatteten, dass die städtischen Arbeiter in einer einzigen Nacht 500 Jahre Geschichte auslöschten und den größten jüdischen Friedhof Europas in ein Golgatha verwandelten. Sie schämt sich für den Leiter des archäologischen Dienstes, der „erstaunt“ war, als die jüdische Gemeinde sich 1946 darüber beschwerte, dass Grabsteine als Baumaterial für die Wiedererrichtung der Kirche des Heiligen Demetrios verwendet wurden. Und sie schämt sich für die Rektoren, die nach dem Krieg den Universitätscampus neben und auf den zerstörten Gräbern anlegten, ohne auch nur eine einzige Gedenktafel zu errichten. Es hat keinen Sinn, wenn wir uns heute für deren Taten entschuldigen – Verantwortung ist weder kollektiv noch übertragbar. Dennoch müssen wir einräumen, dass die Institutionen, die wir heute vertreten (und von denen wir uns vertreten lassen), nicht erst gestern aus der Taufe gehoben wurden. Sie haben eine Geschichte hinter sich, sind Träger der Erinnerung in einem Kontinuum der Zeit.

Wir erkennen an, dass der Verlust der 56.000 Juden aus Thessaloniki ein Verlust für uns alle ist – Christen, Juden und Muslime, Atheisten und Agnostiker. Es ist ein Verlust für diejenigen, die überlebt haben, aber auch für diejenigen, die nach uns leben werden.

Der Holocaust hat nicht nur die Vergangenheit unserer Stadt entscheidend geprägt, sondern schlimmer noch: er hat ihr die Zukunft geraubt. Wer wollte bezweifeln, dass ein Thessaloniki als Heimat und Heimstatt einer blühenden kosmopolitischen jüdischen Gemeinde eine andere Stadt wäre?

Da dies letztlich also unser eigener Verlust ist, ist ein Holocaust-Denkmal nicht nur eine Sache der Juden, sondern unser aller. Es betrifft uns als Einwohner von Thessaloniki, als Griechen und als Europäer. Es stellt die Bande mit dieser Stadt wieder neu her und trägt zu unserem Menschsein bei.

In diesem Sinne begrüßen wir heute den Beschluss des vorigen Rektorats, die Genehmigung zur Errichtung dieses Denkmals zu erteilen.

Jannis Boutaris, Bürgermeister von Thessaloniki

(Aus dem Griechischen übersetzt von Ingrid Behrmann.)