#Lesestoff

04.10.2018

Dichtung mit Biss

Dichtung mit Biss
Bildquelle: Yorgos Konstantinou

Wie viele Romane haben Sie zweimal gelesen? Wie viele vertonte Prosatexte haben Sie als Lieder wieder und wieder gehört? Wie viele Romansätze haben sich in unserem alltäglichen Sprachgebrauch etabliert? Gedichte sind dafür gemacht, dass sie mehrmals gelesen, in Musik gekleidet und rezitiert werden, bis sie sich als geflügelte Worte in unsere Sprache einnisten. In diesem Newsletter geben wir Ihnen reichlich Verse mit auf den Weg durch den fortschreitenden Herbst: Verse, die aus zwei neuen Büchern der Edition Romiosini stammen und Verse aus der Odyssee des griechischen Klassikers Nikos Kazantzakis, einer Wiederentdeckung des Berliner Elfenbein-Verlags.

Τους τελευταίους μήνες κυκλοφόρησαν σημαντικά βιβλία με μεταφράσεις ελληνικής ποίησης στα γερμανικά. Η φθινοπωρινή έκδοση του newsletter μας προσφέρει μια επιλογή.

Miltos Sachtouris

Die Vergessene

I
Es ist dieses Rinnsal kein Rinnsal von Blut
es ist dieses Schiff kein Sturmschiff
es ist diese Wand keine Wand der Lust
es ist dieser Brosamen kein Brosamen von einer Feier
es ist dieser Hund kein Blumenhund
es ist dieser Baum kein elektrischer Baum
es ist dieses Haus kein Haus des Zogerns
Es ist die weise Greisin keine todgeweihte Greisin
Ist ein Loffel susen Weins Starke der Freude
fur das Leben der Vergessenen

II
Die Vergessene offnet das Fenster
offnet ihre Augen
unten fahren Lastwagen mit schwarzgekleideten Frauen vorbei
die ihr nacktes Geschlecht zur Schau stellen
mit einaugigen Fahrern die ihr auf
Christ und Jungfrau fluchen
die schwarzgekleideten Frauen wollen ihr ubel
auch wenn sie ihr blutige Nelken zuwerfen
aus dem Aufruhr des Gartens ihrer Lust
aus dem Verdunsten des Benzins inmitten der Rauchwolke
die Fahrer
zerreisen die Wolke und nennen sie Hure
doch sie ist eine kummervolle Jungfrau
die ihren Geliebten in den Ikonen hat
so wie ihn die Zeit bewahrte
mit den Kerzen aller Verratenen
die in den Tod gingen zwischen den Margeriten und Kamillen
mit Zugehfrauen Dienern und Sternen der Berge
mit Schwertern die Halse und Palmen durchschlugen

III
Die Vergessene streckt ihren weisen Arm aus
ergreift aber ein farbiges Stuck Glas und singt
– Ich rufe nicht im Traum nach dir
sondern aus den Scherben dieser vielfarbigen Glaser
aber du gehst immer fort
jetzt macht mir dein Gesicht wahrhaftig Angst
so beharrlich ich diese zerbrochenen Glaser auch zusammenfuge
kann ich dich doch nicht mehr vollstandig sehen
manchmal erschaffe ich nur deinen Kopf
unter tausend anderen wilden Kopfen die mich entfremden
manchmal nur deinen geliebten Korper
unter tausend anderen verstummelten Korpern
manchmal nur deine gesegnete Hand
unter tausend anderen ausgestreckten Handen
die meine Beine unter dem Rock peinigen
mir die Augen mit schwarzen Tuchern verbinden
mir befehlen loszugehen meinen Kopf nicht zuruckzuwenden
deine Augen in Scherben gehen zu sehen

IV
Die Vergessene in der Tiefe ihres siegreichen Schlafs
mit einem Apfel in der rechten Hand wahrend die andere das Meer streichelt
entfaltet plotzlich ihre schonen Augen
ist nur ein Windstos ein Kanonendonner
ist der Radfahrer seine Geliebte und der Blumenstraus
ist das Stohnen des Herzens Rauch der Bergwerke
der Hass die Korper die sich gierig vereinen und versinken
ist ein ungeheurer Kuss an den Grenzen der Lust
wo in den Mohnblumen verstreut funf Tode weilen
ist der Schatten ihres Geliebten der voruberging

V
Diese Worte wird die Vergessene nach vierzig Jahren
entwurzeln. Und soll ich sagen dass sich auf dieser
Strase Wunder ereignen? Nein. Wunder
ereignen sich einzig in verwunschenen Kirchen
Soll ich von diesem Menschen sprechen der zu einem Baum wurde
und von seinem Mund aus dem Blumen wuchsen? Ich schame
mich und muss doch sprechen auch wenn man mir nicht glaubt
Der einzige der mir hatte glauben konnen wurde ge–
totet dort vor dem Altar von so ein paar nackten Jungen
mit Steinen toteten sie ihn. Sie wollten einem Wolfshund
eine Wunde schlagen wollten ein Lied singen wollten
eine Frau kussen. Jedenfalls haben sie ihn getotet und
schnitten ihn mit einem Schwert in zwei Teile. Von der Taille
aufwarts stellten sie ihn als Skulptur auf in einem Fenster.
Von der Taille abwarts brachten sie ihm bei zu laufen wie
die Kleinen die anfangen. Zur Skulptur erschien er nicht
wurdig denn seine Augen vermochten nicht weis zu werden.
Seine Beine wiederum machen einen Haufen Unsinn
und erschrecken die Frauen die es am Fenster Nacht werden
lassen. Jetzt sind neben seinen Lippen zwei kleine
bittere Blatter entsprossen. Tiefgrun. Ist er Blute
oder Mensch? Mensch oder Skulptur? Ist er
Skulptur oder verborgener Tod? Diese Worte
wird die Vergessene nach vierzig Jahren entwurzeln.

VI
Die Vergessene ist der Soldat der gekreuzigt wurde
die Vergessene ist die Uhr die stehenblieb
die Vergessene ist das Reis das entflammte
die Vergessene ist die Nadel die brach
die Vergessene ist der Karfreitagsepitaph der erbluhte
die Vergessene ist die Hand die Spuren grub
die Vergessene ist die Wunde die erschauerte
die Vergessene ist der Kuss der erkrankte
die Vergessene ist das Messer das sein Ziel verfehlte
die Vergessene ist der Schlamm der trocknete
die Vergessene ist das Fieber das fiel


Herbstlandschaft

Es wutet ein verteufelter Wind
und der Regen will nicht fallen
zwei Teufel zerfetzen einander
zwei Hunde zerreisen einander
in diesem Jahr ging ich nicht aufs Land
aber im nachsten Jahr werde ich hinfahren
auf der Strase zur Ewigen Ruhe
die Versicherungsbeitrage sind gestiegen
die Benzinpreise sind gestiegen
achtet auf die Toten!
und nun fing der Regen an zu fallen.


Der schwarze Hahn

Es lachte
der schwarze Hahn
als man ihm sagte
dass er geschlachtet wurde
aber als die Stunde kam
seine schwere Stunde
weinte der schwarze Hahn
weinte der schwarze Hahn.


Hotel »Zur Hoffnung«

Etwas fern von Athen steht das
Hotel ≫Zur Hoffnung≪. Jeden Abend
um Mitternacht weinen in dem Hotel
zwei Gespenster. Dieses Elend lasst den
Hotelier verzweifeln, denn verstandlicherweise
verschreckt das, was geschieht, die
Kundschaft und es ist ein Wunder dass
das Hotel noch geoffnet hat.
Was fur Weihen, aber auch was fur Exorzismen
hat der Besitzer nicht versucht,
doch UMSONST.
Jeden Abend um zwolf, zur Mitternacht
beginnt das herzzerreisende Weinen
der beiden Gespenster.

Aus: Miltos Sachtouris, Die Uhren wechselten die Richtung. Edition Romiosini, 2018.
Übersetzung: Torsten Israel

Dichtung mit Biss


Dimitris Leontzakos

Deinen Lyrismus werde ich in Stücke hauen
Ich habe schräg getrunken spät

Mit senkrechten Zärtlichkeiten
Mit geschlossenen Augen
Mit kalten Küssen

Diagonal
Er wird leuchten wie erloschen
Ungelöscht im ungelöschten Kalk

Mein fanatisierte Liebe
Mein Silberding

Leuchtest als Blinder
Und keiner sieht es bei dir sagt es dir

Nur ich

Du mein schattiges unbewegtes
Verborgenes Wasser

/ sprechen während dir der Pfeil der Zeit
zwischen den Augen steckt /


Lena Kallergi

Schiffskorso

Es gibt immer ein Schiff
in der Tiefe unseres Denkens.

Eines das uns in die Ferne führen
eines das Ruhe bringen würde.

Jedes Bild von ihm fehlt.
Seine Route unbekannt.

Bis wir es entdecken
entfernen sich die mythischen
Schiffe immer mehr:

Die Argo, die Medusa,
die Niña, die Pinta, die Santa Maria,
die Paralos, der Fliegende Holländer,
das Waldschiff
Robinsons Floß, die Nautilus
die Syrakosia, die Titanic
Cousteaus Calypso
und die Arche, langsam und würdevoll,
die wieder ihre doppelte
Bestimmung erfüllt.

Nicht unterzugehen.
Zu reisen.


Dimitris Allos

Fahrtroute

stehen geblieben die Uhr
zähle die Atemzüge

Es gibt gewisse Schiffe die vorüberfahren
die schwarz den Horizont zerteilen
bis eines Tages ich eines sah
das den Kurs wechselte und gerade
auf mich zu hielt

als ich seine Geschwindigkeit berechnete
machte ich etwas mehr als
nötig war

denn ich fürchtete mich

Geraten die gebändigten Gipfel zweier Möglichkeiten in Wallung ist
das was brechen wird weder die ringgeflochtene Insistenz der Wirk–
lichkeit noch die Insistenz des Schreibens ∙ sondern wie hoch
über deinem Kopf dein schönes Denken reiste

was das Schiff betrifft

es scheiterte

an diesen wenigen zusätzlichen Schritten
die ich damals noch machte – denn damals
fürchtete ich mich wirklich

und das schwere schwarze leere Schiff löste sich auf
im Feuerwerk des (dröhnenden) Lachens
eines Mannes der

sich mit beiden Händen den Bauch hält

jetzt ∙ ich fürchte mich nicht

Taste nach der Form meines Kopfes
aus Neugier

Kallia Papadaki

lavendel im dezember

nichts stehen geblieben von dem was sie hatten
die bar in tivoli heißt nicht mehr pongo
die parties verstummt auf dem parkett des old jim
und so versank annandale im hudson

john hieß er
gemeinsam machten sie engel
auf dem ersten schnee im november
sie liebte ihn
das ist er hatte so etwas dunkles
träumte davon priester zu werden
um durchzukommen dealte er

mitte februar
beide betrunken
flüsterte er ihr, dass er auf männer steht
männer oder jungen, fragte sie ihn
sie wollte wissen, ob sie hoffen durfte
er küsste sie
mädchen, dein schweiß riecht nach lavendel
die jungen riechen nach dem lohen des sommers
sagte er ihr und umarmte sie

in ihrem letzten gemeinsamen sommer
mit dem cadillac auf der straße
von new york nach san francisco
hatte jeder der beiden einen wunsch –
dass der sommer ewig dauern möge

Katerina Iliopoulou

Die Sirene
Die Laken sind weiße Seiten.
Jeden Abend schreibt er unermüdlich.
Füllt sie fieberhaft
wie man es von den Dichtern sagt.

Aber am Morgen sind die Laken unbändige Tiere.
Sind Wellen, ein tosendes Meer, das sich zurückzieht.
Und oft taucht dort eine kleine Sirene auf.

Sie betrachtet ihn sanft und nimmt dann
ihre Augen heraus und hält sie ihm hin.
Zwei grüne Kugeln aus Glas.
Herr Tav wagt nicht, die Hände auszustrecken.
Aber was er sich sehnt nach ihrer Frische und was
                               seine Finger schaukeln, wie Algen.
Um sie zu berühren.

Ihre Augen würden all den Staub aufsaugen
der die Sanduhr der Zeit ist.
Sie würden das Blut zu Wasser machen
und den Kalk zu Kristall.

Das Angebot steht
aber Herr Tav schiebt das immer vor sich her.
Wer erträgt es zu leben in einem transparenten Haus?


Mittag

Erste Stimme (die Bildhauerin)

Zwischen den Bäumen gehe ich
Ein Baum in Flammen.

Beschreibe Kreise
Um den Taumel deines Falls nachzubilden.
Heißer Stein der du Wurzeln schlugst
Der du Zweige triebst

Woher fielst du zum Mund der Erde?
Der Wind der dich durchweht ist eine
Saite unter Strom die auf Schwalben wartet.

Die Stunde naht.
Die Bolzen knarren
Die Muttern werden fester
Und das Fell spannt sich
Damit die gewaltige Trommel erklingt.
Damit die Seile reißen.

Wenn die Fahrt beginnt, werde ich dein Ballast.


Mittag

Zweite Stimme (der Garten)

Du musst sehr hart werden um das Fließen zu umfassen
Um eine so zartgrüne Zukunft zu sichern.

Doch jede Eidechse versteht es
Den Moment abzuwarten
In dem die Materie zurückweicht

Ein unmerkliches Beben
Vergessen tief im Schlaf der Kinder

Die Mühlsteine mahlen:

Blätter Wurzeln Gefieder
Schauder Früchte Schwingungen

Taumel erregend
Lautlos
Mahlen sie

Aus: Maria Topali (Hg.), Dichtung mit Biss. Griechische Lyrik aus dem 21. Jahrhundert. Edition Romiosini, 2018.
Übersetzung: Torsten Israel

Nikos Kazantzakis

Nikos Kazantzakis: Odyssee

Ein neuer, strahlender Dysséas steigt also aus dem Bad. Seine Heimat ist ihm erneut eng geworden. Er überlässt die Herrschaft seinem Sohn Telemach und bricht nach Sparta auf, um die schönste Frau, Helena, zu rauben. Die nächste Station ist das minoische Kreta, dessen Prunk in Auflösung begriffen ist. Der Aufstand der Sklaven, die den Palast von Knossos in Brand stecken, ähnelt der noch gewaltigeren Revolte gegen das ägyptische Königreich, an der Dysséas teilnimmt, um dann tiefer nach Afrika vorzudringen. Seine Gefährten sind nicht nur abenteuerlustige Freunde, sondern grausame, oft verzweifelte Mitstreiter, welche sich vor nichts erschrecken lassen, auch nicht vor den Göttern: Sie werden immer wieder niedergerissen und erneut erhoben (der Protagonist heißt oft »Gottesmörder «, vgl. XXIII, 275). Im dreizehnten Gesang ist Dysséas an den Quellen des Nils angekommen, im fünfzehnten gründet er einen Staat nach platonischem Vorbild, im zweiundzwanzigsten ist er auf dem Weg zum Südpol, wo er den Tod findet — als Vollendeter, als einer, der den Tod gut kennt, so dass er ihn nicht mehr fürchtet.

Aus dem Geleitwort von Thanassis Lambrou zu Kazantzakis Odyssee


Erster Gesang

Nachdem er sie dahingemäht, die stolzen Freier, in den Höfen,
hing er den satten Bogen auf und wandte sich zum warmen Bad,
um reinzuwaschen seinen Leib von des gewaltgen Kampfes Spuren.
Zwei Mägde warteten des Bads, doch als sie ihren Herrn erblickten,
da schrieen sie laut auf; sein Bauch und seine mächtgen Glieder dampften,
und von den starken Händen rann und tropfte schwarzes Blut herab.
Der Mädchen blanke Kupferkrüge rollten klirrend auf die Fliesen.
Da lacht der Vielumhergeirrte zärtlich unterm Stachelbart
und winkte mit den Augenbrauen, dass die Mädchen ihn verließen.
Im lauen Wasser weilt er lang, und seine Adern dehnten sich
wie Flüsse aus in seinem Leib, und mählich kühlten sich die Lenden.
Sein großer Geist ward heiterklar und ruhte von dem Kampfe aus.
Ein Wohlgefühl durchströmte ihn, mit duftgem Öle rieb er sanft
den salzgegerbten Körper ein, salbt auch sein Haupt, sein langes Haar,
und in das winterstarre Fleisch kehrt blühnde Jugendkraft zurück.
An goldköpfigen Nägeln, die im duftgen Schatten funkelten,
glänzten die Kleider ihm entgegen, die sein treues Weib gewoben,
verziert mit Dreirudrern, mit Göttern und mit eilig fliehnden Winden.
Bedächtig wählend streckt er nun die sonnverbrannte Hand aus, nimmt
das goldenflammendste von allen, wirft sichs um die mächtgen Schultern
und, dampfend noch vom warmen Bade, öffnet er und tritt ins Freie.
Geblendet waren da die Knechte, die im Schatten lungerten,
und selbst die rauchgeschwärzten Balken spiegelten den starken Glanz.
Penelope, die stumm und bleich auf ihrem Throne wartete,
wandt ihm das Auge zu und sah — und ihre Kniee zitterten:
»Nicht dieser Mann ist es, o Gott, den ich ersehnte Jahr für Jahr!
Ich seh ein Drachenungeheuer wandeln im erschrocknen Haus!«
In seiner klugen Seele merkt der Bogenzieler das Entsetzen
der armen, unglücklichen Frau und spricht zur aufgeregten Brust:
»Dies ist die Frau, o Herz, die auf dich wartete, damit du die
geschlossnen Kniee öffnetest und sie umarmtest, tränenfroh;
nach der dein Sehnen ging, als du mit wilden Meereswogen kämpftest,
mit Göttern und den tiefen Stimmen deines ewgen Geistes rangst!«
So sprach er, doch sein Herz blieb starr in seiner schmerzbetäubten Brust.
In seinen Nüstern dampfte noch die heiße Wut des frischen Mordens,
und noch sah er sein Weib verflochten mit dem Bild der jungen Leiber.
Sein scharfes Auge wurde trübe, als sein Blick sie wieder streifte.
Fast hätt er sie, im Mordgetümmel, mit dem Schwert durchbohren können.
Rasch ging er weiter, weilte stumm auf seines Hauses breiter Schwelle.
Die Sonne sandte herrscherlich den letzten Glanz und füllte rings
die Winkel und Gewölbe, sacht, mit rosigen und blauen Schatten.
Inmitten qualmte, opfersatt, der schwarze Altar der Athene,
und in den langen Gängen schwangen, bleich, mit vorgequollnen Zungen,
die aufgehängten Dienerinnen leise in der Abendkühle.
Gelassnen Augs schaut er die Nacht, die dunkle, sternenäugige,
wie sie mit ihren lock’gen Herden vom Gebirge niedersteigt,
und wie ein Traum versinkt in ihm sein mörderisches Tagewerk,
und das Geschwirr der Pfeile löst wie Nebel sich im Herzen auf.
Gesättigt leckte sich sein Tigerherz im Dunkelen die Lippen.
Nach frohgenossnem, lauen Bade war sein Geist gelassen-heiter,
er dachte weder an das Blut, das er vergossen, noch, in den
listreichen Winkeln seines Geists, wie er den Kopf, den schrecklichen,
aus den Gefahren retten könnte, die von neuem ihn umgaben.
Auf väterlicher Schwelle stehend, frisch vom Bade, sorgenfrei,
genoss der Leidgeprüfte friedlich diese heilge Abendstunde.
[…]

Aus: Nikos Kazantzakis, Odyssee. Ein modernes Epos. Elfenbein-Verlag, 2017.
Übersetzung: Gustav A. Conradi