#Editorial

09.05.2017

documenta 14: Von Athen lernen — © 2017 documenta

documenta 14: Von Athen lernen — © 2017 documenta

Seit einem Monat und noch bis Mitte Juli befindet sich Athen im Epizentrum der internationalen Kunstszene, als eine der zwei Bühnen der documenta 14, die zum ersten Mal nicht nur in Kassel zu Hause ist. "Von Athen lernen": So lautet das vielzitierte Motto, unter dem Adam Szymczyk, der Künstlerische Leiter der diesjährigen documenta, bereits 2015, auch im Rahmen der zweiten CeMoG Lecture, die Doppelstruktur der Ausstellung vorstellte. Aber was heißt das eigentlich? Eva Stefani und Aristide Antonas, die als Lehrbeauftragte an der Professur Neogräzistik tätig sind und mit dem CeMoG kooperieren, sind am Programm der documenta mit ihren Werken beteiligt und haben für uns ihre Ansichten und Gedanken darüber formuliert.

Η documenta 14 είναι η κορυφαία έκθεση σύγχρονης Τέχνης που διοργανώνεται κάθε πέντε χρόνια στην πόλη Κάσελ της Γερμανίας. Η φετινή διοργάνωση πραγματοποιείται ταυτόχρονα και στην Αθήνα, η οποία είναι η πρώτη πόλη στην ιστορία του θεσμού που παίρνει ισότιμη θέση δίπλα στο Κάσελ, ως έδρα της έκθεσης. Η Εύα Στεφανή και ο Αριστείδης Αντονάς, συνεργάτες της Έδρας Νεοελληνικών Σπουδών του Freie Universität Berlin, συμμετέχουν με έργα τους στην documenta 14 και καταθέτουν τις σκέψεις τους σε δύο κείμενα που έγραψαν ειδικά για το Ενημερωτικό Δελτίο του CeMoG.

Aristide Antonas: Die d14 sendet ein anderes Denken als die vorherigen aus

Jeder Verweis auf die documenta 14 in Athen birgt in sich die Verpflichtung, weit über die einfache Kommentierung einer Ausstellung hinausgehen. Als Langzeitaktion bestimmter Personen in der Stadt wirkt die d14 seit etwa drei Jahren bis heute in jenem zeitlichen Rahmen, der zum Nachdenken über die Besonderheit des halböffentlichen Charakters einer Langzeitaktion auffordert: Das ist der Charakter, den sie sich selbst ausgesucht hat. Und: Die Prioritäten der d14 werfen Fragestellungen auf, die dazu führen können die gegenwärtige Kunstszene aufgrund genau dieser Entscheidung neu aufzustellen und neu zu bestimmen. Die Kunst hat sich die Figur des Subalternen zu eigen gemacht, hat jedoch diese Figur zu einer entfernten, betroffenen Person umgewandelt: der eines abstrakten Ehrengastes der künstlerischen Produktion der letzten Jahre. Die d14 unternimmt den Versuch, die Beobachtungsposition im Hinblick auf die Figur des Subalternen zu wechseln und weist damit ohne große Anstrengung nach, dass mit der Verschiebung des Beobachtungsstandpunktes der Diskurs über Schwäche jegliche gönnerhafte Logik erschwert.

Der Titel "Von Athen lernen" wirkt auf unterschiedlichen Ebenen: als Provokation für das deutsche Publikum, das aufgefordert ist, das gängige Vorurteil über Athen zu überwinden. In vielen Fällen wird eine solche erkenntnistheoretische Interpretation Athens in Deutschland als einfaches Paradoxon erachtet: Es gibt nichts, was die Deutschen von Athen lernen könnten. Die lokale Gruppe der d14-Künstler wiederum hat daran gearbeitet, die Art zu erkennen, in der Athen sich selbst als südländisch empfindet, aber auch daran, Athens Sensibilität auch als Ort des Nordens im Vergleich zu anderen Regionen nachzuspüren.

Die Gruppe der d14 meint mit der spezifischen erkenntnistheoretischen Interpretation von Athen nicht die einfache Vertiefung in Athener Probleme. Vielmehr wird versucht – mit Athen als Zentrum (ein besonderes Beispiel unter anderen) – dem Umstand eines anders in Szene gesetzten Kolonialismus zu begegnen. Die Betonung des Regionalen führt also erneut zu einer Verallgemeinerung. Die Verwendung der Perspektive eines besonderen Blickes aus dem Süden und die Annahme eines anderen Blickwinkels als des typisch europäischen, des deutschen, des nördlichen, bildet den wichtigsten Punkt des Vorschlags, den die d14 im Laufe der letzten Jahre entwickelt hat.

Ausgehend von dieser Verschiebung des Blickes, der die Welt von Kassel aus betrachtete, zu einem Blick, der von "woanders" ausgeht, öffnet sich die d14 einer Summe kritischer Fragen – nicht nur zur Kunst, sondern zur sich rapide verändernden Situation des Planeten. An den Rändern eines hegemonialen Rahmens wird eine Perspektive "desjenigen, dem selbst Unrecht getan wird", desjenigen also, der selbst von diesem Rahmen betroffen ist, ausgelotet. Um einen gönnerhaften Eindruck bzw. die Robin-Hood-Logik zu vermeiden, der zufolge ein Dritter Lösungen für den Betroffenen übernimmt und damit zum neuen Helden wird, wirkt die d14 folgendermaßen: Sie senkt die Intensität ihrer eigenen benannten Interventionen. Sie erschöpft sich nicht in aggressiver Rhetorik gegen das Hegemoniale: Sie rekonstruiert einen Blick, der sich auf Orte südlicher des Südens richtet. Sie fokussiert ihre Aufmerksamkeit auch auf nicht-hegemoniale Orte, die im Schatten bleiben.

Mein Werk für die documenta 14 ist vielfältig. Es reiht sich ein in eine Reihe von Arbeiten der letzten Jahre mit dem Titel Leere Universität. Die Leere Universität verstehe ich als einen unsichtbaren Lagerraum mit Gegenständen, eine Reihe von Plattformen, die die Gegenstände aufnehmen, und einige Pläne für ihre Umgruppierung: Ein Handbuch gibt also der Inszenierung der Gegenstände die Richtung vor: Wie ein Hilfsmechanismus, der Situationen einrahmt, trachtet die Masse der Gegenstände, die ich entworfen und ausgewählt habe, nach Möglichkeiten, zwar vorskizzierte, aber fließende Begegnungsinstallationen zu schaffen. Die konkreten Gruppen von Gegenständen werden in groben Formen in Szene gesetzt: Sie repräsentieren in kleinem Maßstab eine Theatertypologie, die behelfsmäßig große architektonische Eingaben der Vergangenheit ersetzt. Das Amphitheater beispielsweise wird zu einer Reihe von Aufstellungen von Mikrofonen, behelfsmäßigen Sitzgelegenheiten, Bildschirmen, Lautsprechern und Scheinwerfern umgewandelt, die auf bestimmte Art in Szene gesetzt sind. Spezifische Plattformen bieten sich als Bühnen für die Aufstellung der Gegenstände in besonderen Räumen an.

Die erste Installation, die ich für ein halböffentliches Programm der d14 im Prevelakis-Saal der Kunsthochschule in der Patissionstraße verwirklicht habe, trug den Titel Das Prinzip der Zusammenkünfte (The Principle of Gathering). Es handelt sich um eine wandelbare Installation, die Positionen und Szenarien zur Lagerung von Gegenständen und der elektrischen Ausstattung organisiert. Sie erinnert an eine Partitur zur Umwandlung von Räumen, die von einer handgefertigten Gebrauchsanweisung gesteuert werden.

Die zweite Installation fand in der Alten Bibliothek der Kunsthochschule in der Piräusstraße statt. Sie ist eine Installation der Leeren Universität aus Hüllen für Aktionen, die sich durch bewegliche Elemente neu anpassen lassen. Für diese Installation wurde Material aus der alten Bibliothek sowie Gegenstände aus dem Lager verwandt, die bereits Teile der Geschichte der d14 bilden. Die zweite Installation spricht auf besondere Art und Weise von der alten Bibliothek der Hochschule der Künste, aber auch vom Wirken der d14 im Prevelakis-Saal, wohin sie für die Dauer der d14 in Athen umgezogen ist, und auch über die Zukunft der Hochschule, die nach der documenta nicht mehr dieselbe sein wird.

Die documenta 14 präsentiert in Athen vielfältiges Material für die unterschiedlichsten Lesarten und Reaktionen. Unter Vielem, was bis heute meine Aufmerksamkeit erregt hat, sticht die Installation der Fotografin Gauri Gill im Epigraphischen Museum von Athen hervor. Die Koexistenz ihrer Fotografien mit dem vorhandenen Material der ständigen Haussammlung und die Integration des Raumes in die Besuchserfahrung zeigen ein Ausstellungsprojekt, das das Vorhandene und das Neuhinzugekommene auf eine Weise gleichschätzt, die einen neuen Begriff von Zusammentreffen entstehen lässt. Es ist das Potential unterschiedlicher Palimpseste, die die Athener Situation interpretieren und verwandeln, das den Mittelpunkt bildet, von dem aus die d14 ein anderes Denken als die vorherigen aussendet.

Aristide Antonas
Übersetzt aus dem Griechischen von Anna Lazaridou


Eva Stefani: Über meine Beteiligung an der documenta 14

Seit dem Beginn der documenta 14 in Athen ist fast ein Monat vergangen und die grundsätzliche Dissonanz, die sich im Mikrokosmos der Künstler artikuliert, hat mit der Frage zu tun, ob die documenta eine Dialogmöglichkeit mit der internationalen Kunstszene darstellt, oder ob es sich dabei um eine Form des kulturellen Imperialismus handelt. Wenn ich bei solchen Streitgesprächen dabei bin, ist der Satz, der mir am ehesten in den Sinn kommt, das berühmte Zitat von William Blake: "To generalize is to be an idiot". Verallgemeinerungen, Vereinfachungen und laute Töne sind die Kennzeichen dieser Dispute – ernster oder weniger ernst. Um nun einer Verallgemeinerung zu entgehen, werde ich mit ein paar Worten auf meine eigene, unverhoffte Teilnahme zu sprechen kommen. Ich nehme an der documenta 14 mit einem Video in Athen und mit zwei Arbeiten in Kassel teil. Das zwölfminütige Video mit dem Titel "Manuskript", das im Athener Konservatorium abgespielt wird, bildet einen Streifzug durch das Zentrum von Athen ab. In diesem Film habe ich mit einer hybriden Art experimentiert, die das Beobachtungskino mit Archivmaterial kombiniert, found footage und Familien-Super-8-Streifen. Was mich interessierte, war die Gegenüberstellung öffentlicher und privater Rede sowie die Angelegenheit der Konstruktion des "ehernen" Kollektivgedächtnisses in der Gegenüberstellung zur bruchstückhaften individuellen Erinnerung. In Kassel wird "Akropolis" (2004) vorgeführt. In diesem Film habe ich Ausschnitte verschlissener, alter Pornofilme und Archivmaterial aktueller verwandt und damit einen Kommentar zum Bezug von Pornographie und Geschichte und die jahrhundertelange ideologische und nationalistische Ausbeutung des namengebenden Monumentes auf die Beine zu stellen versucht. Gemeinsam mit „Akropolis“ wird ein weiterer Film vorgeführt mit dem provisorischen Titel "Karyatis". Unter den vielen Arbeiten der Documenta 14, die mich beeindruckt haben, ist mir besonders die Arbeit des 80-jährigen David Harding in Rizari aufgefallen, die von Becketts Gedicht an seine Geliebte in Kassel inspiriert wurde; auch der Umbau von Zafos Xagorakis, der noch in Arbeit ist, am 8. Athener Lyzeum; und schließlich der gestickte "Tempel des Verlustes" von Mounira Al Solh aus dem Libanon im Museum Islamischer Kunst.

Eva Stefani
Übersetzt aus dem Griechischen von Anna Lazaridou