#Editorial

08.03.2017

Symposium der VDGG: Der Widerstand gegen die Diktatur der Obristen (1967–1974) in Deutschland (18.-19. November 2016)

Vor genau 50 Jahren spitzte sich die andauernde politische Krise in Griechenland zu einer Militärdiktatur zu. Das war der Gipfel des „dreißigjährigen griechischen Krieges“, wie der Autor Alexandros Kotzias die Zeit vom Beginn des Bürgerkriegs 1944 bis zum Sturz der Militärdiktatur 1974 bezeichnete. Die Folgen sind so weitreichend gewesen, dass sie sich vielfach bis zu den heutigen Defiziten der griechischen politischen Kultur nachverfolgen lassen.

Diesem politischen und sozialen Trauma widmet das CeMoG im Gedenkjahr 2017 eine Reihe von Büchern und Veranstaltungen. Bereits im vergangenen November dokumentierten wir ein Symposium der Vereinigung der Deutsch-Griechischen Gesellschaften (Hannover, 18.-19.11.2016) zu diesem Thema. Die einleitenden Worte des griechischen Botschafters, Theodoros Daskarolis, sowie der Vorsitzenden der VDGG, Sigrid Skarpelis-Sperk, haben wir als Auftakt und Einstimmung zugleich für unser Editorial gewählt. Parallel zu den Texten können Sie auch die Videoaufzeichnung sehen.

S. E. Theodoros Daskarolis: Die „vielschichtige Tragödie“ der griechischen Militärdiktatur

S. E. Theodoros Daskarolis über die „vielschichtige Tragödie“ der griechischen Militärdiktatur

Sehr verehrte Frau Präsidentin, liebe Sigrid,
sehr geehrter Herr Vorstandsvorsitzender,
sehr geehrter Herr Schmalstieg,
werte Herren Professoren,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Freunde,

die griechische Militärdiktatur in der Zeit von 1967 bis 1974 war eine vielschichtige Tragödie, die – trotz der fünfzig Jahre, die seit jener bösen Nacht des 21. April 1967 vergangen sind – noch bis heute deutlich ihre Spuren hinterlassen hat. Die Obristen-Junta hat nicht nur das parlamentarische, demokratische Regime gestürzt, welches, selbst mit Verwicklungen und vielen Schwierigkeiten doch immerhin funktionierte, sondern unterbrach brutal einen kulturellen griechischen Frühling, einen frühen, avantgardistischen Vorläufer der ´68er Bewegung, worin die unterprivilegierten Schichten der Bevölkerung und die aufgeklärten Teile des Bürgertums ihre politische Emanzipation, eine Wirtschaftsentwicklung im Gleichgewicht, die Demokratisierung der Gesellschaft und soziale Gerechtigkeit forderten. Die Oktroyierung der Diktatur hat diesen Frühling zerstört und das Land zu einem ungerechten und katastrophalen Rückschritt geführt. Tragisches, doch vorhersehbares Ergebnis der Diktatur ist die noch offene Wunde von Zypern, wo die türkische Besetzung des Nordteils der Insel noch heute andauert.

Bemerkenswert, wenn auch vielleicht bereits in der Erinnerung verblasst, ist die Tatsache, dass Griechenland in den 60er Jahren – trotz des aufgewühlten politischen Klimas – ein Aufblühen avantgardistischer künstlerischer Bewegungen erlebte, das durch die Obristen-Diktatur im  April 1967 abrupt unterbrochen wurde.

Nicht wenige der führenden Persönlichkeiten dieser Strömungen, wie z.B. der Maler Alexis Akrithakis, seine kürzlich verblichene Frau Foffi und der Kunstkritiker Christos Ioakimidis, fanden während der Diktatur Schutz in der Bundesrepublik Deutschland und in West-Berlin.

Es ist von Interesse, sich zu erinnern, in welcher Zeit wir uns historisch befinden:

In den 60er Jahren ist Griechenland gerade dabei – von alten Kriegs- und neueren politischen Alliierten mehr oder weniger über den Tisch gezogen – aus seinen Ruinen heraus seine Kräfte zu bündeln und beharrlich den eigenen, hoffnungsvollen Weg zu gehen, den die Diktatur im Frühling 1967 grob beendet hat.

Zur selben Zeit erlangte die Bundesrepublik, durch die Siegermächte des Krieges begünstigt, bereits in raschen Schritten ihre wirtschaftliche Stärke wieder, baute gut fundierte und stabile soziale Strukturen auf und kämpfte darum, sich von den eigenen Gespenstern zu befreien. Es war die Zeit beziehungsweise in etwa das Ende der Entnazifizierungsära. Gleichzeitig begann die Zeit der gesellschaftlichen Emanzipation, des Wagnisses zu mehr Demokratie, die von Willy Brandt eingeläutet wurde.

Obwohl der Putsch des 21. April alle überrumpelt hat – viele hatten eine Vorahnung, doch keiner wollte diese Ahnung wirklich ernst nehmen, als könnten so die künftigen Leiden gebannt werden –, formierten sich bereits in den ersten Tagen, wenn nicht gar in den ersten Stunden, die ersten Äußerungen des Widerstandes – die meisten sehr spontan. Im Laufe der Zeit bekamen diese Veranstaltungen immer mehr Zulauf, trotz der brutalen Unterdrückung, der Morde und der schrecklichen Folterungen von prominenten und anonymen Kämpfern. Während der gesamten Dauer der Diktatur finden Widerstandsaktionen jeder Art statt, einige spontan, einige geplant, die im Polytechnikum-Aufstand im November 1973 gipfeln, dessen 43. Jahrestag wir – nicht ganz zufällig, nehme ich an – gestern begingen. Der Historiker Nikos Svorónos hat recht, wenn er hinsichtlich der Inhärenz des Widerstands bei den Griechen schreibt: „Dieses historische griechische Volk existiert überhaupt durch den Widerstand.“

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass es ohne die Widerstandsbewegung keine internationale Ablehnung und Verurteilung der Junta gegeben hätte.

Eine wesentliche Stütze des griechischen Widerstandes war jedoch die Solidaritätsbewegung, die sich im Ausland entwickelt hat und die ihrerseits Druck ausübte und ausländische Regierungen veranlasst hat, das diktatorische Regime in Griechenland abzulehnen und zu verurteilen.

Die Geschichte des griechischen Widerstandes während der Diktatur ist vielfach erforscht und untersucht worden. Teilweise wurden auch die Verantwortlichkeiten erfasst und zugeteilt, sowohl die einheimischen als auch die ausländischen. Selbstverständlich wird die historische Forschung fortgesetzt.

Was allerdings nicht ausreichend aufgearbeitet worden ist – obwohl es sichtlich viele interessante Aussagen von Zeitzeugen gibt –, sind die Widerstandsaktivitäten der Exilgriechen in der Bundesrepublik und vor allem auch die deutsche Solidaritätsbewegung für den griechischen Widerstand. Daher bin ich der langjährigen Freundin Sigrid Skarpelis-Sperk dankbar, dass sie diese wunderbare Idee hatte, die heutige Tagung zu organisieren. Es handelt sich wirklich um ein strahlendes Kapitel der doch sehr wechselhaften gemeinsamen Geschichte unserer beiden Länder, das wert ist, memoriert und geehrt zu werden.

Es ist eine historisch nicht zu widerlegende Tatsache, dass sich die Solidaritätsbewegung für den griechischen Widerstand niemals in dem tatsächlichen Maße entwickelt hätte, ohne den entscheidenden Beitrag von Willy Brandt. Es war wohl folgerichtig für einen Kämpfer gegen den Nationalsozialismus, einen leidenschaftlichen Demokraten und Verteidiger der sozialen Gerechtigkeit, dass ihn die Aufhebung der demokratischen Regierungsform in Griechenland und die damals durchaus reelle Gefahr der Wiederbelebung des Faschismus in Europa nicht gleichgültig lassen konnte.

Dank seiner persönlichen Intervention hat sich die Regierung der Bundesrepublik damit einverstanden erklärt, ohne Einschränkungen die exilierten Kämpfer der Diktatur aufzunehmen und ihnen die Möglichkeit zu gewähren, ihren Kampf fortzusetzen. Herausragender Ausdruck des antidiktatorischen Kampfes war die griechische Sendung der Deutschen Welle aus Köln und die griechisch-sprachige Radiosendung aus München. Es wäre tatsächlich wertvoll, das entsprechende Archivmaterial auszuwerten und zu veröffentlichen. Mehr noch: Die Tatsache, dass die deutsche Regierung, mit ihrem besonderen Gewicht, die Diktatur in Griechenland missbilligte, erleichterte es den Griechen in der Bundesrepublik, ihre Opposition zum Obristen-Regime zum Ausdruck zu bringen.

Willy Brandts Unterstützung der griechischen Widerstandsbewegung fand nicht ohne Hindernisse statt. Es gab einige in Deutschland, die zumindest Vorbehalte hinsichtlich der Fortsetzung dieser der griechischen Widerstandsbewegung freundlich gesinnten Politik hatten. Die Regierung Brandt bekam auch Druck von Kreisen der deutschen Industrie, die sie drängten, die Aktivitäten griechischer Widerständler auf deutschem Territorium zu verbieten, die griechischen Radiosendungen zu unterbinden und die Mobilisierung diplomatischer Abläufe zu stoppen, welche – wie in den Fällen von Vassos Mathiopoulos und Alexandros Mangakis – die Flucht von Oppositionellen in die Bundesrepublik ermöglicht hatten. Denn genau diese Kreise waren daran interessiert, Geschäftsbeziehungen mit dem diktatorischen Regime einzugehen. Es gibt konkrete Zeugnisse darüber, dass griechische Widerständler unter der Observierung deutscher Sicherheitsbehörden standen, in einigen Fällen sogar Hausdurchsuchungen und Befragungen stattgefunden haben.

Darüber hinaus hatte die Regierung Brandt auch eine weitere Front: Sie musste dem möglichen Missfallen der USA begegnen, die – das sollte nicht vergessen werden – die Diktatur in Griechenland stützten. Wir dürfen ebenfalls nicht vergessen, dass die Bundesrepublik zur damaligen Zeit noch unter alliierter Besatzung stand und eingeschränkte Souveränitätsbefugnisse hatte.

Trotz des Druckes und aller Vorbehalte ließ sich dieser große deutsche und europäische Politiker nicht erschüttern, ja hat es noch geschafft, einen breiten, immer größer werdenden Teil der öffentlichen Meinung zu überzeugen, solidarisch dem kämpfenden Griechenland beizustehen.

  • Wie gewichtig waren die griechische Widerstandsbewegung und die Solidarität, die sich inzwischen in der Bundesrepublik entwickelt hat, in Griechenland selbst? Ich würde sagen, sehr wichtig.
  • Wie die Auswirkungen der deutschen Solidarität im Innern Griechenlands, auf die griechische Widerstandsbewegung? Ich würde sagen, außerordentlich wichtig.

Im Rahmen einer Ansprache ist es eigentlich unpassend, sich auf persönliche Erlebnisse zu berufen, ich bitte jedoch, mir dies an dieser Stelle zu gestatten; auch im Bewusstsein, dass Geschichte, jenseits von Belegen und wissenschaftlichen Analysen, auch aus persönlichen Beispielen und Erlebnissen zustande kommt. Und ebenfalls in dem Bewusstsein, dass man durch die Auslassung persönlicher Erfahrungen von Zeitzeugen weder Personen noch Umständen wirklich gerecht wird.

Ich habe die sieben Jahre der Diktatur in meiner Pubertät erlebt. Tief eingeprägt haben sich in meiner Erinnerung die griechischen Sendungen der Deutschen Welle, die wir heimlich abends hörten und deren Nachrichten wir, ebenfalls heimlich, am nächsten Morgen in der Schule untereinander austauschten, um damit unser kleines, tägliches Schüler-Widerstandsnetz zu nähren.

In meinen etlichen Dienstjahren in Deutschland bin ich immer noch und immer wieder beeindruckt und erinnere, mit großem Respekt, Gespräche mit bekannten oder gänzlich unbekannten deutschen Bürgern, die mit Rührung an Ereignisse und Bilder aus ihrer Jugend denken, die sich auf Solidaritätsaktionen für Griechenland während der Junta-Zeit beziehen. Menschen, die als Studenten mit unbändiger Begeisterung am 24. Juli 1974 jubilierten, als die Demokratie in ihrem Geburtsland wiederhergestellt wurde.

  • Erst vor einigen Tagen hatte ich ein Gespräch mit Axel Schäfer, Abgeordneter der SPD, der seine Beteiligung an Massenkundgebungen deutscher Studenten gegen die Junta erwähnte.
  • Oft treffe ich Menschen, die sich an den heutigen Außenminister Nikos Kotzias als Anführer von Demonstrationszügen in der Bundesrepublik erinnern, wohin er als politisch Verfolgter geflüchtet war.
  • Ebenfalls erst kürzlich sprach ich mit Antje Vollmer und sie kam auf die damaligen politischen Flüchtlinge, griechische Studenten, zu sprechen, die sie während der Junta-Jahre bei sich aufgenommen hatte.
  • Auch Niels Kadritzke erinnert sich immer noch an die Demonstrationen mit Spruchbändern zur Befreiung aus den Folterkellern der Junta von Petros Stangos und Christos Bistis, die beide ebenfalls in Deutschland aktiv waren, bevor sie illegal nach Griechenland zurückkehrten, auch dort in den Widerstand traten, verhaftet und schwer gefoltert wurden.
  • Und ich möchte auch an all jene erinnern, die – wie ich aus zufälligen Bekanntschaften und Gesprächen immer wieder erfahre – sich als junge Studenten, trotz ihres Reisewunsches, aus Solidarität entschieden haben, solange die Junta dauerte, nicht als Touristen nach Griechenland zu reisen.
  • Eine stetige Quelle von Erinnerungen und Zeitzeugnissen ist selbstverständlich Sigrid Skarpelis-Sperk.
  • Woran ich mich ebenfalls lebhaft erinnere, ist der leider schon verschiedene Vassos Mathiopoulos – ein wahrhaft edler griechischer Bürgerlicher, der genau aus diesem Grunde zum Sozialisten wurde –, der, kurz nach dem Putsch, in großer Eile bei uns zuhause vorbeikam, um noch dringende juristische Angelegenheiten zu regeln, bevor die Deutsche Botschaft ihm sicher nach Deutschland auszureisen half. Kurze Zeit später konnten wir ihn – erleichtert – in der griechischen Sendung der Deutschen Welle hören.

In der Gewissheit, dass die heute hier Anwesenden noch viel mehr zu berichten haben, nahm ich mir das Recht, einige persönliche Erfahrungen zu erzählen, zum einen, um damit meine persönliche Dankbarkeit zu äußern, und zum anderen, um meine tiefe Zufriedenheit darüber zum Ausdruck zu bringen, dass das Gedenken an die großen und die kleinen Gesten der Solidarität für den griechischen Widerstand, auch 45/50 Jahre später noch so lebendig in der Erinnerung der Menschen vorhanden ist. Vielleicht liegt es daran, dass die Menschen damit ihre eigene Jugend verknüpfen, die sie – statt sie ausschließlich ihrer eigenen beruflichen Zukunft zu widmen – dazu verwandt haben, Griechenland zu unterstützen und, mit ihren eigenen Empfindsamkeiten und Fragestellungen verbunden, sich dem griechischen Widerstand solidarisch zeigten. Diese Solidarität, glaube ich, wurde eine formende Komponente der Ausbildung ihres eigenen politischen Bewusstseins. Es waren hauptsächlich diese jungen Menschen, die mit der Unterstützung der Gewerkschaften eine unschätzbare, massive Solidaritätsströmung in Richtung der griechischen Widerstandsbewegung geschaffen haben, welche sich darüber hinaus durch eine bemerkenswerte Konsequenz und Ausdauer auszeichnete.

Ganz besonders möchte ich hier auch an den Beitrag der aufblühenden „68er“-Bewegung erinnern. Bekannt sind z.B. in jenen Jahren die Veranstaltungen von Rudi Dutschke und seinen Genossen für Griechenland.

Um auf die Resonanz zurückzukommen, die die deutsche Solidaritätsbewegung in Griechenland hatte, möchte ich besonders auf die Aktivitäten der Athener Niederlassung des Goethe-Instituts verweisen. Mutig und selbstlos wurde im Junta-besetzten Athen dort ein Raum geschaffen, in dem das offene Gespräch möglich war, der den griechischen Intellektuellen erlaubte, ihre Ideen zu entwickeln und zu äußern. Dort konnte, 1973, wenn ich mich richtig erinnere, Stratis Tsirkas zum ersten Mal die Tagebücher seiner Trilogie vorstellen. Und ich möchte auch an die berühmte Rede von Günter Grass 1972 in Athen erinnern, eine Hymne auf die Werte der Demokratie und der Jugend, welche der griechischen Studentenschaft Mut gemacht hat, die sich in jener Zeit zu ihrem massiven, antidiktatorischen Kampf zusammenschloss. Eine Geste, die für Günter Grass selbst der Beginn seines eigenen, persönlichen Dauerengagements für Griechenland bildete, wie er das selbst vor nicht allzu langer Zeit, kurz vor seinem Tod, in seinem bekannten Griechenland-Gedicht äußerte.

Wesentlich ist es ebenfalls, daran zu erinnern, dass dank der deutschen Solidaritätsbewegung die überwältigende Mehrheit der Griechen, die bereits in der Bundesrepublik lebten, sei es als politische Flüchtlinge, sei es, weil sie sich schon vorher hier angesiedelt hatten, Position gegen die Militärdiktatur bezogen. Nicht nur die griechischen Arbeiter, auch Wissenschaftler und Akademiker, jeder auf seine Art, unabhängig von ideologischen Positionierungen: Die spätere Parlamentspräsidentin Professorin Anna Psaroudi-Benaki, Pavlos und Dora Bakoyanni, Dimitris Tsatsos, Kostas Simitis, die PAK, die PAM und andere Widerstandsgruppierungen bis hin zur „Revolutionären kommunistischen Bewegung Griechenlands“, welche im Übrigen in West-Berlin gegründet wurde, sie alle waren – trotz ihrer gegenseitigen Meinungsverschiedenheiten – aktiv gegen die Junta und haben dafür den Ort und die Unterstützung genutzt, die sie von den hiesigen Solidaritätskräften bekamen.

In dem Versuch, ein möglichst abgerundetes Bild jener Zeit zu schaffen, wäre es unehrlich, nicht auf den Repressionsapparat der Junta einzugehen, der siebeneinhalb Jahre in der Bundesrepublik aktiv war. Die Zeit der Diktatur ist wohl das beschämendste Kapitel in der Geschichte des diplomatischen Dienstes des neueren griechischen Staates. Die griechischen diplomatischen und konsularischen Behörden in Deutschland haben griechischen Widerständlern nicht nur Reisepässe entzogen, sondern betrieben auch ein riesiges Denunzianten-Netz, welches diese sehr genau beobachtete, sogar ihr Leben in Gefahr brachte und auch ihre Verwandten in Griechenland bedrohte. Gleichzeitig versuchten sie, unter Gebrauch elender Betrügereien und fieser Unterdrückungsmethoden, die hier ansässigen Griechen einzuschüchtern und zu entzweien. All dies ist bekannt. Weniger bekannt ist jedoch, dass doch einige griechische Diplomaten dafür Sorge trugen, dass genau denjenigen, denen die Ausweispapiere von ihren Kollegen entzogen worden waren, wieder Pässe ausgehändigt wurden. Und noch weniger bekannt ist wahrscheinlich, dass andere griechische Diplomaten heimlich mit Kreisen des griechischen Widerstandes Kontakt hielten und diesen wertvolle Informationen zukommen ließen. Und wir müssen ebenfalls an den verstorbenen Giorgos Kladakis erinnern, einen jungen Diplomaten, der, kaum als diplomatischer Postbote hier angekommen, seinen Dienst quittierte, um seine Fähigkeiten der griechischen Sendung der Deutschen Welle in Köln zur Verfügung zu stellen.

Es ist nicht ganz zu Unrecht andernorts formuliert worden, dass die siebenjährige Diktatur in Griechenland, historisch gesehen, milder ausgefallen ist, als etwa die Diktaturen in Chile und Argentinien mit ihren Massenexekutionen und dem Verschwinden von tausenden von Menschen. Dies ist, zum Teil, richtig. Die griechische Junta und ihre Organe waren niemandem gegenüber rechenschaftspflichtig, folglich kannte von außen keiner das genaue Ausmaß der Repression gegen jeglichen Widerstand, groß oder klein. Sie haben jedoch hunderte von Kämpfern unmenschlich gefoltert und schreckten auch vor Massenerschießungen Unbewaffneter nicht zurück, wie dies beim Polytechnikum-Aufstand im November ‘73 offenbar wurde. Die Monate danach bis zum Fall der Junta im Juli ’74 waren die übelsten dieser ganzen schrecklichen Zeit. Die Brutalität der Niederwerfung des Aufstandes, die Massenverhaftungen, die Einkerkerungen, die Folter, die Exilierungen und die Unsicherheit, die sie erzeugten, die Paranoia und die Unfähigkeit der Handlanger der Ioannidis-Junta in Kombination mit der ständigen Präsenz von Spitzeln an den Universitäten, machten die Atmosphäre so drückend wie nie. Genau zu jenem Zeitpunkt, im Frühjahr 1974, kam Günter Wallraff nach Athen und kettete sich freiwillig am Syntagma-Platz fest, um dort Flugblätter gegen die Diktatur zu verteilen.

Er wurde losgelötet, verhaftet, verprügelt und bis zum Fall der Junta am 24. Juli 1974 gefangen gehalten, wo er dann mit den anderen politischen Gefangenen freikam. Dies bildete vielleicht den höchsten Akt der Solidarität mit dem griechischen Widerstand. Ausgeführt von einem deutschen Schriftsteller. Zum genau richtigen Zeitpunkt, um zu beweisen, dass noch nichts zu Ende war, dass die Tyrannei sich nicht etablieren, nicht mehr lange dauern konnte.

Als Botschafter von Griechenland, aber auch als griechischer Bürger, als junger Mensch, der die verhasste Diktatur und den Faschismus jener Zeit selbst erlebt hat, möchte ich meine tiefe Dankbarkeit all jenen deutschen Politikern und Diplomaten, aber nicht minder den zahllosen ungenannten, anonymen Menschen gegenüber zum Ausdruck bringen, die mit dem freien Griechenland gekämpft haben, es auf unterschiedlichste Art und Weise unterstützt haben, oder auch nur ein Aufflackern der Seele bei der Forderung des griechischen Volkes nach Freiheit und Demokratie gespürt haben.

Auch wenn es manchmal, vor allem im Nachhinein, leicht ist, Widerstand und Solidarität für sich, für die eigenen Zwecke zu vereinnahmen, müssen wir sie genau vor dieser Gefahr bewahren. Zumal es Betrug wäre, sie auf Zweckdienlichkeiten jeglicher Couleur zu beschränken. Es würde ihrer wahren Bedeutung größtes Unrecht antun. Das Gewissen eines jeden weiß genau, welche Haltung jeder persönlich in jenen schweren Jahren gewahrt hat.

Doch Widerstand und Solidarität sind weder relative Begriffe, noch sind sie eindimensional, sie lassen sich nicht zeitlich einschränken – sie sind von ihrer Natur aus zeitlos. Wir können nicht die Menschenrechte nur einer Kategorie Menschen verteidigen oder die Demokratie und die soziale Gerechtigkeit nur in einem Land. Das wäre verlogen. Demokratische Wachsamkeit hat weder einen regionalen noch einen zeitlichen Horizont. Sie ist ein Dauerzustand. Solidarität ist ein Dauerzustand.

Auch heute kämpft das griechische Volk darum, sich aufzurichten, seine Würde zu wahren, soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit in seinem Land zu gewährleisten. Zwar leidet es heute nicht mehr unter der Diktatur der Panzer und Obristen, leistet jedoch Widerstand gegen den Totalitarismus der Finanzmärkte und die Intoleranz jener, die von ehemals gleichwertigen Partnern zu oppressiven Gläubigern mutiert sind. Blinde Austerität ist keine Wachstumspolitik. Auch heute bedarf Griechenland der Solidarität; auch heute sucht es nach demokratischer Wachsamkeit im Ausland.

Um jedoch auf die Jahre zwischen 1967 und 1974 zurückzukommen, möchte ich eine kleine Feststellung machen: Die deutsche Solidaritätsbewegung für Griechenland allein der Politik Willy Brandts zuzuschreiben, wäre zu wenig, sie der Gesamtheit Deutschlands zuzuschreiben, wäre zu viel.

Lassen Sie sie uns diese Bewegung all den einzelnen Menschen zuschreiben, die in jenen Jahren, jeweils durch persönliche Entscheidungen, die Notwendigkeit empfunden haben, jeder im Maße seiner Möglichkeiten, aber völlig uneigennützig, jenes Mehr oder jenes Wenige zu tun, das in Griechenland als Bewegung oder Empfindung von Solidarität angekommen ist.

Zum Abschluss erlauben Sie mir, auf ein Gedicht zu verweisen, das Bezug auf eine andere Solidaritätsbewegung des letzten Jahrhunderts nimmt, die Solidaritätsbewegung der „Internationalen Brigaden“, die auf der Seite der Demokraten im Spanischen Bürgerkrieg mitgekämpft haben. Ein verzweifelter Kampf, der – wie alle wissen – kein glorreiches Ende gefunden hat. Nach der Niederlage hatte der spanische Dichter Luis Cernuda das Bedürfnis, das Wort an die fremden Mitkämpfer in diesem sinnlosen Kampf zu richten, in Form eines schönen Gedichtes mit dem Titel „1936“, welches mit dem Vers endet: «Gracias, compañero, gracias por el ejemplo. Gracias por que me dices que el hombre es noble. Nada importa que tan pocos lo sean: Uno, uno tan sólo basta como testigo irrefutable de toda la nobleza humana.» [„Danke, Kamerad, danke für dein Beispiel. Danke, dass du mir beigebracht hast, dass der Mensch edel ist. Es macht nichts, dass nur wenige es wissen: Einer, nur einer allein genügt schon als unwiderlegbares Zeugnis des gesamten menschlichen Edelmuts.“ Desolación de la Quimera (1962)]. Mit diesem Vers möchte ich meine Eingabe abschließen und genau diese Worte an die deutsche Solidaritätsbewegung richten.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Ansprache des Botschafters von Griechenland, Herrn Theodoros Daskarolis
beim Symposium der Vereinigung der Deutsch-Griechischen Gesellschaften (VDGG)
am 18. November 2016 in Hannover.


Sigrid Skarpelis-Sperk: Der Widerstand gegen die Diktatur der Obristen in Deutschland (1967–1974)

Dr. Sigrid Skarpelis-Sperk, Präsidentin der Vereinigung der Deutsch-Griechischen Gesellschaften (VDGG)

Alle Diskussionen über Griechenland finden nicht im luftleeren und historischen Raum statt, sondern in einer immer noch nicht bewältigten Finanzkatastrophe – der größten der letzten 150 Jahre. Wie alle großen ökonomischen Katastrophen hat sie allerdings nicht alle Länder gleichmäßig schwer getroffen – aber sie ist bis heute teurer und gravierender als die Weltwirtschaftskrise der 1930 Jahre, welche die entwickelte Welt in eine historisch unerhörte Massenarbeitslosigkeit, Staatsbankrotte, den Zusammenbruch ganzer Industriezweige, zu Massenauswanderung und schließlich zum Zerfall von Demokratien und zum Aufkommen von Faschismus und Nationalsozialismus führte.

Emigration und Massenauswanderung sind in der neueren griechischen Geschichte nichts Neues – allerdings zeigte sie in den letzten hundert Jahren für Griechenland ein dramatisches Ausmaß:

  • die Vertreibung der Griechen aus Kleinasien und dem Schwarzen Meer war die ökonomisch und sozial härteste Migration, die Griechenland nur sehr teilweise meistern konnte;
  • die Flucht vieler Griechen durch die Besetzung durch deutsche, italienische und bulgarische Truppen;
  • der griechische Bürgerkrieg und die darauffolgende Flucht vieler Unterlegener in die Länder der Sowjetunion und ihrer Verbündeten.

Es gibt wenige Völker, die von sich sagen müssen, dass nur etwas mehr als die Hälfte ihrer Menschen im eigenen Land leben. In Griechenland ist das der Fall: 10 Millionen Griechen leben in Griechenland, 8 Millionen außerhalb. Sie sind verstreut über die ganze Welt mit Schwerpunkten in den USA, Kanada, Australien, Lateinamerika und – in Deutschland. Die Migration der Griechen nach Deutschland war vor dem ersten Weltkrieg eher gering – von größeren Gemeinden wie Leipzig, München und den Hafenstädten abgesehen.

Danach änderte sich das dramatisch: nach dem zweiten Weltkrieg und dem Ende des Bürgerkrieges hatte sich Griechenland ökonomisch und sozial nicht erholt. Das politische System war nicht in der Lage, einen umfassenden Aufbau unter Beteiligung aller Bevölkerungsschichten und Regionen zu organisieren. Arbeit gab es fast nur im Zentrum Europas, vor allem in Deutschland: Zwischen 1960 – 1974 wanderten aus Griechenland von seinen damals 9 Millionen Bürgern zwei Millionen Menschenaus, d.h. 22% seiner Bevölkerung. Etwa die Hälfte davon – 1 Million – ging nach Deutschland. Die überwiegende Zahl der Auswanderer – rund 85 % – kamen aus Kleinstädten und Dörfern, meist aus dem Norden Griechenlands und dem Epirus. Ihre Arbeitsplätze waren in aller Regel durch ein deutsch-griechisches Abkommen sozialversichert und durch Arbeits- und Tarifverträge abgesichert. In den Betrieben sorgten die Gewerkschaften für Schutz und Vertretung. Allerdings besetzten sie überwiegend niedrigqualifizierte Arbeitsplätze, sie bildeten mit den zugewanderten Italienern, Jugoslawen und Spaniern eine „soziale Unterschicht“.

Viele von ihnen standen politisch linken Strömungen nahe und nicht zuletzt deswegen bauten sie auch in Deutschland rasch soziale Netzwerke auf, zunächst innerhalb der Griechen – Arbeiter wie Studenten – und dann mit der deutschen Gesellschaft. Vom ersten Augenblick an organisierten sie sich rasch untereinander – vor allem in den großen Industriezentren – und reagierten auf den Putsch der Obristen am 23. April 1967 nicht mit eingezogenem Kopf, sondern über die klassischen politischen und Parteigrenzen hinweg. Sie zeigten zusammen mit uns deutschen Sympathisanten in massiven Protesten gegen die Junta ihren Widerstand und ihren Willen, für die Demokratie und die Rechte der Arbeitnehmer zu kämpfen. Dabei half natürlich, dass sich vor allem auf der Linken und in der Mitte – also EDA (Enosis Dimokratikis Aristeras) und EK (Enosis Kentrou) bereits „Ableger“ der griechischen Parteien gebildet hatten.

Während der Zeit der Diktatur formierten sich zudem antidiktatorische Gruppen wie PAK (Panhellenische Befreiungsbewegung) und PAM (Patriotische Front). Und diese beiden - um nur die zwei größten zu nennen - waren äußerst wichtige Verbindungen zwischen den griechischen Arbeitern, Studenten und Intellektuellen und ihren deutschen Verbündeten. Ähnliche Organisationsformen und Ansätze gab es natürlich auch in anderen europäischen Staaten – aber die hilfreichen und auch einflussreichen Organisationen bestanden wesentlich aus Intellektuellen und Künstlern, wie z.B. in Frankreich.

In Deutschland war der Kampf gegen die Militärjunta umfassender, tiefer und hilfreicher für die Griechinnen und Griechen, die ihr Land verlassen mussten und das hatte m.E. im wesentlichen sechs Gründe:

  1. die große Zahl, stetig wachsender, dann etwa eine Million arbeitender Griechinnen und Griechen. Ob nun mit linkem Hintergrund oder nicht, sie waren ein verlässlicher und solidarischer Anlaufpunkt für alle geflüchteten und häufig mittellosen Neuankömmlinge.
  2. eine nicht geringe Zahl in Deutschland studierender und hochqualifizierter Akademiker. Seit den Zeiten der Bayern-Könige war es Tradition, junge Leute zum Studium nach Deutschland zu schicken: ob Archäologie oder Jurisprudenz, Geschichte, Philosophie, Medizin oder Ökonomie die Zahl der exzellenten Absolventen ist beeindruckend und ergänzt um die Naturwissenschaften und den Maschinenbau, bildeten diese jungen Griechen ein solides und festes Band zwischen beiden Ländern zum wechselseitigen wissenschaftlichen und ökonomischen Gewinn. Einige davon blieben in Deutschland und nahmen Leitungs-Positionen an deutschen Institutionen ein: wie Spiros Simitis, Dennis Tsichritzis und Konstantin Skarpelis um nur drei Beispiele zu nennen.
    Von denen, die zuhause Bedeutung erlangten kann ich hier nur ganz wenige nennen: Karolos Papoulias, Konstantin Simitis, Giorgios Mangakis, Anna Psarouda- Benaki, Philippos Petsalnikos, Pavlos Bakoyannis, Tassos Gannitsis... Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.
  3. Die deutsche Politik. Viele von uns aufbegehrenden jungen Leute und vor allem Studenten sahen mit Erstaunen, dann Freude, ein wie große Zahl von deutschen – vorwiegend sozialdemokratischen aber auch liberalen Politikern und Ministern nicht nur gegen die Junta Stellung bezogen, sondern auch konkret halfen. Denn eines ist deutliche, öffentlich wirksame Resolution und das andere ist konkrete Unterstützung, wenn man sie dringend braucht.
    An der Spitze war es ohne Zweifel Willy Brandt – zunächst als Außenminister, dann Bundeskanzler – er hielt gegen die Junta und unterstützte uns. Das war nicht nur seinen Sozialdemokratischen Überzeugungen geschuldet, sondern auch seinem Lebenslauf. Er selbst war in einer abenteuerlichen Flucht im Ruderboot über die Ostsee den Schergen der Nazis entkommen hatte die Härten der Emigration und des häufig illegalen politischen Widerstandes gegen Hitlerdeutschland durchgestanden. Es gab Kritik an ihm, weil Deutschland in dieser Zeit keine offensive Haltung in der NATO vertrat – aber viele von uns jungen hatten nicht im Kopf, wie viele Handlungsmöglichkeiten ein nicht souveränes Deutschland hatte, wenn zwei seiner Besatzungsmächte – die USA und das Vereinigte Königreich – sehr wohl über den Putsch informiert waren. Ich selbst habe noch von Willy Brandt als junge Abgeordnete anlässlich der Raketenstationierung eine persönliche Einführung im kleinen Kreis über die Souveränität Deutschlands und die Handlungsmöglichkeiten deutscher Regierungen im geteilten Deutschland erhalten: da hatte ich ihn besser verstanden, wenn auch zähneknirschend.
    Volkmar Gabert, der Landesvorsitzende der bayrischen SPD gab jede Unterstützung – auch im Rundfunkrat dem Leiter der griechischen Sendung Pavlos Bakoyannis. Gabert hatte als Sudetendeutscher zuerst von 1933–1939 den Exilvorstand der SPD in Prag organisatorisch unterstützt und ging dann ins Exil nach London. Wir haben jede Unterstützung für PAM und PAK in München bekommen – und das war wegen München als wichtigem ersten Anlauf- und Schmuggelort für die Verfolgten bedeutsam.
    Die Bundesregierung, die SPD und Liberale (Hildegard Hamm-Brücher) im Landtag und die Vertreter der Stadt München halfen, wo Hilfe erbeten und notwendig war. Namen aus dieser Zeit, die in der Politik dann überregional sichtbar wurden: Christian Ude, Rudi Schöfberger, Jannis Sakellariou und Sigrid Skarpelis-Sperk.
    Bayern nehme ich natürlich nur als Beispiel, weil ich weiß, dass auf diesem Symposium noch viele andere, vor allem aus Nordrhein-Westphalen, Hessen und Niedersachsen sprechen werden.
  4. Die deutschen Gewerkschaften. Bei den deutschen Gewerkschaften lief die Unterstützung für die griechischen Demokraten schnell und effektiv. Vor allem die IG Metall war ohne Zweifel einer der wichtigsten Unterstützer. Dabei lief es dort nicht so, wie ich es sonst erlebte: zuerst entscheidet der Vorstand und dann läuft es. Natürlich war mit Max Diamant einer der wichtigsten Unterstützer für die griechischen Demokraten hilfreich und mehr als aktiv. Das sicher auch seinem Schicksal als Emigranten und aktivem Demokraten geschuldet. Aber die Betriebsräte bei BMW, Knorr-Bremse u.a. haben nicht erst mal nachgefragt, ob ein Vorstandsbeschluss schon gefasst war, sondern haben dem bayrischen Verfassungsschutz und den Schlägern der Junta sofort und energisch Paroli geboten. Und das, war wohl überall im Bundesgebiet und nicht nur bei den Metallern.
  5. Die 68er – deutsche rebellische Jugend. Uns Junge bewegte damals sicher auch die Erinnerung an Griechenland als dem Geburtsland der Demokratie. Aber Parthenon und Perikles waren den meisten „rebellischen“ Studenten weniger wichtig, als der Abscheu vor der Diktatur Nazideutschlands und ihren Konsequenzen für unser Land. Wir fanden es unerträglich, dass viele ihrer Repräsentanten noch immer in wichtigen Positionen saßen und nichts erklärten und nichts entschuldigten. Und ein Franz Josef Strauß offen die Junta in Schutz nahm und die Diktaturen in Spanien und Portugal.
    Wir hatten den Weg von Europa nach dem Krieg zu Demokratie und Frieden für rundum vernünftig gehalten und „mehr Demokratie wagen“ nicht als erfreuliches Experiment, sondern als notwendigen Schritt in unserer deutschen Geschichte – und dann eine Militärdiktatur in unserem Europa mit Unterstützung der NATO. Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg und dann das!
    Als stellvertretende AStA-Vorsitzende der Universität München, im Studentenrat der Münchner Hochschulen – traf ich nie auf den geringsten Widerstand, nur auf Unterstützung. Die Kunstakademie malte die Plakate mit den Slogans, die sich die Philosophische Fakultät ausgedacht hatten. Die Technische Hochschule – die Architekten und Maschinenbauer – schauten, dass das auch zusammengefügt und „zusammengebastelt“ wurde und die Ökonomen und Sozialwissenschaftler redeten mit unserer Gewerkschaftsjugend und den politischen Studentenorganisationen, dass das nicht allzu üppige Geld für die Demo und die Musik organisiert war.
  6. Die deutschen Intellektuellen und die deutschen Journalisten. Die meisten bedeutenden Zeitungen und Zeitschriften – von der SZ bis zur FR, vom Spiegel bis zum Stern – und nahezu alle Literaturzeitschriften unterstützten die Demokraten und bezogen deutliche Stellung gegen die Obristen. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender: an ihrer Spitze die DW und der BR mit Pavlos Bakoyannis. Wenn, man die doch eher distanziert-neutrale Berichterstattung des BBC bedenkt, kann man verstehen, wie wichtig die Berichterstattung der DW für Griechenland und des BR für die „griechischen Gastarbeiter“ war.
    Künstler und Intellektuelle bedeutenden Ranges bezogen für die Griechen Partei und begaben sich sogar wie Wallraff in Gefahr für Leib und Leben. Zwei spätere Nobelpreisträger, Heinrich Böll und Günter Grass, Maler, Musiker und jede Menge deutscher Professoren standen auf unserer Seite – wir waren nicht allein

Von alle dem ist nur wenig in Büchern oder Artikeln zu finden. Die einzigartige Geschichte der vielen „kleinen Leute“, der Griechinnen und Griechen und ihrer deutschen Unterstützer und Unterstützerinnen: ihr Mut, ihr Organisationsvermögen und Durchhalten, ihre Fähigkeit zur gegenseitigen Hilfe in schwierigen Zeiten soll und darf nicht vergessen sein. 

Wir als kleine VDGG haben nicht die Kapazitäten und das Geld eine umfassende Geschichte dieser Zeit zu schreiben und unser Beitrag im antidiktatorischen Kampf beschränkte sich auf einige Gesellschaften, aber wir versuchen, mit diesem Symposium mit zu helfen, dass dieser Kampf für die Wiederherstellung für die Demokratie in Griechenland, die breite Unterstützung für die mutigen Menschen, ja auch Helden, die gegen die Diktatur gekämpft haben, nicht vergessen wird. Solange Zeitzeugen noch leben und der jungen Generation ihre Erfahrungen mitgeben können, ist es unserer Meinung nach wichtig, daran zu erinnern, dass wir

  • Gemeinsam stark gegen Diktaturen und soziales Unrecht kämpfen können und müssen,
  • dass es nicht nur die großen Namen sind, die Helden, die das Schicksal der Völker wenden, sondern die Zusammenarbeit und Hilfe der Vielen für sich und ihre Kinder.

Vortrag der Präsidentin der VDGG, Frau Sigrid Skarpelis-Sperk
beim Symposium der Vereinigung der Deutsch-Griechischen Gesellschaften (VDGG) 
am 18. November 2016 in Hannover.