Michaela Prinzinger

Michaela Prinziger

Michaela Prinziger

Transkript zum Interview mit Michaela Prinzinger


Griechische Literatur in Deutschland

Ich glaube im deutschsprachigem Raum gibt es ein großes Potenzial an Publikum für Kulturproduktion und Literatur aus Griechenland. Nur ist das noch nicht so richtig entdeckt worden und ich bin der Meinung, dass mit so einem Internetportal wir uns eine eigene Öffentlichkeit schaffen. Wir sprengen die engen Grenzen, die uns gesetzt sind durch die Lektoren von Verlagen, die wir überzeugen müssen, dass ein Buch gut ist, das z.B aber nur auf Griechisch erschienen ist. Wenn es keine Übersetzung in irgendeiner anderen Sprache gibt, sind wir schon fast an eine Wand angelangt, die wir kaum mehr durchbrechen können. Das Interessante ist ja oft, dass griechische Autoren, die in anderen Sprachen schreiben, dann viel viel eher wahrgenommen werden von deutschen Verlagen als Autoren, die nur hier auf diesem Markt publizieren. Was ich verstehen kann, denn die Lektoren können kein Griechisch, sie können sich auch nicht allein auf Gutachten verlassen, sondern sie wollen, das ist meine Erfahrung, den ganzen Text lesen. Und wenn der nicht verfügbar ist, dann ist das Problem schon mal vorprogrammiert.

Ich plane seit längerer Zeit bereits ein Internetportal, ein deutsch-griechisches Kulturportal. Und was ich möchte damit ist, einen anderen Ansatz angehen, als wir es bis jetzt gemacht haben mit den Bemühungen, die zeitgenössische griechische Kulturproduktion einem größeren Publikum im deutschsprachigen Raum nahe zu bringen. Das ist ein schwieriges Thema, es scheinen da bestimmte Klischees und Stereotypen dermaßen mächtig zu sein, dass es nahezu unmöglich ist, bei Verlagen oder bei Zeitschriften oder bei Presse offene Türen zu finden. Und so ist jetzt mein Ansatz, dann machen wir es andersrum, dann machen wir wirklich etwas, was beginnt als ein sehr „special-interest-Projekt“, aber auf diesem Wege und auch durch die Tatsache, dass es deutsch-griechisch sein soll, also wirklich eine Brücke bilden soll zwischen den beiden Kulturen, eine Plattform bieten soll für Kommunikation und Dialog und Austausch. Über diesen Weg möchte ich erreichen, dass die zeitgenössische, die ganz aktuelle Kulturproduktion auch von jungen Leuten mehr wahrgenommen wird im deutschsprachigen Raum. Da wird auch ein “who is who“ sein, so was wie eine kleine Wikipedia der Kulturschaffenden, wo sich dann deutsch- und griechischsprachige Kulturschaffende gegenseitig kennenlernen können, auf ihre Internetseiten gehen können, wo aktuelle Projekte vorgestellt werden, wo man eventuell Kooperationen sucht mit anderen Künstlern.

Das ganze Projekt, also „diablog.eu“ ist inspiriert von meiner Tätigkeit als Übersetzerin und ich finde dadurch, dass es ganz einfach zweisprachig sein soll, ist ja der Akt der Übersetzens, des Kulturvermittelns absolut im Mittelpunkt dieser ganzen Bestrebung. Was ich damit erreichen möchte, ist natürlich auch Literatur und literarische Texte, essayistische Texte, Songtexte find ich ganz spannend, die möchte ich auch gern übersetzen, weil über die Musik funktioniert ganz viel Kommunikation und viele Menschen, denen griechische Musik gefällt, also aus dem deutschsprachigen Raum, die wollen immer gern wissen, ja was, worüber singt denn der Sänger oder die Sängerin eigentlich da. Und es ist ja bekannt, dass sehr viel griechische Lyrik vertont wurde und es gibt eine ganz interessante junge Generation von Liedermachern und das finde ich spannend, diese Texte auch dem deutschsprachigen Publikum nahezubringen, zusammen mit der Musik. Dann wird ein großer Teil Interviews sein mit Menschen, die in diesem oder in jenem Sprachbereich tätig sind und da wird es natürlich eine Kommentarfunktion geben, wo die Leser und User des Portals ihre Meinung kundgeben können und das werden wir dann zusammenfassend übersetzen, sodass sich der Interviewte oder der Urheber des Textes dann auch nochmal abschließend äußern kann zu den ganzen Wortmeldungen.

Ich finde den Weg richtig, aus einem puren Literaturportal ein Kulturportal zu machen, weil ich der Meinung bin, dass ein reines Literaturportal einfach zu eingeschränkt wäre, zu eingeengt wäre und ich würde gerne auch jüngere Leute ansprechen. Leute, die sich eben für Musik interessieren, für Film interessieren, für Theater, Kunst interessieren, für Fotografie, für Tanz, für Architektur und die sozusagen indirekt dann zur Literatur verführen, also „da ist ein Gedicht, das könnte ich doch auch mal lesen” oder „da ist eine Erzählung oder ein Essay, das klingt interessant, da lese ich auch mal rein”. Ich denke, das ist ein guter Ansatz, das Publikum für Literatur zu erweitern.

Wie wird man LiteraturübersetzerIn?

Zum Übersetzen bin ich nach und nach erst gekommen. Zuerst war mein Ansatz eher Studium, Studienabschluss, Magisterarbeit, Doktorarbeit, also eine eher akademische Herangehensweise. Das mit dem Übersetzen, da war schon immer ein Interesse von mir da, aber ich hab es nicht ausgeübt, das hat sich dann durch die Tatsache ergeben, dass Griechenland Buchmessen-Schwerpunkt 2001 war. Im Vorfeld dessen war plötzlich Interesse da von Verlagen aus dem deutschsprachigen Raum für griechische Literatur, die vorher nicht so da war. Und dadurch bin ich zum literarischen Übersetzen gekommen. Also, das andere, das Fachübersetzen, das war vorher gar kein Thema für mich, das fand ich total langweilig und wollte mich gar nicht damit beschäftigen und ich dachte auch immer, das sind zwei völlig verschiedene Arten von Übersetzen, die überhaupt nicht zusammengehen, die kann man nicht parallel machen, war so meine theoretische Meinung. Im Verlauf der Zeit hat sich herausgestellt, es geht ganz wohl, man kann beides kombinieren. Ich habe das auch eine Weile gemacht, also seit 2005 war ich dann ermächtigte Übersetzerin und beeidigte Dolmetscherin für die griechische Sprache in Berlin und habe das auch ausgeübt. Und jetzt muss ich sagen, so nach acht Jahren, wo ich auf dem Gebiet tätig war, bin ich eigentlich so ein bisschen wieder an den Punkt zu sagen, ich möchte mich eigentlich wirklich hauptsächlich mit Kultur und Literatur beschäftigen und das Thema Fachübersetzen doch lieber wieder in den Hintergrund treten lassen.

Der Beruf

Wenn, nur die gute Übersetzung findet den Weg zum Leser. Das sollten auch alle Auftraggeber berücksichtigen, eine gute Übersetzung sollte auch gut bezahlt sein, anständig bezahlt sein, den Zeitaufwand einigermaßen rechtfertigen. Bei literarischen Übersetzungen wird der Zeitaufwand sowieso nie gerechtfertigt, aber sagen wir so mal, annähernd, einigermaßen, damit wir nicht das Gefühl haben, dass wir hier praktisch auf Putzfrau-Lohnniveau arbeiten. Ja, das ist ein ganz großer Punkt, die Qualitätssicherung der literarischen Übersetzungen vom Griechischen ins Deutsche. Das ist ein Punkt, der bislang nicht so sehr beachtet wurde.

In den letzten Jahren haben sich die Bemühungen immer mehr verstärkt, dass Übersetzer sichtbarer werden, mehr wahrgenommen werden, anerkannt werden, besser anerkannt werden. Wir sind auf einem guten Weg, glaube ich, und dieses Internetportal, das ich demnächst starten werde, das wird erheblich dazu beitragen. Es werden sich da große Möglichkeiten eröffnen für Kooperationen und gegenseitige Unterstützung. Ich finde es auch ganz wichtig, dass wir nicht jeder für uns vor unserem Computer sitzen und unser Ding machen, sondern dass wir uns vernetzen, dass wir miteinander in Verbindung sind, vor allem bei so einer kleinen Sprache. Jeder ist natürlich interessiert, Aufträge für sich zu akquirieren, das ist klar, aber wir haben auch ein gemeinsames Interesse, wir haben eine gemeinsame Liebe auch zu dieser Sprache und zu diesem Land - die verbindet uns. Und dadurch können wir uns auch gegenseitig unterstützen, eben auch in diesem Sinn vom gegenseitigen Lektorat. Ich werde auf jeden Fall immer Übersetzer und Lektorat nennen in diesem Portal. Und das finde ich auch wichtig bei den Verlagen, dass auch der Lektor namentlich genannt wird, weil er auch nochmal sehr viel beiträgt zur endgültigen Gestalt der Übersetzung. Natürlich, ich bin sehr gespannt, was die anderen Kollegen erzählen. Und das ist ein tolles Projekt, was jetzt von der Uni Thessaloniki und der FU Berlin initiiert wurde. Dass zum ersten Mal Übersetzer aus dem deutschsprachigen Raum zu Wort kommen, die über ihre Arbeitsbedingungen auch berichten können, über die Voraussetzungen. Das wird viel dazu beitragen - hoffe ich doch auch - von griechischen offiziellen Stellen, dass man sich durchringt, eine Übersetzungsförderung auf den Weg zu bringen. Theoretisch gab es diese Übersetzungsförderung in den letzten Jahren, das heißt, dass Verlage eine Subventionierung der Übersetzung eines griechischen Autors ins Deutsche beantragen konnten. Das ist ein unglaublich großer Köder für Verlage, weil Übersetzungskosten sind ein großer Teil der gesamten Produktionskosten eines Buches und wenn auf dieser Ebene geholfen werden kann, dann ist es ein großer großer Türöffner.

Das Prozedere

Im Bereich des Literaturübersetzens bin ich seit Ende der 1990er Jahre/Anfang 2000 sozusagen im Geschäft. Ich übersetze sehr unterschiedliche Autoren, das macht großen Spaß, weil man ist ja als Übersetzer so eine Art Schauspieler, man schlüpft in Rollen, man schlüpft in Sprachstile und man kann da Dinge aus sich herausholen, die im Alltag normalerweise verschüttet sind, nicht heraus dürfen. Ich denke gerade an ein spannendes Drehbuch-Projekt, das ich kürzlich abgeschlossen habe, wo eine sehr vulgäre, sehr Slang behaftete Sprache verwendet wurde im Griechischen und es hat richtig Spaß gemacht das zu recherchieren und hier Lösungen im Deutschen zu finden. Lösungen, wo es im Deutschen ja auch Probleme gibt, bei so einer vulgären, Fäkal-Sexualsprache, wie man die rüberbringt und das war spannend. Andere Texte haben einen wesentlich höheren literarischen Stil, ich denke da z.B. an Ioanna Karystiani, mit deren Texten man sich lange beschäftigen muss, um einen Zugang zu finden und überhaupt einen Zugang zum Verständnis zu finden. Ich bin auch jetzt dazu übergegangen, was ich früher nicht so oft gemacht habe, Übersetzungen anderer Kollegen aus anderen Sprachen zu Rate zu ziehen, die unglaublich helfen, weil dann hast du bereits einen Text vor von einem Menschen, der sich monatelang mit dem Werk beschäftigt hat und auch mit dem Autor schon kommuniziert hat, Dinge besprochen hat. Das ist eine unglaublich gute Basis, wenn man sich mit so schwierigen Autoren auseinandersetzt, man wird vor vielen Missverständnissen bewahrt, vor Sackgassen, vor falschen Assoziationen und wenn man sich das ersparen kann, dann sollte man das auch ruhig so tun. Ich glaube, das gemeinsame Element, wie wir an literarische Texte rangehen, ist doch meistens, dass man den ganzen Text erst mal liest. Ich meine dadurch bekommt man ja natürlich aber schon auch wiederum, hat man ein Vorurteil selbst auch beim Übersetzen. Ein Experiment wäre mal wirklich einen Text Satz für Satz, genauso wie ihn dann der Leser lesen wird, zu übersetzen. Aber notgedrungen wird man dann Missverständnisse ausräumen müssen, denen man selber aufsitzt als Übersetzer und man hat dann eigentlich die doppelte und dreifache Arbeit. So macht es schon Sinn, erstmals sich den ganzen Text anzuschauen und zu gucken, wo geht das Ganze überhaupt hin. Und ich glaube das Gemeinsame für alle Texte ist einfach diese, die übergreifende semantische Struktur zu finden. Also, wir sind nicht ja auf der Wortebene...Ich meine, man ist immer auf der Wortebene, ja, wo man das treffende Wort sucht, aber das treffende Wort an sich entsteht ja aus der übergeordneten semantischen Ebene, also aus der Satzebene und dann aus der Absatzebene und dann aus der Textebene und da verändern sich noch mal ganz viele Sachen und darum finde ich auch diese Art von Übersetzungskritik unzutreffend, die dann an irgendeinem einzelnen Wort sich aufhängt. Also, da hat sich jetzt irgendetwas völlig missverstanden oder ganz falsch übersetzt, weil diese Auswahl der Wörter ja sich eben auf einer anderen Ebene abspielt als auf der Wortebene und dass man oft ein Wort, was hier total treffend wäre, die richtige Übersetzung wäre, die richtige Terminologie, das man immer wieder verwirft, weil sie in den ganzen übergeordneten Zusammenhang nicht passt, weil das stilistisch zum Beispiel nicht reinpasst. Und so ist es sehr anspruchsvoll eine wirklich gute Übersetzungskritik auszuüben, weil man da natürlich auf diese Metaebene gehen muss. Die Übersetzungskritik auf der Mikroebene ist einfacher. 

Kulturspezifika

Bei den Realien, die uns immer wieder beschäftigen, wie wir die übertragen, das sind natürlich bestimmte Feste, Feiertage, bestimmte Speisen, die nur im jeweiligen Land bekannt sind. Na ja, ein gutes Beispiel ist eine Handbewegung, die sogenannte „Moutza“ in Griechenland, da habe ich echt lange Recherchen angestellt, gibt es sie noch in irgendeinem anderen Land? Ich dachte in den arabischen Ländern vielleicht, ich fragte Kollegen, es war nirgends bekannt, es scheint eine zutiefst griechische Geste zu sein. Ich habe dann gelesen in einem Lexikon, es soll in byzantinischer Zeit mit einer mit Asche verschmierten Handfläche erklärt worden sein, die man auf jemanden zeigt und das ist eine schwere Beleidigung im Griechischen. Und für diese Geste gibt es keine Entsprechungen im Deutschen, überhaupt keine. Also Vogelzeigen... Und es gibt auch die doppelte „Moutza“ mit zwei Händen, die ist noch schwerer zu übersetzen. Also ich habe mich schon ab und zu beholfen mit „Vogelzeigen“ oder „Stinkefinger“ oder so ähnlich. Man kann das einsetzen, wenn diese „Moutza“ jetzt nicht so eine riesengroße Bedeutung hat im Text. Es gibt zum Beispiel einen Text von Petros Markaris wo diese „Moutza“ eine Bedeutung im Text hat. Und da habe ich einfach den Begriff eingeführt und auch im Text dann elegant - hoffe ich doch - erklärt, was es ist. Seitdem benutze ich auch die „Moutza“ immer wieder, sozusagen als einen von mir bereits eingeführten Begriff. Und so können wir vorgehen, dass wir immer so Teile der Alltagskultur der anderen Sprache übertragen. Aber das geht ja nur, wenn Texte übersetzt werden. Wenn keine Texte übersetzt werden, kann das nicht passieren und das ich ja genau das, worauf die russische, die französische, die englische, die italienische Literatur etc. in deutscher Übersetzung fußt, dass eine große Anzahl von Werken seit Jahrhunderten übersetzt werden und da eine Basis bilden für den deutschen Leser. Dass der deutsche Lese weiß, „Werst“ ist irgendein russisches Längenmaß, das heißt, ich muss es dann nicht in Metern oder in irgendwas anderes übersetzen. Das Ziel wäre vielleicht, dass irgendwann mal auch griechische Maße wie „Oka“ oder „Stremma“, die auch urgriechische Maße sind, auch von selbst verstanden werden und man da gar nicht lange suchen muss und irgendwelche Übersetzungen dafür findet.

Einbürgerung vs. Verfremdung

Die größte Herausforderung ist eigentlich immer die Distanz zu finden, egal was für ein Text das ist, ob das jetzt ein alltagssprachlicher Text ist oder ein sehr elitärer und gesuchter Text ist, das größte Problem ist und bleibt für den Übersetzer, egal wie lange er im Geschäft ist und wie viel Erfahrung er hat, die Distanz vom Original zu finden. Diesen Respekt, den wir vor dem Original haben, diese Verantwortung, die wir fühlen dem Originalautor gegenüber. Vielleicht ist es nochmal stärker bei den kleinen Sprachen, wo man die Autoren ja meistens auch persönlich kennt, mit ihnen vertraut ist, befreundet ist, da fühlt man sich noch mal mehr gebunden, das doch möglichst so rüberzubringen wie es im Original steht, um dem Text noch mehr zu dienen und auch dem Autor. Das ist aber in vielen Fällen kontraproduktiv, weil das, was notwendig ist, um eine wirklich gute Übersetzung zu machen, ist den Schritt zurück zu tun vom Originaltext und einen ganz eigenen Text daraus zu machen. Und vor allem sich von der Interpunktion und von der Syntax zu lösen. Das ist eine total interessante Erfahrung, die ich mit dem Internetportal mache, dass ich mehr und mehr beginne, Kollegen zu lektorieren, dass wir uns gegenseitig auch lektorieren und da lernt man unglaublich viel, weil man bei anderen Kollegen sieht, wie sich die eigenen Probleme wiederspiegeln. Man merkt „Ach, genau, das ist der Punkt, da wäre ich auch hängengeblieben, wäre ich auch zu nah am Original geblieben“. Ich aber jetzt als jemand, der das Problem kennt und den Abstand habe und gar nicht ins Original schaue, kann den richtigen Vorschlag machen an der Stelle, praktisch die Lösung bringen, oder einen Schritt zu einer Lösung beitragen. Die Frage, die sich der Lektor natürlich immer stellt bei einem griechischen Werk, ist, wie weit greife ich ein. Wie weit bürgere ich den Text in die deutschsprachige Kultur ein? Wie weit belasse ich Dinge, Ausdrücke, Ortsnamen, Eigennamen - Ortsnamen, Eigennamen schon - aber zum Beispiel besondere Realien, wie weit belasse in der Originalsprache und wie weit suche ich dafür ein deutsches Äquivalent, das meistens nicht genau dem Original entspricht. Meine Erfahrung ist, dass man versucht - einfach auch schon als Übersetzerin - den Leser zu entlasten. Dass man darauf schaut, wenn sehr viele Eigennamen, Toponyme, Speisen usw. vorkommen, dass man da nicht noch eins darauf setzt und sozusagen Neologismen aus dem Neugriechischen in die deutsche Sprache einführt, eventuell auch noch mit einem Sternchen und dann Fußnoten und dann groß und breit irgendwas erklärt. Das muss man von Text zu Text entscheiden, wie man das handhabt, da gibt es keine Patentlösungen. Bei der Literaturübersetzung stellt sich immer die Frage, inwieweit oder wie gehe ich mit dem Fremden um, mit dem Fremdsein, mit den Fremdkörpern im literarischen Text des Originals, wie bringe ich den in die Zielsprache. Dieses fremde Element wird von der einen Fraktion der Theoretiker als wertvoll angesehen, als das was erhalten bleiben muss, auch im übersetzten Text, es soll den Leser befremden. Die andere Fraktion sagt, der Text sollte hinbewegt werden zum deutschen Leser, also dem deutschen Leser entgegen kommen. Man könnte auch sagen ein bisschen mundgerecht serviert werden. Als Übersetzer versucht man meistens beide Richtungen zu befriedigen, beide Ansprüche zu befriedigen. Weil man will den Leser ja nicht verschrecken, man ist auch angewiesen darauf, dass er dieses Buch weiter liest und dass er dieses Buch weiterempfiehlt und dass er auch das nächste Buch von diesem Autor kauft. Also in dem Sinne versucht man ihn zu gewinnen und nicht abzuschrecken. Anderseits fühlt man sich sowieso dem Original gegenüber verpflichtet und dem Stil des Originalautors und versucht natürlich so viel wie möglich davon rüberzubringen und beizubehalten. Das ist die große Frage, der große Balanceakt des literarischen Übersetzens sowieso, also dass man dieses Gleichgewicht beibehält zwischen Originalautor und Übersetzung, eine Einheitlichkeit des Stils herzustellen.

Kann Literaturübersetzen unterrichtet werden?

Ich glaube schon, dass man Literaturübersetzen unterrichten und erlernen kann. Man braucht allerdings... Also ich habe das auch in Kursen gesehen, die ich gehalten habe, wo ich Kontakt mit Studenten hatte, wo wir gemeinsam Texte übersetzt haben. Es ist nicht jeder gleich talentiert, genau wie nicht jeder gleich talentiert ist, gute Texte zu schreiben. Sowohl das Schreiben als auch das Übersetzen ist eine Übungssache. Es ist aber auch eine Talentsache. Talent im Sinne einer Sensibilität, des Spürens von Subtexten, das muss der Übersetzer können. Er muss einfach erspüren: „Oh, in dem Text da ist irgendein Zitat, ich muss es ja nicht gleich erkennen, aber ich muss das Gefühl haben, da muss noch recherchiert werden, da verbirgt sich ein geheimer Hinweis, es hat etwas Kriminalistisches.“ Und dafür muss man ein Gespür haben. Es ist gar nicht so sehr das Talent, es ist ein Gespür. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob man dieses Gespür erwerben und erlernen kann. Es kommt mir vor, dass man das vielleicht schon mitbringen sollte, um ein richtig guter Literaturübersetzer zu werden. Auf der anderen Ebene, der handwerklichen, kann ein Studiengang für Literaturübersetzen unglaublich viel helfen. Aber dieses Gespür kann man dadurch nicht ersetzen. Also eine Kombination aus beiden würde eine wunderbare junge Generation von Literaturübersetzern aus dem Griechischen hervorbringen und das wünsche ich mir.

Lektorat

In deutschen Verlagen, die griechische Literatur herausbringen, wird natürlich lektoriert, das ist klar und das ist auch ein Punkt, warum wahrscheinlich sich viele deutsche Verlage scheuen griechische Autoren rauszubringen, weil Lektoratsbedarf da ist, weil die griechischen Texte im Original, im griechischen Verlag nicht entsprechend lektoriert werden. Es gibt die Tradition nicht so sehr. Es ist einfach eine deutsche philologische Tradition, die Texte genau zu lesen und Übersetzungen genau zu lesen und zu lektorieren, also sprachlich richtig damit zu arbeiten. Und das wissen dann die Lektoren, dass diese Arbeit mehr oder weniger in der Übersetzung auf sie zukommt, dass sie das Original mit lektorieren. Und das könnte möglicherweise ein Punkt sein, warum man sich scheut. Aber die Erfahrung haben die deutschen Lektorate eigentlich mit nahezu allen anderen Literaturen, dass nirgendswo so gründlich lektoriert wird wie im deutschsprachigen Raum.

Verlagswesen

Es gibt, zur Zeit kenne ich zwei Literaturagentinnen, die im griechischsprachigen Raum tätig sind. Also Griechinnen, die zu den Buchmessen fahren, zu den großen, und dort versuchen, griechische Autoren anderen Verlagen in Europa und Amerika anzubieten. Lektoren, die sitzen in den Verlagen und die sind wichtig für uns, wenn sie irgendein Interesse an Griechenland haben. Aus irgendeinem Grund, vielleicht ein Haus in Griechenland, oder irgendeine andere Beziehung zu Griechenland, dann können wir da so ein kleines Türchen finden, um mit diesen Personen zu kommunizieren und denen Vorschläge zu machen. Die müssten sie dann natürlich wiederum gegenüber ihrer Marketingabteilung und gegenüber ihren Kollegen vertreten und im Grunde zählen die Verkaufszahlen. Da brauchen wir uns nichts vormachen. Das ist das Um und Auf und wenn ein relativ unbekannter griechischer Autor jetzt nicht annähernd an zehntausend Exemplare verkauft, ist er weg vom Fenster. Da ist er schon mal gar nicht interessant und das macht es schwer für junge aufstrebende griechische Autoren. Das Rezept hat man sich erhofft bei der Buchmesse 2001, dass es da vielen Autoren durch die Promotion gelingen würde, diese magische Grenze zu überschreiten. Es ist ein paar Autoren gelungen, den meisten leider nicht. Und die ein, zwei Autoren, Petros Markaris oder Ioanna Karistiani, die es geschafft haben, mehrere zehntausende - Markaris sowieso noch mehr - zu verkaufen, die sind dann auch auf dem Markt geblieben. Die anderen sind mehr oder weniger wieder verschwunden und im deutschsprachigen Raum gibt es das Problem, wenn du einmal bei einem Verlag nicht mehr weiter verlegt wirst, dann ist es ganz schwer in einem anderen Verlag unterzukommen. Ein Rezept für diese magische Grenze von mehreren Tausend Exemplaren, wo möglich eben nah an den Zehntausenden, ist schwer zu beantworten. Also die Verlage selbst versuchen sich eine Antwort zu geben darauf und zwar suchen sie die Quadratur des Kreises zwischen Regional und Global, die sehr sehr schwer zu finden ist. Und wenn man ihnen Vorschläge macht, dann ist ihnen der eine Autor zu regional, das interessiert dann das große Publikum nicht, und der andere Autor ist ihnen wieder zu global, ja da ist zu wenig Griechisch drin, zu wenig Bezug zum Herkunftsland des Autors. Also sie suchen nach einer ganz magischen austarierten Kombination aus diesen beiden Elementen und das ist schwer zu finden.

Übersetzungsförderung

Ich habe jetzt die Erfahrung aus dem Griechischen heraus. Ich nehme an, dass es für andere kleinere Sprachen ähnlich ist, aber andere kleinere Sprachen haben einen Vorteil gegenüber dem Griechischen, weil es mehr Möglichkeiten von Förderung und Promotion gibt. Zum Beispiel in Deutschland gibt es Stiftungen, die sich mit Literaturen aus Südosteuropa, Mitteleuropa und Osteuropa beschäftigen. Diese Förderung schließt aber Griechenland per se immer aus, weil Griechenland nicht zum ehemaligen Ostblock gehörte und obwohl es zu diesem Kulturraum des Balkans gehört. Gut, die Griechen haben da auch oft sich sehr distanziert verhalten zu diesem Kulturraum und haben selbst nicht besonders viel Interesse gezeigt dazu zu gehören. Das ist so ein bisschen eine gegenseitige - wie soll ich sagen? - Definitionsproblematik. Es gibt Förderungen und da stecken immer auch politische und im Grunde immer ökonomische Interessen dahinter, dass man z.B. Literatur aus der Türkei fördert, viel mehr fördert, wo es große Übersetzerpreise gibt, die ausgeschrieben werden, Programme für den Austausch von Autoren. Griechenland fällt da immer hinten runter und ich denke, das Portal sollte auch, werde ich auch an diese Institutionen richten und sagen, hier ist viel Potenzial vorhanden, hier gibt es viel Kreativität gerade in der jetzigen Situation in Griechenland. Es wird hier sehr viel freigesetzt an Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Es ändert sich so ein bisschen die Mentalität der Griechen auch in ihrem Verhalten untereinander, man geht mehr aufeinander zu, man kooperiert mehr, Kollektivität ist im Moment angesagt, die früher nicht so sehr gepflegt wurde, und dadurch entstehen ganz neue Möglichkeiten, ganz neue Projekte und die würde ich gerne dem deutschsprachigen Publikum vorstellen.

Übersetzungskritik

Es gibt so Gerüchte, dass es diese nicht gibt. Ja, Übersetzungskritik im deutschsprachigen Raum, die an Übersetzungen geübt wird, es tut sich was auf dem Gebiet. Also, wir Literaturübersetzer werden immer mehr wahrgenommen, das ist Tatsache, und es liegt aber auch daran, dass wir selbst sehr viel dafür getan haben, damit das passiert. Also es gibt den VDÜ, das ist der Berufsverband der Literaturübersetzer, der unglaubliches Engagement hat und dessen Funktionäre sich unglaublich einsetzen für die Rechte der Literaturübersetzer. Wir haben auch eine wunderbare Website www.literaturuebersetzer.de, wo man sich auch über unsere Arbeit informieren kann. Die Aktivitäten der Literaturübersetzer haben dazu geführt, dass wir als Berufszweig wesentlich besser wahrgenommen werden. Es fängt auch im Bekanntenkreis des Literaturübersetzers an, dass die Leute anfangen auch darauf zu gucken, wer steht denn da noch auf dem Titelblatt außer dem Autor. Das ist eine erste Wirkung, die man erzielt. Es gibt auch mittlerweile einige wenige deutsche Verlage, die den Übersetzer auch auf das Umschlagbild mitnehmen, also das sollte sich immer mehr durchsetzen. Die Übersetzungskritik hängt noch etwas hinterher. Wir werden schon erwähnt und wahrgenommen, auch im Feuilleton, in Rezensionen, aber so eine fundierte Übersetzungskritik ist auch eine Sache des Aufwands der Zeit und der Voraussetzungen des Rezensenten und auch des Platzes. Also ich habe schon von mehreren Rezensenten gehört, die mir gesagt haben: „Tut mir leid, ich habe noch was zur Übersetzung dazu geschrieben gehabt, aber mir wurde das raus gestrichen, weil kein Platz mehr war“. Also das ist auch ein Argument der Textredaktion in den Medien, wo die Rezensenten schon bereit wären, dem Übersetzer mehr Raum zu geben, aber die Textredaktion meint, also jetzt machen wir mal, straffen wir noch mal schnell.


Zum Interview

Ort: Thessaloniki
Datum: 10. Mai 2014
Interviewerin: Anthi Wiedenmayer
Kamera und Schnitt: Apostolos Karakasis
Lizenz: CC BY-NC-ND 3.0 DE

Zitiervorschlag: Anthi Wiedenmayer, "Interview mit Michaela Prinzinger", Übersetzerporträts, Freie Universität Berlin/CeMoG, Berlin, 2018, http://www.cemog.fu-berlin.de/ue-portraets